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Autorin: Wachtel, Stefan.
Titel: Formen des Sprechens.
Quelle: Sprechen und Moderieren in Hörfunk und Fernsehen. Konstanz 2000. S. 21-36.
Verlag: UVK Medien.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Stefan Wachtel
Formen des Sprechens
Die Sprechsituationen in Hörfunk und Fernsehen bestimmen die Art, wie wir sprechen: vor dem Mikrofon (live oder aufgezeichnet), vor der Kamera (On) oder in einem Tonstudio auf bereits produzierte Filmbeiträge (Off). Von diesen professionellen Gegebenheiten abgesehen, sind die Formen des Sprechens: frei Sprechen, Vorlesen und Auswendiggelerntes Wiedergeben. Ob wir auf diese oder jene Weise sprechen, das ist in Hörfunk und Fernsehen besonders folgenreich, weil jede Schwierigkeit überdeutlich zu hören ist. Sprechen findet in den Medien meist als Monolog statt. Weil im Monolog ein direktes Feedback der Zuhörer ausbleibt, klingt das Gesprochene oft merkwürdig. Frei sprechen ist leider immer noch selten, die »Reden« in den Medien werden meist vorher schriftlich fixiert. Die Texte werden entweder abgelesen oder sogar – für Moderationen und Aufsager auswendiggelernt und »aufgesagt«. Wenn wir also nicht frei sprechen, vergessen wir manches, das zur Situation dazugehört.
Die Situation ist einfach und komplex zugleich: Da sitzt einer und soll/will vor dem Mikrofon mit oder zu Hörern sprechen. Und da ist zunächst nur der Text. Falsch wäre es, den nur sprecherisch zu »gestalten«. Dann nämlich dirigiert der Text und der Sprecher ist Ausführender von etwas Fertigem. Aber auch Sprecher und Text zusammen bleiben hermetisch, sind noch nicht kommunikativ. Am Sprechausdruck ist dann in aller Regel hörbar, dass nicht eigentlich jemand gemeint ist, weil der Hörerbezug fehlt.

Was journalistisches Sprechen außerdem erschwert: Die Sprechsituation ist eine andere als die von Recherche, Planung und Schreiben der Texte. Text oder Stichwortkonzepte sollten aber nicht mehr als Gedankenhilfen sein (vgl. S. 83 ff.).
Es genügt auch nicht, eine klare Vorstellung vom »Inhalt« zu haben, obwohl das eine Voraussetzung ist. Erst über die Vorstellung eines Zuhörers oder Zuschauers können wir eine Ansprechhaltung entwickeln; sie verbindet Sprecher, Text und Zuhörer. Nur all dies zusammen lässt erst wirkliche Kommunikation entstehen. Wir müssen die ganze Situation vor Augen haben; denn sie bestimmt, wie etwas zu sagen ist. Das folgende Situationsmodell beruht auf Hellmut Geißner (2000, 97):

Wer informieren und überzeugen will, muss Denken und Sprechen in Übereinstimmung bringen. Zwei Vorgänge sind dabei wichtig: Sprechdenken und Hörverstehen. Beides lernen wir in der Kindheit, nur zeigt es sich immer wieder, dass vor allem das Sprechdenken nicht ausgereift genug ist für öffentliches Reden in Radio und Fernsehen.
Sprechdenken heißt, logisch zusammenhängende Sinneinheiten vorausschauend zu planen und dabei eine Gliederung von »Gedanken« in sprecherische Einheiten herzustellen. Der Begriff des Sprechdenkens beschreibt, was uns scheinbar selbstverständlich ist: Das Gedachte soll im Sprechausdruck sinn-fällig werden. Sprechdenken ist die Übersetzung von Denken mittels Sprache in Körperlich-Lautliches.
Aus der Psycholinguistik weiß man, wie Gedanken nach Form und Ausdruck suchen: Beim Sprechdenken formen wir eine anfängliche Gedanken-Leitvorstellung zu einer Äußerung. Dabei setzen wir gesprochene Sätze nicht aus Einzelworten zusammen, das Sprechdenken geht nicht synthetisch vor: Wir gliedern zunächst eine oft noch nebulöse Gesamtvorstellung in logische, teils auch chronologische Folgen. Diese Teilvorstellungen werden später zu Wortblöcken und beim Aussprechen dann zu Sätzen. Dazu lösen wir analytisch aus dem Gedankenstrom eine »dominierende Vorstellung« heraus – die spätere Hauptbetonung. So entsteht zunächst ein Kern, der oft ein Substantiv ist. Später erst wird weiter sprachlich expandiert. In dieser letzten Phase übernehmen wir zum Beispiel teilweise fertige Wendungen. Der Weg von der Bewusstseinsvorstellung über die vorsprachlichen Formen bis zur endgültigen Entfaltung sieht etwa wie auf der folgenden Abbildung aus.

Haben wir den Kern klar vor Augen, dann planen wir weiter Zweitwichtiges zu weiteren Wortblöcken – die eventuellen Nebenbetonungen (Stock 1996). Jetzt kommen die Verben hinzu, sie geben die Denkrichtung an. Der Satz wird nun auf seinen letzten Teil hin aufgebaut, schließlich steht das Wichtige am Ende (vgl. Wachtel 1997). Erst spät passen wir die nun klare Vorstellung in gelernte grammatikalische Muster ein. Was den mündlichen Satz vom schriftlichen unterscheidet: Die Betonungen des gesprochenen Satzes setzen wir also nicht durch den grammatikalischen Rang, sondern aus der denkpsychologischen Intensität. Das macht schon plausibel, dass Regeln für das Vorlesen, auch für das Schreiben fürs Hören, aus den Regeln der Schrift-Grammatik allein nicht abzuleiten sind (»immer das Subjekt betonen« oder ähnliche Borniertheiten).
Beim Sprechdenken bringen wir das, was im Bewusstsein nebeneinander existiert, in ein Nacheinander des Aussprechens. Denken und Sprechen sind sukzessiv-verschränkt, beides geschieht nicht präzise nacheinander. Dabei beeinflussen die Prozesse von Denken und Sprechen einander. Tempo und Klarheit des Gedachten äußern sich im Gesprochenen; umgekehrt wirkt auch das Sprechen auf das Denken zurück.
Das Wort »Satz« bedeutete ursprünglich: fest geformt, einen fertigen Schritt »setzen«. Setzend sprechen wir Inhalte, die keiner bewussten Ausformung mehr bedürfen: feste Wendungen, Floskeln, fertig Gedachtes, Bemerkungen, Ritualisiertes und Standardisiertes. »Guten Tag« oder »Geh'n wir«, das so »Gesetzte« hat immer nur eine Betonung. Diese Art der Satzplanung ist hörverständlich, schon weil die Schritte kurz sind.
Für die meisten Mitteilungen aber müssen wir Sätze regelrecht planen. Hier gibt es zwei Arten, je nachdem, wie weit das Denken dem Sprechen vorauseilt. Weitgehend fertig geplante Sätze entwickeln wir fortlaufend. Wissen wir dagegen noch nicht, was wir im Satz sagen wollen, dann planen wir phasenweise.

Der Sprecher weiß schon, was er mit dem Satz sagen will: In dieser »fortlaufenden« Form ist der Schritt bereits weitgehend geplant, wenn er ausgesprochen wird: hierbei fügen wir gleichsam die Sinneinheiten aneinander, durch Atempausen getrennt. Dieses Sprechdenken verläuft relativ flüssig; die Wortbilder sind teilweise bereits vorhanden, oft schon früh das leitende Verb. Fortlaufendes Sprechen ist linear und nicht verschachtelt, in kurzen Schritten mit nur einem Sinnkern pro Satz. Hier erscheinen die Gedankenschritte in der Gliederung des Gesprochenen, weil »Sinnschritte« um je eine Betonung herum entstehen. Wir fügen sie kurz und hörverständlich aneinander. Solche Sinnschritte sind leicht zu sprechen und leicht anzuhören. Es sind, grammatisch gesagt, einfache Sätze oder Teile von Satzverbindungen oder -gefügen. Am fortlaufenden Sprechen solcher Schritte lässt sich das Sukzessive des Sprechdenkens gut zeigen:

Der Sprecher weiß noch nicht genau, was er mit dem Satz sagen will. So sprechen wir Komplizierteres aus, manchmal auch mit dem Wunsch, »druckreif« zu sprechen. Diese »phasenweise« Satzplanung ist schwerer, weil hier die vollständige Sprachform noch nicht vor Augen steht, wenn wir zu sprechen beginnen. Nur das Thema ist da, der Satzkern ist nur nebulös vorhanden. Die weitere Ausformung ist offen und die Richtung kann sich ändern, weil der Satzkern erst während des Aussprechens entsteht. Phasenweise planen wir den Satz erst zu Ende, während wir seinen Beginn schon ausgesprochen haben.
Die Folgen für Gliederung und Betonung liegen auf der Hand: Am sichersten ist es immer, fortlaufend in kurzen Schritten zu sprechen. Phasenweises Sprechen dagegen produziert mehr potenzielle Betonungen. Können wir diese Betonungen nur ungenau gestalten, ergeben sie eine Reihung, die monoton klingt – wie beim schlechten Vorlesen. Auch die Sinnschritte werden länger. Phasenweises Sprechen ist allerdings die kreativste Form: Wer sie anwendet, sollte sie auch gut beherrschen. Das »komponierende« daran ist dem Satz-»bauenden« Schreibdenken ähnlich:

• Beim frei Sprechen sollte man eher setzend oder fortlaufend planen, weil das besser hörverständlich und weniger störanfällig ist.
• Dazu sind die Sinnkerne und die Verben in ein Stichwortkonzept aufzunehmen (vgl. S. 83 ff.).
• Phasenweises Sprechdenken mit längeren Sätzen vermehrt notwendig die Betonungen und erschwert das Verstehen.
Das Verstehen mündlicher Sätze ist mehr als Hören und Aufnehmen. Es ist auch etwas anderes als das Dekodieren von Zeichen; das nämlich tut ein Computer auch. Hörverstehen heißt, das Gehörte und Verstandene in die eigenen Erwartungen und Erfahrungen hereinzunehmen und sinnvoll in Beziehung zu setzen. Die Zuhörer und Zuschauer sind am Sinn beteiligt. Die Zuhörer und Zuschauer können das Gesprochene nur einmal aufnehmen und nicht »zurückhören«, sie brauchen die Pausen vor und nach jedem Sinnschritt. Das Hörverstehen geschieht in denselben Schritten wie das Sprechdenken.
Sprechdenken und Hörverstehen sind etwas anders als Schreibdenken und Leseverstehen. In den Medien wird das Problem besonders prekär, da viele Redakteure aus den Printmedien zu Hörfunk und Fernsehen wechseln. Gerade Journalisten, die von der Zeitung kommen, »bauen« und verdichten vielfach ihre Sätze. Schreibdenkend Entstandenes ist für das Leseverstehen gedacht. Leser können eher schon nachlesen – wenn sie es auch nicht tun müssen. An geschriebenen Sätzen sind keine Regeln für die Betonung abzulesen; sie haben eigentlich keine Betonung, weil sie nicht das Körperliche des Aussprechens mitbedenken und nicht zwingend auf einen Sinnkern im zweiten Teil des Satzes ausgerichtet sind.
Frei Sprechen lässt sich auf mehrere Weisen verstehen. Es könnte bedeuten: etwas erzählen, vor sich hin reden ohne Sinn und Verantwortung. Es versteht sich, dass es in dieser Bedeutung gerade nicht in den Medien gebraucht werden kann. Frei Sprechen wird gelegentlich verstanden als das Wiedergeben von Vorgefertigtem, um damit sprecherische Fertigkeit vorzutäuschen. Mit frei Sprechen ist aber hier gemeint: die Satzplanung originär zu vollziehen, d.h. keinen bereits geschriebenen Text abzulesen und auch nicht Vorproduziertes zu memorieren. Frei Sprechen ist somit das, was wir am häufigsten tun, wenn wir reden: denken während des Sprechens.
Nur dadurch, dass wir im Moment des Aussprechens denken, was wir sprechen, ist eine größtmögliche Authentizität und Verständlichkeit möglich. Das ist zu hören in der Betonung. Im frei Gesprochenen sind die Betonungen angemessen oder »richtig« allein deshalb, weil die Betonung genau auf dem Wort liegt, das im inneren Vorausdenken der Sinnkern ist. Diese Hauptvorstellung wird die Betonung, und nur so werden wir leicht verstanden. Erst »der Ton macht den Sinn« (Gutenberg 1989).
Damit sind auch die Pausen klar: Die Sinnschritte um die Betonung herum sprechen wir normalerweise »auf einem Atem« mit einer Pause vor und nach dem Schritt. Im freien Sprechen unterbrechen wir diese Sinnschritte so gut wie nie. Die so entstehenden Schritte lassen sich leicht hörverstehen. Ein einfaches Beispiel aus einer Nachrichtenmoderation mit zwei Sinnschritten folgt. Die Zeichen bedeuten:

Wir kontrollieren laufend das Denk- und Planungstempo einerseits und das Sprechtempo andererseits. Gelingt das nicht, dann werden Laut- und Wortbilder nicht klar geformt. Es kommt bei zu hohem Sprechtempo zu Verstümmelungen (vgl. S. 144 ff.), bei zu geringem Sprechtempo zu Stockungen.
Nicht immer trennen in der Alltagsrede die Pausen die Sinnschritte exakt. Geschieht das häufig, erschweren wir dadurch das Verstehen.
Manche Sprecher versuchen sich an zu langen, oft schwerfällig geplanten Konstruktionen. Der Wunsch, »richtig« zu sprechen, entstammt dem Missverständnis, dass grammatikalische Korrektheit die Wirkung ausmacht. Vornehmlich Redakteure aus den Printmedien sitzen diesem Missverständnis auf. Der Hörer braucht aber das Fehlerfreie weniger als das Authentische.
Abschweifungen der Satzplanung: Zu häufig wird phasenweises Sprechen in komplizierten Schritten versucht. Wir beginnen dann Sätze, ohne ihren Sinnkern im Kopf zu haben; sie beginnen oft genug stereotyp: »Dergestalt ...«, »In der Weise, dass ...«.
In komplizierteren Sätzen können Atem und Denken durcheinander geraten; der Atem verzögert sich und blockiert.
Oft wird »sinnleer« geatmet (noch häufiger beim Vorlesen), bevor der Satzkern geplant ist. Dann wird das Atmen zu laut.
Auch die Wortfindung macht oft Probleme. Das ist im freien Sprechen ohne Stichwörter so, weil die gleichzeitige Planung von Sätzen und größeren Zusammenhängen überfordern kann. Meist fehlen die Verben. Weil wichtige Wörter fehlen, werden Fülllaute (»eh«, »ehm«) in die Rede eingebaut.
Zu häufig sind Floskeln und Versatzstücke, die nicht beim Sprechen gedacht sind, vor allem in der Agentursprache. Die beliebtesten Leerwörter entstammen der Politik: »Strukturen«, »Handlungsbedarf« etc.
Vieles frei Gesprochene ist zu kompliziert oder ausschweifend (»vom Hundertsten ins Tausendste kommen«) oder es verliert den Faden. Die gleichzeitige Planung der Abfolge der Argumente verlangt ebenfalls viel Aufmerksamkeit. Das führt zum Vergessen von Wesentlichem und zum willkürlichen Verändern der Reihenfolge während des Redens. Weitere Probleme der Redeplanung sowie Methoden für Satzplanung und Redeplanung freien Sprechens gibt das Kapitel über Moderation an (S. 91 ff.).
Es versteht sich, dass das Vorlesen weniger authentisch ist als das freie Sprechen, denn wir sprechen bereits ausformulierte Sprache aus. Das verführt vor dem Mikrofon dazu, dieses Manko durch allerlei Manieriertheiten vertuschen oder ausgleichen zu wollen. Oft wird auch versucht, so vorzulesen, als würde frei gesprochen.
Dabei ist das Vorlesen schon schwer genug. Es setzt ohnehin die Pausen oft sinnwidrig, sie zeigen nicht mehr die des Sprechdenkens:
»Die SPD hat heute im
Landtag zum ersten
Mal eine
Abstimmungs-
Niederlage erlitten.
Verhandelt wurde in
erster Lesung über
das neue Hier sind weder die
Flüchtlings- Schrittgliederung noch die
Aufnahmegesetz. Die Betonungen erkennbar.
Opposition aus ...«
Der Text ist zunächst nur ein Kontinuum aus Wörtern: Die Buchstabenreihe verführt dazu, sich an dieser Wortfolge entlang zu arbeiten und bestenfalls korrekt auszusprechen. Wer nicht gut den Gedanken überblickt, kann auch nicht körperliche Spannung halten. Betonungen und Pausen werden gleichförmig, und der aus der Schule bekannte Leseton wird somit vor dem Mikrofon »auf höherem Niveau« fortgesetzt. Beim Vorlesen sollten wir aber so sprechen, dass es dem freien Reden sehr nahe kommt. Dann erst kann das Gesprochene auch »gut betont« werden. Aus vielfältigen Gründen gelingt dies häufig nicht so, wie es sein sollte:
Zu viele unbeabsichtigte Betonungen. Der Grund ist oft »reihendes Lesen«, das heißt, in sinnwidrigen Schritten an der Wortfolge entlang zu sprechen. Reihendes Lesen klingt so, als probte man erst im Vorlesen den Sinn. Hier fehlt es am Vorausschauen des Sinnschrittes. Diese Monotonie wird im Studio zusätzlich verstärkt durch einen stereotypen Rhythmus der Körperbewegungen. Mancher will dadurch Sicherheit hinsichtlich Versprecher gewinnen. Und wirklich stabilisieren gleichförmige Bewegungen des Körpers auch die Bewegungsabläufe des Sprechens, allerdings mit dem Ergebnis dieses rhythmischen »Singsangs«.
Überhöhtes Tempo. Das fällt den Hörern auch zuerst auf. Selten ist aber das Sprechtempo absolut zu hoch. Man kann durchaus schnell sprechen, aber nur, wenn die Betonungen und Pausen stimmen. Nur weil es auch dort Probleme gibt, tut das Tempo ein Übriges. Oft wird zu viel Text für eine zu kurze Sprechzeit geplant. Hinzu kommt die Angst vor Pausen und zu kurze und zu häufige Atmung. Das erhöht die Spannung und treibt das Tempo zusätzlich an.
Bewusstloses Vorlesen. Das heißt vorzulesen ohne den Inhalt zu erfassen. Der Text wird dann heruntergelesen, exekutiert. Trotzdem soll aber der Eindruck entstehen, das Ganze sei mit Sinn und Verstand geschehen, und nicht selten wird auch vom Sprecherzieher verlangt, er solle gerade dies trainieren. Das ist nicht möglich.
Atemnot. Viele vorgelesene Sätze beginnen intensiv, laut und schnell und verlieren ihre Intensität. zum Ende hin fast gänzlich.
Auch die Sprechmelodie setzt dann am Satzanfang hoch ein und endet tief, zusätzlich sinkt die Spannung. Schon normal lange Sätze verklingen am Satzende kaum hörbar. Durch den fehlenden Überblick lässt sich der Atem nur schlecht bis zum Satzende führen; der Satz haucht aus.
Gleich klingende Satzmelodie. Viele Sprecher atmen mit Text zu kurz und zu eng. Während des Lesens sinkt die Tonhöhe stetig. Ein Satz klingt dann wie der andere; die Melodiebewegungen sind gleich:

Betonungen immer auf dem allerletzten Wort. Hinweise wie »Beim Punkt die Stimme runter«? sind nicht immer richtig. Vielleicht wird deshalb in gelesenen Texten am Satzende die Stimme so oft heruntergedrückt. Dadurch klingt die Stimme am Satzende rau, aber weit folgenreicher ist das Herunterdrücken für den Sinn: Der Wunsch, das Satzende anzuzeigen, wirkt wie eine Betonung. So betont man das meist unwichtige Verb am Satzende. Die schwere Betonung auf dem allerletzten Wort ist falsch, denn das Verb ist nur selten der Sinnkern. Nach der Hauptbetonung noch einmal zu betonen ist immer problematisch, weil die letzte Betonung dann fälschlich als Hauptbetonung ankommt. Allerdings fällt zum Ende eines frei oder lesend gesprochenen Sinnschrittes normalerweise die Stimme in die Lösungstiefe; das kennzeichnet den Gedanken als abgeschlossen. Allerdings sollte sich die Stimme lösen und darf nicht nach unten verspannen, also nicht:

Gleichartige Betonungen. Oft zeigen die Betonungen nicht die unterschiedliche Wichtigkeit. Sie sind nicht abgestuft. Die Stimme wird dann nicht nach dem Sinn gehoben oder gesenkt, sondern grundsätzlich gehoben. Auch das ist gemeint, wenn Redakteure zu hören bekommen: Sie singen! Ursache ist dieser Gleichklang der Betonungen, der den »Spannbogen« des Satzes zerreißt.

»Interessanter« sprechen wollen. Dahinter steht u.a. die Angst, langweilig zu wirken, oft schon die bloße Angst vor Pausen. Zu vieles wird mit übertriebenem, unechtem Ausdruck vorgelesen. Das kann in einem Missverständnis begründet liegen. Viele Sprecher am Mikrofon meinen, sie müssten einen besonderen Ausdruck an den Tag legen. Das Beispiel in der obigen Grafik ist willkürlich inhaltlich überspitzt und mag zeigen, dass gerade diese Sprechmelodie langweilen kann.
Fehlende Pausen. Manche Sprecher ziehen zu viele Sinnschritte ohne gliedernde Pausen zusammen. Diese Bindungen sind willkürlich. Ein Grund dafür kann das Missverständnis sein, möglichst viel Luft haben zu müssen. Zu viel Luft lässt in einem Schritt sagen, was einmal mehrere Gedanken waren.
Zu kurze Pausen. Auch wenn Pausen sinnvoll gesetzt werden, sind sie oft schon für den Sprecher zu kurz; der kann in so kurzer Zeit den Satz nicht überschauen und kann die Stimmung und die Betonung nicht erfassen. Sind die Pausen zu kurz, kann man sich beim Vorlesen nicht Satz für Satz das ursprünglich Gemeinte vergegenwärtigen, manchmal auch nicht das, was man nur wenige Sätze vorher gesprochen hat. Auch zu wenig Atem kann den Sinn zerhacken.
Zu laut. Weil im Studio der Zuschauer fehlt, fühlen sich die Sprechenden animiert zu »mehr«. Dieses Mehr ist nicht angemessener Ausdruck, sondern meist mehr Dynamik. Zu laut gelesen wird meist an Satzanfängen; Spannung und Atemluft lassen sich dann nicht über den gesamten Satz dosieren.
Lebloses, nur zitierendes Vorlesen. Vieles andere lässt ein wirkliches Engagement vermissen. Mit zu geringem Ausdruck wird vor allem dann gelesen, wenn wir uns beim Vorlesen nicht Schritt für Schritt den Sinn vergegenwärtigen.
Zeitfenster. In Fernsehbeiträgen muss die Sprache in vorgegebene Zeitrahmen passen, deren Länge häufig genug nicht ausreicht für den Textteil. Viele Autoren messen deshalb vor der Produktion den Text sprechend aus. In der Studiosituation nimmt man sich dann vor, »besser« zu lesen, und das dauert länger. Dann muss man schneller sprechen als es dem Zuschauer verständlich wäre, vor allem zusammen mit dem Verstehen der Bilder (vgl. Ordolff/Wachtel 1997).
eine geringe Fähigkeit zum Hören – vor allem von Sprechmelodien
eine geringe Sprechdenkfähigkeit. Die gesuchten Worte werden zudem ebenso nachdrücklich gesprochen wie mühsam gefunden
die nicht vorhandene Vorstellung eines Hörers
eine mangelnde Fertigkeit, Betonungen verschieden zu gestalten und die Stimmungen beim Vorlesen zu empfinden
ungünstige Körperhaltung und Atmung, die manchmal über rhythmische Bewegungen die Akzente nach den physiologischen Nöten und nicht nach dem Sinn setzen lassen
»Par Cœur«, vom Herzen kommend, so heißt Auswendiges im Französischen. Das ist eher metaphorisch, denn vom Herzen kommen nur Stimmungen, die wir im Moment des Aussprechens fühlen. Der Text des auswendig Gelernten ist zu einem anderen Zeitpunkt geschrieben als er ausgesprochen wird. Wer auswendig Gelerntes spricht, entwickelt es nicht in der Situation mit einem Gegenüber. Er gestaltet es bestenfalls aus – oder spult es einfach herunter. Solches »frei« sprechen, so-tun-als-ob, klingt eigentümlich; es lädt auch nicht zum Dialog ein. Zwar kannte die Antike das Auswendiglernen als Stufe der Redevorbereitung. Die »memoria« des vorgeplanten Wortlautes, inzwischen weiß man das, ist aber weder natürlich noch authentisch. Gute Schauspieler können das zwar, im Funk geht es aber darum gerade nicht. Der Journalismus arbeitet ohnehin schon oft genug mit Inhalten aus zweiter Hand, sollte also nicht auch noch Abgestandenes »präsentieren«.
Es ist ähnlich wie beim ungeübten Vorlesen: Auch Auswendiggelerntes treibt zu einem hohen Tempo. Seneca musste darum vor rund 2000 Jahren raten: »Sprich langsam!« Zu schnell spricht man das Abgestandene, denn der Sinn ist abgeschlossen, und das auswendig Gesprochene verkommt zur Gedächtnisleistung. Betonen ist nicht einfach, weil oft nur die Wortfolge gelingt, kaum zusätzlich die Betonungen. Der gleichförmige Rhythmus des auswendig Gelernten lässt auch die Betonungen gleichförmig werden. So entsteht eine ganz besondere Art von Singsang:

Hier geben Gliederung und Pausen nicht das ursprünglich Gemeinte wieder. Die Atemnot diktierte die Pausen, die richtigen Sinnschritte wären andere. Die Sprechmelodie schließt selten einmal ab. Scheinbar weist so die Stimme weiter, wie in einer Aufzählung oder Prüfung: Was haben sie sich dazu gemerkt? Überzeugen läßt sich damit nicht. Das auswendig Gelernte ist insofern ein Monolog mit aller Sterilität: Es wirkt in sich abgeschlossen und glatt. Das Aufgesagte mag zwar (pseudo-) professionell wirken, wenn es flüssig vorgetragen wird. Fertigen Text zu memorieren birgt dennoch fast ausschließlich Nachteile. Man sollte sich, wenn überhaupt, nur einige Stichwörter einprägen – nicht aber den gesamten Text.
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1 Die angeführten Hörbeispiele sind in diesem Dokument nicht enthalten.