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Autorin: Wachtel, Stefan.

Titel: Formen des Sprechens.

Quelle: Sprechen und Moderieren in Hörfunk und Fernsehen. Konstanz 2000. S. 21-36.

Verlag: UVK Medien.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Stefan Wachtel

Formen des Sprechens


1. Formen des Sprechens

Die Sprechsituationen in Hörfunk und Fernsehen bestimmen die Art, wie wir sprechen: vor dem Mikrofon (live oder aufgezeichnet), vor der Kamera (On) oder in einem Tonstudio auf bereits produzierte Filmbeiträge (Off). Von diesen professionellen Gegebenheiten abgesehen, sind die Formen des Sprechens: frei Sprechen, Vorlesen und Auswendiggelerntes Wiedergeben. Ob wir auf diese oder jene Weise sprechen, das ist in Hörfunk und Fernsehen besonders folgenreich, weil jede Schwierigkeit überdeutlich zu hören ist. Sprechen findet in den Medien meist als Monolog statt. Weil im Monolog ein direktes Feedback der Zuhörer ausbleibt, klingt das Gesprochene oft merkwürdig. Frei sprechen ist leider immer noch selten, die »Reden« in den Medien werden meist vorher schriftlich fixiert. Die Texte werden entweder abgelesen oder sogar – für Moderationen und Aufsager auswendiggelernt und »aufgesagt«. Wenn wir also nicht frei sprechen, vergessen wir manches, das zur Situation dazugehört.



1.1 Kein Sprechen ohne Situation

Die Situation ist einfach und komplex zugleich: Da sitzt einer und soll/will vor dem Mikrofon mit oder zu Hörern sprechen. Und da ist zunächst nur der Text. Falsch wäre es, den nur sprecherisch zu »gestalten«. Dann nämlich dirigiert der Text und der Sprecher ist Ausführender von etwas Fertigem. Aber auch Sprecher und Text zusammen bleiben hermetisch, sind noch nicht kommunikativ. Am Sprechausdruck ist dann in aller Regel hörbar, dass nicht eigentlich jemand gemeint ist, weil der Hörerbezug fehlt.



Was journalistisches Sprechen außerdem erschwert: Die Sprechsituation ist eine andere als die von Recherche, Planung und Schreiben der Texte. Text oder Stichwortkonzepte sollten aber nicht mehr als Gedankenhilfen sein (vgl. S. 83 ff.).

Es genügt auch nicht, eine klare Vorstellung vom »Inhalt« zu haben, obwohl das eine Voraussetzung ist. Erst über die Vorstellung eines Zuhörers oder Zuschauers können wir eine Ansprechhaltung entwickeln; sie verbindet Sprecher, Text und Zuhörer. Nur all dies zusammen lässt erst wirkliche Kommunikation entstehen. Wir müssen die ganze Situation vor Augen haben; denn sie bestimmt, wie etwas zu sagen ist. Das folgende Situationsmodell beruht auf Hellmut Geißner (2000, 97):





1.2 Sprechen und Denken

Wer informieren und überzeugen will, muss Denken und Sprechen in Übereinstimmung bringen. Zwei Vorgänge sind dabei wichtig: Sprechdenken und Hörverstehen. Beides lernen wir in der Kindheit, nur zeigt es sich immer wieder, dass vor allem das Sprechdenken nicht ausgereift genug ist für öffentliches Reden in Radio und Fernsehen.



Sprechdenken

Sprechdenken heißt, logisch zusammenhängende Sinneinheiten vorausschauend zu planen und dabei eine Gliederung von »Gedanken« in sprecherische Einheiten herzustellen. Der Begriff des Sprechdenkens beschreibt, was uns scheinbar selbstverständlich ist: Das Gedachte soll im Sprechausdruck sinn-fällig werden. Sprechdenken ist die Übersetzung von Denken mittels Sprache in Körperlich-Lautliches.

Aus der Psycholinguistik weiß man, wie Gedanken nach Form und Ausdruck suchen: Beim Sprechdenken formen wir eine anfängliche Gedanken-Leitvorstellung zu einer Äußerung. Dabei setzen wir gesprochene Sätze nicht aus Einzelworten zusammen, das Sprechdenken geht nicht synthetisch vor: Wir gliedern zunächst eine oft noch nebulöse Gesamtvorstellung in logische, teils auch chronologische Folgen. Diese Teilvorstellungen werden später zu Wortblöcken und beim Aussprechen dann zu Sätzen. Dazu lösen wir analytisch aus dem Gedankenstrom eine »dominierende Vorstellung« heraus – die spätere Hauptbetonung. So entsteht zunächst ein Kern, der oft ein Substantiv ist. Später erst wird weiter sprachlich expandiert. In dieser letzten Phase übernehmen wir zum Beispiel teilweise fertige Wendungen. Der Weg von der Bewusstseinsvorstellung über die vorsprachlichen Formen bis zur endgültigen Entfaltung sieht etwa wie auf der folgenden Abbildung aus.





Haben wir den Kern klar vor Augen, dann planen wir weiter Zweitwichtiges zu weiteren Wortblöcken – die eventuellen Nebenbetonungen (Stock 1996). Jetzt kommen die Verben hinzu, sie geben die Denkrichtung an. Der Satz wird nun auf seinen letzten Teil hin aufgebaut, schließlich steht das Wichtige am Ende (vgl. Wachtel 1997). Erst spät passen wir die nun klare Vorstellung in gelernte grammatikalische Muster ein. Was den mündlichen Satz vom schriftlichen unterscheidet: Die Betonungen des gesprochenen Satzes setzen wir also nicht durch den grammatikalischen Rang, sondern aus der denkpsychologischen Intensität. Das macht schon plausibel, dass Regeln für das Vorlesen, auch für das Schreiben fürs Hören, aus den Regeln der Schrift-Grammatik allein nicht abzuleiten sind (»immer das Subjekt betonen« oder ähnliche Borniertheiten).

Beim Sprechdenken bringen wir das, was im Bewusstsein nebeneinander existiert, in ein Nacheinander des Aussprechens. Denken und Sprechen sind sukzessiv-verschränkt, beides geschieht nicht präzise nacheinander. Dabei beeinflussen die Prozesse von Denken und Sprechen einander. Tempo und Klarheit des Gedachten äußern sich im Gesprochenen; umgekehrt wirkt auch das Sprechen auf das Denken zurück.



Satzplanung

Das Wort »Satz« bedeutete ursprünglich: fest geformt, einen fertigen Schritt »setzen«. Setzend sprechen wir Inhalte, die keiner bewussten Ausformung mehr bedürfen: feste Wendungen, Floskeln, fertig Gedachtes, Bemerkungen, Ritualisiertes und Standardisiertes. »Guten Tag« oder »Geh'n wir«, das so »Gesetzte« hat immer nur eine Betonung. Diese Art der Satzplanung ist hörverständlich, schon weil die Schritte kurz sind.

Für die meisten Mitteilungen aber müssen wir Sätze regelrecht planen. Hier gibt es zwei Arten, je nachdem, wie weit das Denken dem Sprechen vorauseilt. Weitgehend fertig geplante Sätze entwickeln wir fortlaufend. Wissen wir dagegen noch nicht, was wir im Satz sagen wollen, dann planen wir phasenweise.





  1. Der Sprecher weiß schon, was er mit dem Satz sagen will: In dieser »fortlaufenden« Form ist der Schritt bereits weitgehend geplant, wenn er ausgesprochen wird: hierbei fügen wir gleichsam die Sinneinheiten aneinander, durch Atempausen getrennt. Dieses Sprechdenken verläuft relativ flüssig; die Wortbilder sind teilweise bereits vorhanden, oft schon früh das leitende Verb. Fortlaufendes Sprechen ist linear und nicht verschachtelt, in kurzen Schritten mit nur einem Sinnkern pro Satz. Hier erscheinen die Gedankenschritte in der Gliederung des Gesprochenen, weil »Sinnschritte« um je eine Betonung herum entstehen. Wir fügen sie kurz und hörverständlich aneinander. Solche Sinnschritte sind leicht zu sprechen und leicht anzuhören. Es sind, grammatisch gesagt, einfache Sätze oder Teile von Satzverbindungen oder -gefügen. Am fortlaufenden Sprechen solcher Schritte lässt sich das Sukzessive des Sprechdenkens gut zeigen:

    1. Der Sprecher weiß noch nicht genau, was er mit dem Satz sagen will. So sprechen wir Komplizierteres aus, manchmal auch mit dem Wunsch, »druckreif« zu sprechen. Diese »phasenweise« Satzplanung ist schwerer, weil hier die vollständige Sprachform noch nicht vor Augen steht, wenn wir zu sprechen beginnen. Nur das Thema ist da, der Satzkern ist nur nebulös vorhanden. Die weitere Ausformung ist offen und die Richtung kann sich ändern, weil der Satzkern erst während des Aussprechens entsteht. Phasenweise planen wir den Satz erst zu Ende, während wir seinen Beginn schon ausgesprochen haben.



      Die Folgen für Gliederung und Betonung liegen auf der Hand: Am sichersten ist es immer, fortlaufend in kurzen Schritten zu sprechen. Phasenweises Sprechen dagegen produziert mehr potenzielle Betonungen. Können wir diese Betonungen nur ungenau gestalten, ergeben sie eine Reihung, die monoton klingt – wie beim schlechten Vorlesen. Auch die Sinnschritte werden länger. Phasenweises Sprechen ist allerdings die kreativste Form: Wer sie anwendet, sollte sie auch gut beherrschen. Das »komponierende« daran ist dem Satz-»bauenden« Schreibdenken ähnlich:






Sätze planen

Beim frei Sprechen sollte man eher setzend oder fortlaufend planen, weil das besser hörverständlich und weniger störanfällig ist.

Dazu sind die Sinnkerne und die Verben in ein Stichwortkonzept aufzunehmen (vgl. S. 83 ff.).

Phasenweises Sprechdenken mit längeren Sätzen vermehrt notwendig die Betonungen und erschwert das Verstehen.





Hörverstehen

Das Verstehen mündlicher Sätze ist mehr als Hören und Aufnehmen. Es ist auch etwas anderes als das Dekodieren von Zeichen; das nämlich tut ein Computer auch. Hörverstehen heißt, das Gehörte und Verstandene in die eigenen Erwartungen und Erfahrungen hereinzunehmen und sinnvoll in Beziehung zu setzen. Die Zuhörer und Zuschauer sind am Sinn beteiligt. Die Zuhörer und Zuschauer können das Gesprochene nur einmal aufnehmen und nicht »zurückhören«, sie brauchen die Pausen vor und nach jedem Sinnschritt. Das Hörverstehen geschieht in denselben Schritten wie das Sprechdenken.

Sprechdenken und Hörverstehen sind etwas anders als Schreibdenken und Leseverstehen. In den Medien wird das Problem besonders prekär, da viele Redakteure aus den Printmedien zu Hörfunk und Fernsehen wechseln. Gerade Journalisten, die von der Zeitung kommen, »bauen« und verdichten vielfach ihre Sätze. Schreibdenkend Entstandenes ist für das Leseverstehen gedacht. Leser können eher schon nachlesen – wenn sie es auch nicht tun müssen. An geschriebenen Sätzen sind keine Regeln für die Betonung abzulesen; sie haben eigentlich keine Betonung, weil sie nicht das Körperliche des Aussprechens mitbedenken und nicht zwingend auf einen Sinnkern im zweiten Teil des Satzes ausgerichtet sind.



1.3 Frei Sprechen

Frei Sprechen lässt sich auf mehrere Weisen verstehen. Es könnte bedeuten: etwas erzählen, vor sich hin reden ohne Sinn und Verantwortung. Es versteht sich, dass es in dieser Bedeutung gerade nicht in den Medien gebraucht werden kann. Frei Sprechen wird gelegentlich verstanden als das Wiedergeben von Vorgefertigtem, um damit sprecherische Fertigkeit vorzutäuschen. Mit frei Sprechen ist aber hier gemeint: die Satzplanung originär zu vollziehen, d.h. keinen bereits geschriebenen Text abzulesen und auch nicht Vorproduziertes zu memorieren. Frei Sprechen ist somit das, was wir am häufigsten tun, wenn wir reden: denken während des Sprechens.

Nur dadurch, dass wir im Moment des Aussprechens denken, was wir sprechen, ist eine größtmögliche Authentizität und Verständlichkeit möglich. Das ist zu hören in der Betonung. Im frei Gesprochenen sind die Betonungen angemessen oder »richtig« allein deshalb, weil die Betonung genau auf dem Wort liegt, das im inneren Vorausdenken der Sinnkern ist. Diese Hauptvorstellung wird die Betonung, und nur so werden wir leicht verstanden. Erst »der Ton macht den Sinn« (Gutenberg 1989).

Damit sind auch die Pausen klar: Die Sinnschritte um die Betonung herum sprechen wir normalerweise »auf einem Atem« mit einer Pause vor und nach dem Schritt. Im freien Sprechen unterbrechen wir diese Sinnschritte so gut wie nie. Die so entstehenden Schritte lassen sich leicht hörverstehen. Ein einfaches Beispiel aus einer Nachrichtenmoderation mit zwei Sinnschritten folgt. Die Zeichen bedeuten:



Hörbeispiel 21



Probleme des freien Sprechens



3.4 Vorlesen

Es versteht sich, dass das Vorlesen weniger authentisch ist als das freie Sprechen, denn wir sprechen bereits ausformulierte Sprache aus. Das verführt vor dem Mikrofon dazu, dieses Manko durch allerlei Manieriertheiten vertuschen oder ausgleichen zu wollen. Oft wird auch versucht, so vorzulesen, als würde frei gesprochen.

Dabei ist das Vorlesen schon schwer genug. Es setzt ohnehin die Pausen oft sinnwidrig, sie zeigen nicht mehr die des Sprechdenkens:



»Die SPD hat heute im

Landtag zum ersten

Mal eine

Abstimmungs-

Niederlage erlitten.

Verhandelt wurde in

erster Lesung über

das neue Hier sind weder die

Flüchtlings- Schrittgliederung noch die

Aufnahmegesetz. Die Betonungen erkennbar.

Opposition aus ...«



Der Text ist zunächst nur ein Kontinuum aus Wörtern: Die Buchstabenreihe verführt dazu, sich an dieser Wortfolge entlang zu arbeiten und bestenfalls korrekt auszusprechen. Wer nicht gut den Gedanken überblickt, kann auch nicht körperliche Spannung halten. Betonungen und Pausen werden gleichförmig, und der aus der Schule bekannte Leseton wird somit vor dem Mikrofon »auf höherem Niveau« fortgesetzt. Beim Vorlesen sollten wir aber so sprechen, dass es dem freien Reden sehr nahe kommt. Dann erst kann das Gesprochene auch »gut betont« werden. Aus vielfältigen Gründen gelingt dies häufig nicht so, wie es sein sollte:



Hörbeispiel 3



Hörbeispiel 4



Hörbeispiel 5



Hörbeispiel 6



Hörbeispiel 7













Hörbeispiel 8



Hörbeispiel 9



Ursachen für schlechtes Vorlesen

1.5 Auswendiggelerntes Sprechen

»Par Cœur«, vom Herzen kommend, so heißt Auswendiges im Französischen. Das ist eher metaphorisch, denn vom Herzen kommen nur Stimmungen, die wir im Moment des Aussprechens fühlen. Der Text des auswendig Gelernten ist zu einem anderen Zeitpunkt geschrieben als er ausgesprochen wird. Wer auswendig Gelerntes spricht, entwickelt es nicht in der Situation mit einem Gegenüber. Er gestaltet es bestenfalls aus – oder spult es einfach herunter. Solches »frei« sprechen, so-tun-als-ob, klingt eigentümlich; es lädt auch nicht zum Dialog ein. Zwar kannte die Antike das Auswendiglernen als Stufe der Redevorbereitung. Die »memoria« des vorgeplanten Wortlautes, inzwischen weiß man das, ist aber weder natürlich noch authentisch. Gute Schauspieler können das zwar, im Funk geht es aber darum gerade nicht. Der Journalismus arbeitet ohnehin schon oft genug mit Inhalten aus zweiter Hand, sollte also nicht auch noch Abgestandenes »präsentieren«.

Es ist ähnlich wie beim ungeübten Vorlesen: Auch Auswendiggelerntes treibt zu einem hohen Tempo. Seneca musste darum vor rund 2000 Jahren raten: »Sprich langsam!« Zu schnell spricht man das Abgestandene, denn der Sinn ist abgeschlossen, und das auswendig Gesprochene verkommt zur Gedächtnisleistung. Betonen ist nicht einfach, weil oft nur die Wortfolge gelingt, kaum zusätzlich die Betonungen. Der gleichförmige Rhythmus des auswendig Gelernten lässt auch die Betonungen gleichförmig werden. So entsteht eine ganz besondere Art von Singsang:



Hier geben Gliederung und Pausen nicht das ursprünglich Gemeinte wieder. Die Atemnot diktierte die Pausen, die richtigen Sinnschritte wären andere. Die Sprechmelodie schließt selten einmal ab. Scheinbar weist so die Stimme weiter, wie in einer Aufzählung oder Prüfung: Was haben sie sich dazu gemerkt? Überzeugen läßt sich damit nicht. Das auswendig Gelernte ist insofern ein Monolog mit aller Sterilität: Es wirkt in sich abgeschlossen und glatt. Das Aufgesagte mag zwar (pseudo-) professionell wirken, wenn es flüssig vorgetragen wird. Fertigen Text zu memorieren birgt dennoch fast ausschließlich Nachteile. Man sollte sich, wenn überhaupt, nur einige Stichwörter einprägen – nicht aber den gesamten Text.





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1 Die angeführten Hörbeispiele sind in diesem Dokument nicht enthalten.

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