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Autor: Wagner, Hans-Ulrich.

Titel: 'Eine wahre Flut von Eich-Hörspielen überschüttet uns von allen Seiten her' - Auf dem Weg zum erfolgreichen Hörspielautor 1950-1953.

Quelle: Hans-Ulrich Wagner: Günter Eich und der Rundfunk. Essay und Dokumentation. Potsdam 1999. S. 82-106.

Verlag: Verlag für Berlin-Brandenburg.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Hans-Ulrich Wagner

"Eine wahre Flut von Eich-Hörspielen überschüttet uns von allen Seiten her" –

Auf dem Weg zum erfolgreichen Hörspielautor 1950-1953

Eich faßt zu Beginn der 50er Jahre wieder Fuß auf dem Gebiet des Hörspiels. Schnell und zielsicher gelingt ihm eine beeindruckende zweite Medienkarriere. Die erdrückende finanzielle Misere wird überwunden und schnell vergessen sein. Vom persönlichen Tiefpunkt Ende 1949 arbeitet er sich empor, in nur wenigen Jahren wird er als das "Eich"-Maß in puncto Hörspiel in der bundesrepublikanischen Nachkriegsliteratur gelten. Die föderalistisch strukturierte Rundfunklandschaft in Westdeutschland kommt dem Medienautor dabei zugute. Einige Stationen auf diesem Weg, die ihn zwischen 1950 und 1953 zum Hörspielautor par excellence werden lassen, werden im folgenden nachgezeichnet.

"Sich mit Hilfe der Rundfunkarbeit aus dem finanziellen Abgrund emporarbeiten" – Günter Eich und der Süddeutsche Rundfunk

Entscheidend für sein Hörspielschaffen wird die Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Sender. Karl Schwedhelm, der als Lektor für das Literaturprogramm tätig ist, hat bereits unmittelbar nach der Währungsreform den Kontakt hergestellt. Mehrfach reist Eich von Geisenhausen aus nach Stuttgart, privat beispielsweise zum Geburtstagsfest seines Schriftstellerkollegen Georg von der Vring und auch zu ersten Lesungen ins Funkhaus in der Neckarstraße. Noch im Verlauf des Jahres 1949 wird die Hörspieldramaturgie des Süddeutschen Rundfunks auf den medienversierten Autor aufmerksam. In einem Brief an Karl Schwedhelm notiert Eich am 28. Dezember 1949 in Klammern: "Die Hörspielabteilung übrigens schrieb mir, doch leider kann ich bei der geplanten Reihe nicht mittun."1

Die "Reihe", von der Eich spricht, trägt den Titel "Pioniere des Hörspiels". In Stuttgart will man seit einiger Zeit ein Programm zusammenstellen, das Autoren und Funkarbeiten aus der Frühzeit des akustischen Mediums präsentieren soll. Initiiert hat diesen historischen Rückblick der knapp 30jährige Gerhard Prager (1920-1975).

Der in Oberplanitz bei Zwickau in Sachsen geborene Prager gehört zu den jungen, rundfunk-unerfahrenen Mitarbeitern, die nach dem Krieg von den alliierten Kontrolloffizieren angestellt worden sind und der bald eine steile Medienkarriere startet.2 Bei Ende des Krieges verschlägt es den Leutnant der Luftwaffe nach Stuttgart, wo er Dramaturg am Schauspielhaus, Verlagslektor und Mitbegründer des literarischen Kabaretts "Die Mausefalle" wird. Seit 1948 zunächst als fester freier Mitarbeiter, von 1949 bis 1953 dann als Chefdramaturg am Stuttgarter Rundfunk, sorgt er für ein ambitioniertes Hörspielprogramm. Obwohl selbst ein Funkneuling verbinden sich mit seinem Namen viele der herausragenden Aktivitäten des SDR-Hörspiels in den frühen 50er Jahren.

Prager ist mit diesem Engagement am Stuttgarter Funkhaus nicht allein. Er arbeitet mit der sogenannten "Stuttgarter Genietruppe" eng zusammen. Diese Gruppe junger Funkmitarbeiter sammelt sich um Helmut Jedele (*1920). Meist sind es noch Studenten an der Universität in Tübingen, die hier in verschiedenen Sparten des SDR-Hörfunkprogramms tätig werden. Jedele und Prager rufen mehrfach Autorenkonferenzen ein, sie veranstalten Hörspielreihen unter Titeln wie "Um Freiheit und Menschenwürde", "Glaube und Gegenwart" oder "Hörspiele der Zeit" und sie widmen sich funkischen Experimenten, wie auf dem von Jedele seit Oktober 1949 verantworteten speziellen Sendetermin des "Funkstudios".3

Eichs (Wieder-)Beginn als Hörspielautor verbindet sich mit diesem profilierten Stuttgarter Programmangebot. Obwohl ihn sein Name als versierter Medienliterat prädestiniert für die geplante Reihe "Pioniere des Hörspiels", taucht er in einer undatierten Liste mit insgesamt 28 Titeln von 21 Autoren zunächst noch nicht auf. Paul Alverdes, Bertolt Brecht, Hermann Kesser, Ernst Wiechert und Friedrich Wolf stehen auf dieser Liste; Günter Eich sucht man vergeblich.4 Es bedarf offensichtlich erst eines gezielten Hinweises von Karl Schwedhelm, Eich und seine Funkarbeiten aus den 30er Jahren bei der Hörspielabteilung ins Gespräch zu bringen.5 Gerhard Prager wird Eichs Ansprechpartner. Mitte Februar 1950 lernt man sich im Funkhaus persönlich kennen.6 Der Chefdramaturg denkt zunächst an eine Neuinszenierung von Eichs 1935 entstandener "Weizenkantate". Eich äußert gegenüber seinem Freund Kuhnert am 20. Februar 1950:

"Stuttgart bringt eine Reihe "Klassiker des Hörspiels" (oder so ähnlich). Sie wollen meine Weizenkantate, die ich leider nicht mehr habe."7

Erst danach wird das Hörspiel "Ein Traum am Edsin-gol" vorgeschlagen, das 1932 geschrieben und bei der MIRAG bereits angenommen, aber durch die politische Entwicklung damals nicht mehr realisiert worden ist. In Stuttgart kennt man den Text des "Edsin-gol"-Hörspiels nicht, und auch Eich selbst muß erst Kuhnert um die Übersendung des "Kolonne"-Heftes bitten, in dem das Hörspiel damals abgedruckt worden ist. Geringfügige Änderungen werden von Eich am Text vorgenommen, er verfaßt ein kleines Vorwort dazu, das er im Studio selbst spricht, dann findet im September 1950 die Premiere des Hörspiels statt.

Eichs erstes künstlerisch anspruchsvolles Hörspiel aus der Zeit der Weimarer Republik markiert den Start seiner Hörspielarbeit in der Nachkriegszeit. Nicht etwa ein neues Hörspiel, das aus der Gunst der "Stunde Null" entstanden wäre, steht somit am Anfang der rundfunkliterarischen Karierre, sondern der Rückgriff auf einen unmittelbar vor der Machtergreifung Hitlers abgeschlossenen Text. Eich kann 1950 an Traditionen anknüpfen, die man - so die Stuttgarter Redakteure - in dieser Zeit als unterbrochen oder verschüttet ansieht. Prager hält programmatisch fest:

"Es wäre doch seltsam, wenn in den 25 Jahren, in denen nun Hörspiele geschrieben werden, keine Funkdichtung entstanden wäre, deren Neuinszenierung sich lohnt",

und verknüpft diese Traditionssuche bereits am Beginn der 50er Jahre mit der Forderung, ein "Hörspiel-Repertoire" zu bilden:

"Der Rundfunk [ist] verpflichtet, diese wenigen guten Hörspiele den Hörern wieder zu vermitteln und mit ihnen ein Hörspiel-Repertoire zu begründen, das der Rundfunk so nötig hat."8

Kontinuität und Neuanfang, Rückgriff auf Bewährtes und Neuerproben - nur mit solchen Gegensatzpaaren kann das Stuttgarter Hörspiel-Programmangebot adäquat beschrieben werden. Denn trotz der in der Literatur so gerühmten Experimentierfreudigkeit der "Stuttgarter Genietruppe", die u.a. in ungewöhnlichen Stimmenspielen wie Paul Ohlmeyers "Odilo" (SDR, 20.10.1949) oder satirisch-kabarettistischen Balladen wie den "Kantaten auf der Kellertreppe" des jungen Martin Walser (SDR, 4.5.1951) für Aufsehen sorgt, bildet das Stuttgarter Funkhaus gleichzeitig ein Sammelbecken speziell für viele der funkerfahrenen Hörspielliteraten aus den 30er und 40er Jahren. Günter Eich steht mit seinem Nachkriegsdebüt in Stuttgart nicht allein, er reiht sich in eine lange Liste mit Stammautoren wie Josef Martin Bauer, Otto Rombach, Walter Bauer, Georg von der Vring und Walter Erich Schäfer ein.

Eichs Debüt am Süddeutschen Rundfunk steht vor diesem Hintergrund einer "aktiven Dramaturgie", wie sie die Stuttgarter Redakteure vertreten. Prager konstatiert mehrfach in der Presse, daß seiner Ansicht nach die "Hörspielkrise" der Nachkriegszeit eine "Krise der Autoren" sei: "Es fehlen, wir wollen es einmal getrost aussprechen, die Dichter, die für den Rundfunk zu schreiben gewillt oder befähigt sind." Konsequenz dieser These ist es, Autoren systematisch zu fördern; die finanziellen Anreize so zu gestalten, daß es für freie Autoren interessant wird, für das Medium Rundfunk zu schreiben.9 In Günter Eich erkennt Gerhard Prager solch einen talentierten Funkautoren, den er an seine Abteilung binden möchte.

Das Mittel der Auftragserteilung bildet dabei einen ersten Versuch. Am 6. August 1950 gelangt "Das Diamantenhalsband" zur Sendung, eine Auftragsarbeit der SDR-Dramaturgie. Die Funkbearbeitung nach der Novelle von Guy de Maupassant wird zu Eichs erstem Hörspiel für den Stuttgarter Sender. Im Februar 1950 geschrieben, stellt sie das unmittelbare Ergebnis der Begegnung Eichs mit Prager im Stuttgarter Funkhaus dar.

Doch eine solche einzelne Produktion reicht zur finanziellen Absicherung nicht aus. In Stuttgart überlegt man, wie man Eich längerfristig an den Sender binden könnte. Der Zeitpunkt ist günstig, denn Günter Eich bemüht sich gerade, seine Schulden-Misere in den Griff zu bekommen. Da die Honorare aus gelegentlichen Zeitschriftenveröffentlichungen sowie die Einkünfte aus der lyrischen Produktion dazu nicht ausreichen, entschließt sich Eich: "Ich hoffe, mich mit Hilfe der Rundfunkarbeit im Laufe des Jahres aus dem finanziellen Abgrund emporzuarbeiten."10 Diese in einem Brief an Andersch formulierte Zuversicht stützt sich auf die Tatsache, daß Eich einen "Mitarbeiter-Vertrag" am SDR erhalten soll. Eich nutzt den einmal in Gang gekommenen Kontakt zu Gerhard Prager, sein Renomee als "Hörspiel-Pionier" sowie inzwischen seinen Erfolg als Preisträger der "Gruppe 47", um einen solchen Autorenvertrag unterschriftsreif zu bekommen. Dieser kommt zustande. Beide Seiten unterzeichnen ein Abkommen, das Eich für das Jahr 1951 verpflichtet, vier Hörspielarbeiten und drei Hörfolgen abzugeben. Im Gegenzug erhält der Autor von Januar bis Dezember 1951 eine Zuwendung von 500,- DM monatlich, also insgesamt 6 000,- DM. Der Süddeutsche Rundfunk erprobt diese Form der mäzenatischen Möglichkeiten zum ersten Mal, die einem freien Autor ein solides finanzielles Polster gewähren soll.11

Eich löst seine Verpflichtungen nahezu vollständig ein. Nacheinander entstehen die Hörspiele "Sabeth oder Die Gäste im schwarzen Rock", "Fis mit Obertönen", "Verweile, Wanderer" sowie "Die Andere und ich". Im Zusammenhang mit Eichs so gerühmter Hörspielkunst ist festzuhalten, daß so bedeutende Texte wie "Sabeth" und "Die Andere und ich" ihre Entstehung dieser vertraglichen Verpflichtung verdanken. In Stuttgart erkennt man die Qualität dieses Hörspiel-Quartetts und zeigt sich sehr zufrieden. Von den im Vertrag ebenfalls erwähnten drei Hörfolgen ist bald nicht mehr die Rede. Eich, früher so routiniert im Umgang mit diesen thematischen Zweckformen, tut sich jetzt sehr schwer damit. Vielleicht stellt das im Nachlaß befindliche Manuskript "Der Strom. Von Schicksal und Zeit" einen solchen ungelenken Versuch dar, eine Hörfolge für Stuttgart zusammenzustellen; zur Sendung gelangt diese Reihung schwermütiger Texte jedenfalls nicht. In einem Brief an Gerhard Prager schlägt Eich deshalb am 15. Juni 1951 vor:

"Nun weiß ich nicht, ob Sie noch ein fünftes Hörspiel von mir verkraften können. Wenn ja, wäre ich eigentlich froh, wenn wir den Vertrag dahin abändern könnten, daß ich statt der drei Hörfolgen ein Hörspiel abliefere."12

Am Süddeutschen Rundfunk zeigt man sich großzügig. Die Honorare für diese vier Hörspiele werden so hoch bemessen, daß man nicht nur auf die Hörfolgen insgesamt verzichtet, sondern der Autor durch die Zahlung von Sende- bzw. Wiederholungshonoraren sogar auf die stolze Summe von knapp 8 000,- DM im Jahr 1951 kommt.13 Eichs bekundete Absicht, "sich mit Hilfe der Rundfunkarbeit aus dem Abgrund emporzuarbeiten", kann sich auf diese Weise erfüllen.

Nur eine kurze Episode - Günter Eich und der Bayerische Rundfunk

Beileibe nicht so erfolgreich ist Eichs Kontakt zum Bayerischen Rundfunk. Dieser ist gleichsam Eichs Haussender, liegt doch das kleine Dorf Geisenhausen nahe Landshut im Niederbayerischen. Seine Kontakte zu Schriftstellerfreunden in der Metropole sind eng: Erhard Göpel wohnt in München, ebenso Wolfgang Bächler und Walter Kolbenhoff. Des öfteren fährt Eich zu ihnen, mehrfach hält er sich für Tage und Wochen in München auf. Aber entgegen den allerersten Beziehungen zum Münchner Sender, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zustande kamen, entwickelt sich die Zusammenarbeit mit der seit dem 25. Januar 1949 öffentlich-rechtlich lizenzierten Rundfunkanstalt nur wenig und reißt schließlich sogar ab. Der Bayerische Rundfunk bildet in der Phase des rundfunkliterarischen Durchbruchs von Günter Eich in den frühen 50er Jahren nur eine kurze Episode.

Dabei wollte es 1949/50 zunächst so scheinen, als hätte Eich bei den bayerischen Hörspielmachern Erfolg. Auch in München bekennt man sich zu einer "aktiven Dramaturgie". Auf dem Gebiet des Hörspiels verbindet sich diese mit den Namen Friedrich-Carl Kobbe (1892-1957), der die Leitung der Abteilung und die Oberspielleitung im Juli 1949 übernimmt. Kobbe kommt vom Film und aus der Verlagsarbeit; von 1940 an arbeitete er in den Geiselgasteiger Studios als Dramaturg, von 1946 bis 1949 als Verlagsleiter bei Kurt Desch, einem der wohl wichtigsten literarischen Verleger in der Nachkriegszeit. Dabei war Kobbe ganz selbstverständlich auf den Lyriker Günter Eich aufmerksam geworden.14

Ein erstes Projekt für die Hörspielabteilung des Bayerischen Rundfunks ist schnell vereinbart; sein Arbeitstitel: "Die gekaufte Prüfung". Am 12. Januar 1950 erhält Günter Eich hierfür 400,- DM als Vorschuß überwiesen; das Exposé dazu hatte Eich vor Weihnachten abgeschlossen. Leider fehlen die Unterlagen im Archiv des Bayerischen Rundfunks, um zu beurteilen, warum das Hörspiel in München nicht realisiert wird und daraufhin Ende 1950 in Hamburg seine Premiere erlebt. Vielleicht zieht Günter Eich selbst es zurück, um es nach Erscheinen des Artikels "Klausurthemen - preiswert gehandelt. Skandal an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Hamburger Universität" am 12. Januar 1950 in der "Neuen Zeitung" neu zu konzipieren. Eich jedenfalls reagiert auf das Drängen des Abteilungsleiters im April - "Kobbe schmerzt schon verdächtig lange"15 - mit einem neuen Projekt, der orientalischen Fabel "Geh nicht nach El Kuwehd".

Wilm ten Haaf (1915-1995) spielt beim Zustandekommen dieser Funkarbeit eine nicht unerhebliche Rolle, wie er überhaupt in der Korrespondenz Eichs mit Kuhnert immer wieder als Ansprechpartner genannt wird. Die beiden Schriftstellerfreunde kennen den vielseitigen Regisseur gut, der 1938/39 an den ersten Fernsehversuchssendungen in Berlin beteiligt war und 1946 das "Theater im Torturm" in Kitzingen gründete. 1948 wechselte der gebürtige Rheinländer zum Schulfunk von Radio München, wo er u.a. Eichs Kinderhörspiel "Glücksschuhe" inszenierte. Seine Medienlaufbahn setzte ten Haaf 1949 als Hörspielchef für kurze Zeit am Saarbrücker Sender fort, bevor er 1952 nach München zum Start des Bayerischen Fernsehens zurückkehren sollte.

Am 25. April 1950 berichtet Günter Eich Kuhnert über mehrere seiner Hörspielarbeiten und führt zu "Nr. 4" aus:

"Bleibt Nr. 4, das Kobbe neulich akzeptierte. Ten Haaf soll es inszenieren. Er fährt zunächst nach Saarbrücken, stellt dort, sozusagen zur Vorübung, ein Band her und dann in München ein zweites. Die Münchener Fassung soll zuerst gesendet werden ( ... ). Ich habe also den Eindruck, daß das Opus einigermaßen geraten ist und das war auch für meinen Seelenfrieden dringend notwendig, denn allmählich beschlich mich das trübe Gefühl, es sei aus mit mir."16

Entgegen der Absicht, in München urzusenden, erlebt das Traumspiel um den Kaufmann Mohallab jedoch seine Premiere in Saarbrücken und wird wenige Tage später von ten Haaf in München neuinszeniert. "Geh nicht nach El Kuwehd" ist das einzige Hörspiel, das in der ersten Hälfte der 50er Jahre durch die dramaturgische Zusammenarbeit des Bayerischen Rundfunks mit Günter Eich entsteht. Die Namen der großen Hörspielerfolge des Autors verbinden sich mit anderen Hörspielabteilungen in Deutschland.

Dabei fehlt es in München keineswegs an Initiativen, um den auch in München lautstark beklagten Mangel an Originalhörspielen und talentierten Funkautoren zu beheben. An zwei solcher Aktionen beteiligt sich Günter Eich 1950.

Vom 25. bis 27. Mai 1950 veranstaltet Friedrich-Carl Kobbe zum ersten Mal ein Autorentreffen in München. Zirka 20 Schriftsteller sind eingeladen, darunter Günter Eich. Der hoch verschuldete Autor will sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen:

"Ende Mai (?) wird Kobbe eine Hörspiel-Animier-Tagung in München halten, wozu in Bayern ansässige Schriftsteller eingeladen werden. Interviewe doch noch ten Haaf darüber. Es sollen reichlich Spesen vergütet werden, vielleicht lohnt es sich also."17

Obwohl Eich auf der "Animier-Tagung" dann bereits als Preisträger der Gruppe 47 auftreten kann - die Tagung in Inzigkofen fand zwei Wochen zuvor vom 12. bis 14. Mai statt - zeitigt dieses Treffen keinen Erfolg.

Auch bei einer weiteren Aktion zeigt die Münchner Hörspieldramaturgie keine glückliche Hand. Im Sommer 1950 schreibt sie einen Hörspielwettbewerb aus. 496 Arbeiten werden eingereicht. In den Listen findet man unter Nummer 419 den Eintrag "Günter Eich: Träume", eingegangen am 1. September 1950.18 Aber die unter einem Kennwort anonym einzureichende Arbeit findet vor den Juroren, darunter Harald Braun und Friedrich-Carl Kobbe, keine Anerkennung. In einer Pressemeldung verkündet die Jury, daß "keine der vorgelegten Arbeiten des 1. Preises von 5000,- DM würdig sei". Bei den beiden zweiten sowie den beiden dritten Preisen, die man vergibt, ist Günter Eich nicht dabei. Das Fazit der Jury über die Einsendungen verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit, weil es als Begründung dafür gelesen werden kann, warum man in München dem eingereichten "Träume"-Manuskript mit Unverständnis begegnete:

"Der Gesamteindruck der Jury laßt sich wie folgt zusammenfassen: Erfreulicherweise kamen durch das Preisausschreiben Arbeiten zum Vorschein, die über dem Durchschnitt der sonst beim Bayerischen Rundfunk einlaufenden Hörspiele liegen. Der eigentliche Wert der Einsendungen, die im allgemeinen eine geglückte funkische Form besitzen, liegt in ihrem dichterischen Gehalt. Jedoch hat sich gezeigt, daß es für den größten Teil der Autoren offenbar sehr schwierig ist, sich mit der heutigen Situation des Menschen künstlerisch erfolgreich auseinanderzusetzen. Es scheint den Autoren bis jetzt die Distanz zu den Ereignissen unserer Zeit und die nötige innere Überlegenheit zu fehlen. Infolgedessen laufen sie Gefahr, ihre Arbeiten in einer sowohl weltfremden als sogar luftleeren Sphäre anzusiedeln."19

Eine solche Formulierung läßt sich wahrscheinlich ebenso auf die fünf von Eich entworfenen Traumszenen beziehen. Eich ist sehr enttäuscht.20 Mit Redakteuren an anderen Rundfunkanstalten hat er mehr Erfolg.

Ein Brief von Günter Eich an Adolf Artur Kuhnert, eineinhalb Jahre später, am 16. Januar 1952, suggeriert in der Aufzählung von möglichen Ansprechpartnern im Münchner Funkhaus ein Bild, das diesmal den von Finanzängsten geplagten und in einem Schaffenstief befindlichen Freund im Fränkischen aufrichten soll; für Eichs eigene Person aber trifft es nicht mehr zu:

"In München ist jeden Montag um vier Uhr eine Sendung 'Der Autor liest' (20 Minuten). Da ja die 'Große Mutter' neu aufgelegt worden ist und Du in Bayern wohnst, sehe ich nicht ein, warum du dort nicht lesen solltest. (...) Schreibe an den Bayerischen Rundfunk. Der Mann heißt Wolfram Dieterich. Berufe Dich auf mich. Dann Schulfunk in München. Frau Schambeck. Frage an, ob Du da was machen kannst und schreibe, daß Du von mir und ten Haaf vor langem gehört hättest, Du solltest eine Sendung über Würzburg machen, und ob das immer noch geplant sei. Halbstündige Sendungen, möglichst in Hörspielform. ( ... ) Honorar 350,-. Alle Sendungen werden wiederholt, so daß sich 525,- ergeben. Wie ist es mit Kobbe, der doch Deinen Stevenson gebracht hat und Dich kennt?"21

Entgegen des Eindrucks, es bestünde eine intensive Zusammenarbeit, beschränkt sich Eichs Engagement im Münchner Funkhaus lediglich auf eine Schulfunksendung, den "Balthasar Neumann" (5.12.1950), sowie auf zwei Lesungen, die Wolfram Dieterich (*1910) arrangiert (22.1.1951; 9.10.1953). Letztere stellen eine insgesamt geringe Programmpräsenz dar, vergegenwärtigt man sich die Preisverleihungen der "Gruppe 47" im Sommer 1950 und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Mai 1951 an Günter Eich.

Eichs Einnahmen beim Münchner Sender gehen rapide zurück; 1952 erhält er überhaupt kein Honorar vom BR. Sieht man von der Beteiligung der Münchner Hörspielabteilung an der 1953 gegründeten Gemeinschaftsredaktion aus Südwestfunk, Radio Bremen und eben dem Bayerischen Rundfunk ab, da Baden-Baden die Federführung für Eichs Funkarbeiten übernimmt, so ergibt sich für die Jahre zwischen 1951 und 1955 keinerlei dramaturgische Zusammenarbeit von Friedrich-Carl Kobbe mit Günter Eich.22

Der freie Autor im Konzert der ARD-Rundfunkanstalten

Die fehlende Programmpräsenz beim bayerischen Haussender bekümmert Günter Eich nur wenig. Zielsicher nimmt er seinen 1933 begonnenen "Feldzug gegen den Rundfunk" erneut auf Waren es zu Beginn des Dritten Reiches die einzelnen Redaktionen der Berliner Funk-Stunde, die man als Autor angehen konnte, so kommt jetzt die föderalistische Struktur des Rundfunksystems in Westdeutschland hinzu. Eich nutzt diese sehr geschickt. Er lotet aus, welchem Redakteur an welchem Sender man das jeweilige Thema anbieten kann; er sondiert, welcher Dramaturg eine längerfristige Zusammenarbeit verspricht.

Dies zeigt sich, wenn man drei Briefstellen einander gegenüberstellt. Die erste ruft noch einmal die Nachricht an Martin Raschke ins Gedächtnis, mit der Eich am 24. April 1933 an seinen Dresdner Kollegen über seine Berliner Engagements Bericht erstattet:

"Lieber Martin! ( ... ).

Bronnen, der bis zur Einsetzung eines neuen literarischen Leiters Köppens Abteilung mitverwaltet, hat zunächst alles (soweit ich orientiert bin), was von Köppen angenommen ist, abgesetzt ( ... ). Vielleicht ist es aber besser, Deine Wut nicht zu zeigen, wenn Du an den Funk schreibst, denn meiner Ansicht nach besteht immer noch die Möglichkeit, daß das Stück als Reichssendung gebracht wird, wie es Köppen geplant hatte.

Im Augenblick ist es wohl das Sicherste, mit Hoffmann zu arbeiten, der fest im Sattel sitzt. Außerdem wird jetzt der Deutschlandsender immer wichtiger, der auf Kosten der Funkstunde vergrößert werden soll. ( ... ) Und wann kommst Du nach Berlin? Wir müssen doch den Feldzug gegen den Funk fortsetzen. Morgen gehe ich zum Deutschlandsender (nicht zu Pleister, der, wie man mir sagt, dort nur eine Nebenrolle spielt, sondern zu Fricke). Ich werde dir darüber Bericht erstatten.

Herzlichst Dein Günter"23

Die beiden folgenden Zitate entstammen den Briefen an Adolf Artur Kuhnert. Am 20. Februar 1950 schreibt Eich:

"Vom Hamburger Rundfunk höre ich nichts, ( ... ) mit einem Vorschuß vom Münchener Sender konnte ich die zweite Rate an meine Frau auch nur zum Teil zahlen. ( ... ) Dem Sender Köln schrieb ich Deine Anschrift, sie wollen wegen Hörspielen mit Dir in Verbindung treten. Dort sitzt Fräulein Wach, früher bei Roßkopf, als Dramaturgin. ( ... ) Stuttgart bringt eine Reihe 'Klassiker des Hörspiels' (oder so ähnlich). ( ... ) Ich glaube, es wäre richtig, dort keine Bearbeitung, sondern ein Original-Hörspiel einzusenden. Eigens für den Funk Geschriebenes wird überall bevorzugt."24

Und am 16. Januar 1952 heißt es:

"Wie wäre es, wenn Du einmal an Jürgen Eggebrecht schriebest? ( ... ). Ich werde, wenn ich ihn sehe, ihn ebenfalls bearbeiten. ( ... ) Schreibe an den Bayerischen Rundfunk, Literarische Abteilung. Der Mann heißt Wolfram Dieterich. Berufe dich auf mich.

Dann Schulfunk in München. Frau Schambeck. Frage an, ob Du da was machen kannst und schreibe, daß Du von mir und ten Haaf vor langem gehört hättest ( ... ).

Ten Haaf ist in Saarbrücken, kann nicht sehr viel zahlen, aber frage doch einmal bei ihm an wie ist es mit Kobbe ( ... )? Und mit Prager in Stuttgart ( ... )?

In Baden-Baden sitzt als Dramaturg Herr Häberlen, der die Sorgen des kleinen Mannes im Hörspiel behandelt sehen möchte. (Das ist nicht ganz einfach), aber wenn Dir da etwas einfiele, sie zahlen nächst Hamburg am besten.

In Frankfurt ist Dr. Hartmann Goertz (der auch in Marktbreit war) Dramaturg, der auch gern Bearbeitungen von Novellen, Romanen usw. bringt. ( ... ) Schreibe ihm, daß ich diese Anfrage veranlaßt hätte. Dort bringt man auch gern halbstündige spannende Hörspiele. Am besten zahlt, wie gesagt, Hamburg. Dort ist jetzt Dr. Schwitzke Leiter der Hörspielabteilung, früher am Deutschlandsender. Kennst Du ihn nicht auch? ( ... )"25

Die Parallelität von Wortwahl, strategischen Überlegungen und taktischem Verhalten ist frappierend. Wie schon 1933 so auch 1950, Günter Eich versteht es, virtuos auf der Klaviatur der einzelnen Dramaturgien und Redaktionen zu spielen. Hier wie dort verteilt er Tips und Hinweise, setzt sich für seine Freunde ein und nutzt selbstverständlich auch in eigener Sache die sich anbahnenden Kontakte.

Ein Umstand, der angesichts weitgehend fehlender personengeschichtlicher Studien in der Rundfunkgeschichtsforschung, hervorgehoben werden muß, berührt die Tatsache, daß neben den Rundfunkredakteuren der 'jungen Generation' vielfach auch erfahrene Rundfunkmacher aus früheren Zeiten in den ARD-Rundfunkanstalten um die Wende der 40er zu den 50er Jahren herum wieder tätig werden.26 Eichs zuletzt zitierter Brief an Kuhnert nennt einige dieser Redakteure, die der Autor von früher her bestens kennt:

Traute Wach (1913-1992), die ehemalige Mitarbeiterin des Dramaturgen Veit Roßkopf am Reichssender Leipzig, war nach dem Krieg am Aufbau der Hörspielabteilung des MDR maßgeblich beteiligt. 1948 wechselt sie in den Westen und arbeitet von da an als Dramaturgin an der von Wilhelm Semmelroth geleiteten Hörspielredaktion des NWDR-Köln. Eine Zusammenarbeit mit der Kölner Hörspieldramaturgie kommt allerdings nicht in Gang,27 da Günter Eich sehr bald bei der Hamburger Hörspielabteilung Erfolge feiern wird und die rivalisierenden Kompetenzabgrenzungen zwischen Hamburger und Kölner Hörspiel in den frühen 50er Jahren äußerst rigide sind.

Heinz Schwitzke (1908-1991) kehrt 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Er baut die Medienzeitschrift "Kirche und Rundfunk" in Bethel bei Bielefeld auf und avanciert zum Leiter der kirchlichen Rundfunkzentrale Bethel. Drei Jahre später holt ihn der damalige Intendant des NWDR, Adolf Grimme, nach Hamburg und bietet ihm zum 1. November 1951 die Leitung der neugeschaffenen Hauptabteilung "Hörspiel und Produktion" an. Schwitzke, der im Dritten Reich in unterschiedlichen Positionen am Deutschlandsender für literarische Sendungen zuständig gewesen war, kehrt damit in ein Aufgabengebiet zurück, das ihm wohlvertraut ist. Das Verhältnis des Autors Günter Eich zu dieser Dramaturgenpersönlichkeit umspannt somit nahezu alle Schaffensperioden, vom Dritten Reich angefangen über die "Blütezeit" des Hörspiels in den 50er Jahren bis zum Spätwerk des Autors in den 60er Jahren. Es entwickelt sich ein intensiv geführter dramaturgischer Kontakt, schließlich eine Duzfreundschaft. Heinz Schwitzke wird zeitlebens ein großes publizistisches Engagement für seinen Autor an den Tag legen.28

Mit Jürgen Eggebrecht (1898-1982), der wie Eich 1927 sein literarisches Debüt in der "Anthologie jüngster Lyrik" erlebte, verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft. Eggebrecht, einer der großen Literaturvermittler, setzt sich zeitlebens für Autorenkollegen wie Eich ein, als Lektor der Deutschen Verlagsanstalt von 1928 bis 1933, als Kriegsverwaltungsrat in der Zensurstelle des OKW von 1939 bis 1945 - wie bereits erwähnt - sowie schließlich seit 1949 als Leiter des Kulturellen Worts am NVTDR in Hamburg bzw. seit 1954 am NWDR in Hannover. Für das Funkhaus in Hannover, einer Drehscheibe akustischer Literaturvermittlung in den 50er Jahren, schreibt Eich zahlreiche Hörspielbearbeitungen bzw. -reihen: "Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht". 10 Folgen (1954); "Indianer und Rothäute". 3 Folgen (1954) und die "Phantastischen Geschichten". 10 Folgen (1956).

Doch zurück zu den untereinander wetteifernden Hörspieldramaturgien, deren unterschiedliche Profilierung der Autor zu Beginn der 50er Jahre so geschickt zu nutzen weiß. Parallel zu den bereits geschilderten Beziehungen mit Stuttgart und mit München sowie parallel zu dem am Schluß von Kapitel 2.3 angedeuteten, aber dort nicht näher ausgeführten Beziehung zu Alfred Andersch beim Hessischen Rundfunk, verdienen zwei Arbeitskontakte um so mehr Aufmerksamkeit, als sie für die Jahre bis 1953/54 die zweifelsohne produktivsten werden und es dem von Schulden bedrückten Autor ermöglichen, sich aus dem finanziellen Desaster zu befreien. Mehr als das: speziell mit Hilfe seiner Hörspielarbeiten für den SVNT in Baden-Baden auf der einen sowie für den NWDR in Hamburg auf der anderen Seite gelingt es Eich, zu einem Spitzenverdiener im Hörspiel-Geschäft zu werden.

Gemeinsam für die Konkurrenten – Günter Eich und der Südwestfunk in Baden-Baden, Günter Eich und der NWDR-Hamburg

Eichs allererstes Schrittfassen bei der kleinen Rundfunkanstalt im badischen Kurort an der Oos verdient ganz besonderes Interesse. Denn erstaunlicherweise, so muß man sagen, beginnt es erst am 7. April 1950. Die "aktive Dramaturgie" nämlich, die der kleine Sender in den unmittelbaren Nachkriegsjahren verfolgt hatte, ging an Günter Eich achtlos vorüber. Mehrfach hatte die SWF-Hörspieldramaturgie zuvor versucht, mittels gezielter Briefaktionen geeignete Funkautoren zu gewinnen. Die Adresse Eichs sucht man vergeblich auf diesen Listen.29

Nun reicht dieser unaufgefordert sein gerade fertiggestelltes Manuskript über den Kaufmann Mohallab ein. Doch er erhält prompt eine Absage. Obwohl Manfred Häberlen, der Dramaturg, den Namen Günter Eichs durchaus kennt, lehnt er den eingereichten Hörspieltext am 24. Mai mit einem Formschreiben kurzerhand ab. Er betont, daß man "vor allem gegenwärtige und reale Stoffe" suche. Häberlen unternimmt keinerlei Anstalten, mit dem Rundfunkautor vielleicht über ein anderes Thema ins Gespräch zu kommen.30 Doch diese Haltung wird sich sehr bald ändern. Der Intendant selbst mischt sich ein.

Friedrich Bischoff (1896-1976), bis 1933 Intendant der Schlesischen Funkstunde, selbst Romancier und Lyriker, hatte seit 1946 die Intendanz des Senders in Baden-Baden übernommen. Wie bei so vielen Autoren in der Nachkriegszeit bringt der Homme de lettres auch im Fall Günter Eichs den Stein ins Rollen. Eine Aktennotiz von Häberlen an den Hörspielleiter Karl Peter Biltz vom 27. Juni 1950 hält fest:

"Am 19.6.50 rief Herr Intendant Bischoff an und erkundigte sich, ob wir Verbindung mit Günter Eich aufgenommen haben. Ich sagte ihm, daß Eich das Manuskript 'Geh nicht nach EI Kuwehd' eingeschickt habe. Die Arbeit sei inzwischen an ihn zurückgegangen. Es handelt sich um eine etwas entlegene orientalische Fabel, deren blumenreicher Dialog der Lyrik sehr nahe steht. Herr Boehme hat das Manuskript im Krankenhaus gelesen und war ebenfalls für eine Ablehnung. Herr Bischoff legt trotzdem Wert darauf, mit Günter Eich ins Gespräch zu kommen. Er bat, ihn für August oder September hierher einzuladen."31

Häberlen erscheint wie ausgewechselt. Am 29. Juli 1950 geht ein Brief an den Autor ab, in dem es nunmehr heißt:

"Sehr geehrter Herr Eich,

es würde uns viel daran liegen, mit Ihnen einmal in ein persönliches Gespräch zu kommen. Auch unser Intendant, Herr Bischoff, würde es sehr begrüßen, wenn Sie im Spätsommer oder Herbst eine Einladung für einen Besuch in Baden-Baden annähmen. ( ... )."32

Der Gesprächstermin wird wenig später vereinbart. Vom 7. bis 9. September 1950 ist Günter Eich zu Gast beim SWF. Das erste Autorentreffen in Baden-Baden kreist um "eventuelle Hörspielstoffe". An einen davon hakt sich Christian Boehme, der Hörspielleiter beim SWF, der selbst krankheitsbedingt am Treffen nicht teilnehmen konnte, fest. Doch das Hörspielprojekt, das den Arbeitstitel "Nebeneinander" trägt, erweist sich von Anfang an als kompliziert und stellt sich sehr bald als nicht tragfähig heraus.33 Obwohl Eich für die SWF-Dramaturgie sechs Szenen schreibt, will ihm letztlich der Rahmen nicht gelingen, der diese Episoden, die zu gleicher Zeit parallel spielen sollen, zusammenhält.

"Welche verbindende Einheit man auch wählt, Familie, Haus, Wartesaal oder dergleichen, - es erscheint immer konstruiert, daß die geschilderten Schicksale so dicht nebeneinander ablaufen. Man müßte eine größere Einheit wählen, eine ganze Stadt, die ganze Welt. Damit bekäme aber das Ganze eine deutliche Ähnlichkeit mit Schnabels Hörspiel, über das wir sprachen."34

Eich überrascht die SWF-Hörspieldramaturgie jedoch nicht nur mit der endgültigen Absage an das vereinbarte Thema, sondern er legt ein komplett ausgearbeitetes Hörspielmanuskript bei, das sich einem ganz neuen Thema widmet. Sein Titel: "Reparaturwerkstatt Muck". Ein konventionelles Stück, was den dramatischen Handlungsaufbau und die lustspielhafte Verknüpfung mit einer Liebeshandlung betrifft, und ein typisches 'Zeitstück' in doppeltem Sinn: reicht es doch über den Durchschnitt der zeitgenössischen Hörspielarbeit nicht hinaus und behandelt Schuld und Vergebung, ehrliches Bereuen und tatkräftiges Leistungsethos als typische 'Zeitthemen' der Nachkriegsjahre.35 Manfred Häberlen akzeptiert die bieder gestrickte Heimkehrergeschichte um den in Schwarzmarktjahren auf die schiefe Bahn geratenen und jetzt so tüchtigen Automechaniker Alfred Sommer.

Eichs Einschätzung des SWF-Hörspieldramaturgen – "In Baden-Baden sitzt als Dramaturg Herr Häberlen, der die Sorgen des kleinen Mannes im Hörspiel behandelt sehen möchte"36 -, erweist sich als treffend. Dies zeigen die Hörspielpläne, die unmittelbar im Anschluß an die "Reparaturwerkstatt Muck" diskutiert werden: Ein "Arztthema" beispielsweise, das einen kleinen Kassenarzt im Konflikt zeigt, einen armen Patienten retten zu können mit teueren Medikamenten, die dieser nicht zu zahlen vermag.37 Oder: ein "Versicherungsthema" mit dem Arbeitstitel "Die Utopie des risikolosen Lebens", das den tragisch-hybriden "Versuch des Menschen, sich möglichst gegen jede Form von Schicksal zu versichern" behandeln sollte.38 Sowie schließlich der Plan "7 Vergessene auf einer Insel" darzustellen, ein Hörspielstoff, bei dem "das Hauptgewicht in der wirtschaftlichen, bürokratischen und juristischen Maschinerie" läge, "in der für das Gebot der Menschlichkeit keine Stelle zuständig ist".39

Eich lehnt diese Vorschläge zwar nicht sogleich rundweg ab, doch keines der ihm angebotenen, eher alltagsgeschichtlichen Themen verfolgt er zielstrebig weiter. Häberlens Ideen werden nie realisiert.

Der umtriebige Funkautor ist mittlerweile dazu auch viel zu sehr beschäftigt, denn sein Engagement, Hörspielaufträge zu erhalten, führt 1950/51 zu einer ganzen Reihe von vertraglichen Verpflichtungen, an deren Einlösung Eich zu diesem Zeitpunkt in besonderer Weise arbeitet.

Man muß die immense Produktion dieser Monate regelrecht bilanzieren:

Neben die bereits näher geschilderten weitreichenden Verpflichtungen aus dem Jahresvertrag mit dem SDR 1951 tritt der Kontakt zum HR. Hartmann Goertz, der Frankfurter Dramaturg, über den Eich schreibt, daß dieser eine Vorliebe für Funkbearbeitungen von Prosavorlagen hege, erhält eine Hörspielfassung des von Frank Norris verfaßten Romans "Weizen" (HR, 12.3.1951) sowie eine Funkadaption der Fontaneschen Novelle "Unterm Birnbaum" (HR, 3.9.1951). Für die Neuproduktion der 1937 entstandenen Bearbeitung von Rudolf Brunngrabers Roman "Radium", die der HR 1952 veranstaltet, schreibt Eich einen Vor- und einen Nachspruch und überarbeitet seinen Hörspieltext (HR 1, 26.5.1952).

Zusätzlich zur Zusammenarbeit mit dem BR, die erfolgreich "Geh nicht nach El Kuwehd" (BR, 21.7.1950) und das Schulfunk-Hörspiel "Balthasar Neumann" (BR, 5.12.1950) umfaßt (das "Träume"-Projekt scheitert), wird Eich für den NWDR in Hamburg aktiv.

Die ersten Kontakte zu dieser später für Eichs Hörspielschaffen so wichtig werdenden Hörspielabteilung fallen in die Zeit Ende 1949/Anfang 1950, als Eich mit Drehbucharbeiten beschäftigt ist und sich gelegentlich in Hamburg aufhält. Aufgrund fehlender Quellen läßt sich dieser frühe Kontakt nur schemenhaft rekonstruieren, unklar muß bleiben, welchen der Redakteure in der Rothenbaumchaussee der Autor angesprochen hat. Die krisengeschüttelte Hörspielabteilung respective Abteilung Künstlerisches Wort stabilisierte sich nach den personellen Querelen im Zuge der Reorganisation des Hamburger Senders von Anfang bis Mitte 1949 erst nach und nach.40 "Vom Hamburger Rundfunk höre ich nichts", beschwert sich Eich in einem Brief an Kuhnert noch im Februar 1950, in dem er eine ganze Liste von Mißerfolgen anführt, und selbstzweiflerisch anmerkt: "Das schlimmste aber ist, daß alles, was ich bisher geschrieben habe, ein grandioser Bockmist ist. Hoffentlich merkt es keiner."41

Mit einer Hörfolge und zwei Hörspielen reüssiert Eich dann allerdings zunehmend erfolgreich beim Hamburger Sender. Sein "Fischzug", eine "Hörfolge über allerlei Merkwürdigkeiten aus der Welt der Fische", am 13. August 1950 ausgestrahlt, ist noch ganz ein Gelegenheitsprodukt alter Schule. Zusammengestellt aus Gedichten und Liedern, Legenden und Erzählungen, zeigt es die im Dritten Reich erworbene routinierte Handschrift.

Die im Oktober 1950 von Eich so sehnsüchtig erwarteten 1000,- DM vom NWDR beziehen sich bereits auf eine weitere Funkarbeit. Hier handelt es sich um das Manuskript der "Gekauften Prüfung", das der Autor in Hamburg anbietet, nachdem das Auftragsprojekt beim BR gescheitert ist. Die realistisch zugespitzte Handlung mit ihrem dramatischen Entscheidungskonflikt, in den der Lehrer Wolburg gerät, paßt in die Hörspiellandschaft jener Zeit, in der man mit Hilfe sogenannter 'Zeitstücke' versucht, Gegenwartsstoffe dem Hörer in homöopathischen Dosen zum Nachdenken und zur kritischen Diskussion zu stellen. Die Frage der Korrumpierbarkeit, der Konflikt zwischen Geld und Ideal, angesiedelt in der Tagen des gerade überwundenen Schwarzmarktes, reiht sich problemlos in diesen Kontext ein. Sperrig erweist sich allein der Vorschlag des Verfassers, das Hörspielende auszusetzen, die Entscheidung des Lehrers im Hörspiel nicht mehr vorzugeben und den Hörer mit einem offenen Schluß allein zu lassen. Eine provokative Idee, die Eich - selbst zutiefst in seiner Person hin und her gerissen zwischen notwendiger Anpassung und Erkenntnis der Korrumpierbarkeit - den Hamburger Hörspielmachern vorschlägt.

Dieses Experiment geht den Verantwortlichen zu weit. Sie bieten dem Hörer drei Schlußvarianten zur Debatte an: 1) Wolburg verschweigt seine Entscheidung für die Anpassung und kaschiert sie mit einem Sühne-Gedanken, "im Stillen viel Gutes" damit zu bewirken; 2) das freimütige Eingeständnis, bestochen worden zu sein, um wieder einen Weg zu seinen ethischen Maximen zu finden; 3) der Ausweg des Selbstmordes für Wolburg, verheimlicht als Unglücksfall, um die weiteren Beteiligten an der Bestechungsaffäre nicht zu gefährden. Lösung Nr. 1 und 2 stammen von fremder Hand; die auch von den Hörern mehrheitlich bevorzugte dritte Lösung verfaßt Günter Eich selbst.

Die im Hörspiel gestellte Frage "Sie hören jetzt drei Schlußszenen. Welche davon entspricht Ihrer eigenen Auffassung?" reduziert die vom Autor angestrebte Radikalität der Fragestellung in dessen Augen drastisch. Für Eich ist ein "Rätselraten" daraus geworden.

"Übrigens hat inzwischen der Nordwestdeutsche Rundfunk ein Hörspiel von mir gebracht, worin der Gedanke, die Lösung dem Hörer zu überlassen, bis zu einem gewissen Grad verwirklicht worden ist. Es ist 'Die gekaufte Prüfung' ( ... ). Der Schluß ist allerdings nicht so geblieben, wie ich ihn vorgesehen hatte. Statt dessen wurden drei verschiedene Schlußvarianten gesendet, zur Auswahl sozusagen. Das Echo war erstaunlich. Offenbar ist hier das gleiche Ratebedürfnis des Hörers wirksam, das die Rätselsendungen der Sender so erfolgreich macht."42

Der resignierenden Skepsis des Autors steht die Begeisterung der Hörspielmacher über die Flut von Zuschriften gegenüber. "Solch rege Hörerreaktion ist das sicherste Anzeichen für die Funkwirksamkeit eines Hörspiels", ist in einem "Spiegel"-Artikel zu lesen, der die Freude der Hamburger Dramaturgie an einem derartigen Publikumsecho widergibt.43

Es ist Gerda von Uslar (1909-1966), die als Dramaturgin den sich so vielversprechend anbahnenden Kontakt nicht mehr abreißen lassen will.44 Unmittelbar im Zusammenhang mit dem Hörspiel "Die gekaufte Prüfung" versucht sie, Eich mit einem neuen Auftrag an den Sender zu binden. Der Autor akzeptiert. Doch statt des erwarteten neuerlichen "Zeithörspiels", überrascht er mit einem dramaturgisch so ganz anders aufgebauten Manuskript, den "Träumen". Im Dezember 1950, also parallel zum Hörspielerfolg mit der "Gekauften Prüfung" in Hamburg, lehnt der Bayerische Rundfunk in München das für den Hörspielwettbewerb eingereichte "Träume"-Manuskript ab. Eich beeilt sich - ob nach einer mehr oder weniger umfangreichen Umarbeitung muß offen bleiben diese Szenenfolge nun den Hamburgern anzubieten.

"'Es ist ein einmaliger Fall', sagt NWDR-Dramaturgin Gerda von Uslar von Günter Eichs Hörspiel 'Träume'. 'Das Manuskript lief ein, wurde gelesen und ging sofort in die Produktion ( ... ). Dabei hatten wir einen ganz anderen Stoff fest vereinbart, aber er schickte ohne Ankündigung plötzlich diese'Träume'."45

Im Vorfeld der Hörspielausstrahlung am 19. April 1951 informiert man die Presse und bereitet die Hörer auf ein besonderes Hörspielereignis vor. Auf das zu erwartende Publikumsecho und die massiven Proteste stellt man sich gezielt ein. Der NWDR schaltet während und nach der Sendung ein Hörertelefon.

Der Skandal-Erfolg bleibt nicht aus. Im Zusammenhang mit der Schilderung von Eichs Weg zum erfolgreichen Hörspielautor gewinnt weniger die unmittelbare Geschichte der Rezeption an Bedeutung46 als vielmehr der Umstand, daß die Pressearbeit der NWDR-Dramaturgie zu den "Träumen" für die Publizität des Autors einen ersten Höhepunkt bedeutet. Der Rundfunkautor erscheint - auch im Bild - im bereits zitierten "Spiegel"-Artikel, und im Frankfurter "Radio-Almanach" porträtiert man ihn unter der Überschrift "Junge Hörspielautoren stellen sich vor".47

"Es läuft jetzt alles schon ganz gut", vermeldet Eich in bezug auf die Rundfunkaufträge in dieser Zeit.48 Eine erste Etappe auf dem Weg zum erfolgreichen Schriftsteller ist erreicht. Eich steckt mitten in der Hörspielarbeit. Der Zufall will es, daß dieser Punkt in der Medienbiographie des Autors zusammenfällt mit der Verleihung eines Preises, der ausschließlich dem Lyriker, oder wie es in den Beiträgen häufig hieß: dem "Dichter" Günter Eich gilt.49 Am 21. Mai 1951 verleiht die Bayerische Akademie der Schönen Künste ihren mit einer Preissumme von 3 000,- DM dotierten Literaturpreis an Eich. Vor allem der in München lebende Jugendfreund Erhard Göpel hatte sich vehement für ihn eingesetzt.

Für längere Zeit zum letzten Mal stehen der "Hörspielautor" und der "Dichter" Günter Eich parallel im Rampenlicht des Literaturbetriebs. In den nächsten Jahren werden sich diese beiden Pole beim Publikum aufs engste miteinander verschränken.50 Für den Autor jedoch verschiebt sich das Schwergewicht hin zur medialen Arbeit, so daß ein aufmerksamer Kritiker in dieser Zeit bemerkt: "eine wahre Flut von Eich-Hörspielen überschüttet uns von allen Sendern her".51 Er hat recht. Nicht nur die Summe der Ursendungen bilanziert die erstaunliche Produktivität der Jahre 1951 und 1952, wenn Eich gleichzeitig für Stuttgart, Hamburg und Baden-Baden insgesamt elf Hörspiele schreibt. Hinzu kommen die Parallelinszenierungen, so daß man Hörspiele wie "Die Andere und ich", "Blick auf Venedig" und den "Tiger Jussuf" in zwei, manchmal sogar drei verschiedenen Fassungen hören kann, sowie schließlich die mit dem Ende der unmittelbaren Nachkriegszeit Ende der 40er Jahre mehr und mehr einsetzende Praxis des Programmaustausches, die Übernahmen zwischen den Rundfunkanstalten ermöglichen. Gerade auf den Mittelwellen-Programmen, die - im Gegensatz zu den erst seit 1951 einsetzenden UKW-Programmen - eine große Reichweite haben, vergeht so bundesweit kaum eine Woche, in der nicht ein Eich-Hörspiel zu hören ist. Dem Autor beschert sie die Summe aus Ausarbeitungs-, Sende- und Übernahmehonoraren.

"Sich als versierter Hörspieldichter einen Wagen verrundfunken"

Ein kleines Bonmot hierzu am Rande: Günter Eich und die Autos.

Selbst beim Studium der Nachlaßpapiere im Deutschen Literaturarchiv fällt es auf-. Immer wieder werden Teile der Rundfunkmanuskripte von Eich auf den Rückseiten von Briefen festgehalten, in denen der ADAC, der Allgemeine Deutsche Automobil-Club, seine Jahresgabe annonciert, oder in denen diverse KfZ-Werkstätten und örtliche Tankstellen ihre Dienste anbieten. Schließlich ist der Adressat Günter Eich in Geisenhausen ein begeisterter Autofahrer und -besitzer. Eine Faszination übrigens, die Eich mit vielen bekannten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts teilt, von denen nicht nur Erich Maria Remarque, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Bert Brecht und Franz Tumler zu nennen wären.

Eich hat sich gerade aus seinem Schuldental etwas herausgearbeitet, da schreibt er im April 1951, daß er sich einen neuen Wagen gekauft habe. Mit Sternchen vermerkt er im Brief an Ursula Kuhnert sogar stolz den Typ: ein Volkswagen-Cabriolet.52 Die Parallelität zum Autokauf im Oktober 1935, als er nach seinen ersten Hörspielerfolgen seine Freunde mit einem DKW überrascht, liegt auf der Hand. Nicht genug damit: So wie dieses Auto ihn des öfteren im Stich ließ und von einem zweiten, "Kathrinchen" getauften, abgelöst wurde, ebenso scheint Eich auch 1951 kein rechtes Glück mit dem ersten fahrbaren Untersatz gefunden zu haben. Bald ist ein neues Auto im Gespräch. Die Bitte des Autors bei der Hamburger Dramaturgin von Uslar am 7. Januar 1952 nach einem Vorschuß - ohne Nennung des Grunds -, wird von ihr positiv mit einer Überweisung und den Worten beantwortet: "Sie können sich also getrost einen neuen Wagen kaufen!"53 Daß Eichs Auto-Leidenschaft in Schriftstellerkreisen nicht unbeachtet geblieben ist und daß manche Zeitgenossen bereit waren, sie auch kritisch zu sehen, zeigt eine der ganz wenigen Notizen Gottfried Benns zum jungen Kollegen, für den er Anfang der 30er Jahre als Bürge auftrat. Anfang 1953 schreibt Benn an Friedrich Wilhelm Oelze: "Eich ist ein versierter Hörspieldichter, hat schon einen Wagen sich verrundfunkt, höre ich".54

Gründung der Gemeinschaftsredaktion SWF / BR / RB

Doch zurück zu den rundfunkgeschichtlichen Hintergründen, vor denen sich Eichs Hörspiel-Karriere entwickelt.

Dem kleinen Sender in Baden-Baden fehlt es seit seiner Gründung an ausreichenden Finanzmitteln. Die Rundfunkhäuser in der ARD verfügen anteilig über das Gebührenaufkommen, das in ihrem jeweiligen Sendegebiet von der Post beim Hörer kassiert und an den Sender abgeführt wird. Einer Anstalt wie dem NWDR, die ein großflächiges Einzugsgebiet besitzt und überdies sehr bevölkerungsreich ist, beschert dies ein hohes Budget, während mittlere und kleinere Anstalten zu haushälterischem Verhalten gezwungen sind.

Die Hörspielabteilung des SWF merkt dies in ganz besonderer Weise. Ein Monatsetat von insgesamt 8000,- DM (Ende 1951), aus dem sämtliche Honorar- und Produktionskosten zu bestreiten sind, erlaubt keine großen Spielräume. Der durchschnittliche Honorarsatz für die Autoren ist - wie Christian Boehme seinem Intendanten in einem Schreiben vor Augen führt - zwischen 1950 und 1951 nicht nur nicht gestiegen, er ist sogar gesunken, von 1340,- DM (April/September 1950) auf 1170,- DM (April/September 1951).55 Günter Eichs Hörspielhonorare sind mit mindestens 1500,- DM also von Anfang an überdurchschnittlich hoch angesetzt und werden später sogar um einige weitere hundert DM aufgestockt. Ein Finanzgebaren, das sich freilich nur für einige Zeit verfolgen läßt. Die engagierte dramaturgische Arbeit der SWF-Hörspielabteilung stößt immer wieder an ihre finanziellen Grenzen und nicht immer gelingt es ihr, die Autoren in einer "verführerischen Ja-sage-Atmosphäre" bei einer Einladung in einem der edlen Kurstadt-Restaurants zu überreden.56

Einer der Auswege, auf die man sich in Baden-Baden ziemlich bald besinnt, ist eine Verabredung mit dem kleinen Stadtstaatsender in Bremen. Gert Westphal, der die dortige Hörspielabteilung leitet, unterhält engen Kontakt mit der Abteilung in Baden-Baden. Vereinbarungsgemäß übernimmt er bei einer solchen 'Koproduktion' - dieser Begriff wird damals indes noch nicht verwendet - das Hörspiel nach der Ursendung und zahlt dem Autor ein Honorar in Höhe der Sendegebühr aus.

Ein Vorbild, das sehr bald Schule macht. Ausgerechnet die beiden jeweiligen als Konkurrenten empfundenen Rundfunkanstalten, der SDR und der NWDR-Hamburg, schließen sich 1952 zu einer Hörspiel-Redaktionsgemeinschaft zusammen. Die beiden Hörspielleiter Gerhart Prager und Heinz Schwitzke gehen in ihren hörspieltheoretischen Überlegungen konform und arbeiten des öfteren eng zusammen. Sie können es sich bei ihrer Art der Redaktionsgemeinschaft sogar leisten, nur die Texte - nicht die fertigen Einspielungen - auszutauschen, so daß sie Hörspielmanuskripte parallel und damit mit je eigenen Produktionskosten einstudieren. Die Tatsache, daß insgesamt drei Eich-Hörspiele in unmittelbarem Zusammenhang miteinander sowohl in Stuttgart als auch in Hamburg eine Inszenierung erfahren, ist Ausdruck dieser Vereinbarung.57

Dieses regelrechte ARD-interne Wetteifern um die künstlerische Profilierung des eigenen Hörspielprogramms und die zunehmende Konkurrenz um die 'guten' Funkautoren zwingt die SWF-Dramaturgie zu einem weiteren Schritt. Eine Gemeinschaftsredaktion soll ins Leben gerufen und institutionell verankert werden. Partner werden die Hörspieldramaturgien in Baden-Baden, München und Bremen.

"Die Hörspielabteilungen des Südwestfunks, des Bayerischen Rundfunks und Radio Bremens sind übereingekommen, im Winter 1952/53 eine Reihe von Hörspielen gemeinsam vorzubereiten und zu senden. Durch die Zusammenfassung der künstlerischen und wirtschaftlichen Mittel der drei Sender soll versucht werden, auch solche Autoren zu gewinnen, die bisher dem Hörspiel ferngeblieben sind",

so lautet die kurze Pressemeldung.58 Hinter dieser Formulierung steckt die Möglichkeit, durch das Zusammengehen der drei Abteilungen das garantierte Hörspielhonorar für den Autor auf 6 000,- DM zu erhöhen. Einem internen Schlüssel zufolge übernehmen der SWF und der BR davon jeweils 2 500,- DM bei der Erstsendung, der kleinste Partner, Radio Bremen, weitere 1000,- DM.

Im Mai 1952 hat man sich gleichzeitig darauf geeinigt, in einer großangelegten Briefaktion eine ganze Anzahl von Autoren zur Hörspielarbeit einzuladen. Viele, die Rang und Namen in der Literaturszene besitzen, werden angeschrieben, darunter Leonhard Frank, Theodor Plievier, Curt Goetz, Erich Kästner, Vater und Sohn Spoerl, Peter Ustinov; René Clair und Carl Zuckmayer. Auch Günter Eich gehört von Anfang an zu den Adressaten. Die Federführung übernimmt in seinem Fall der SWF. Am 5. Mai 1952 geht das Schreiben Christian Boehmes an Eich ab; er sagt sofort zu: "Ich bin mit Vergnügen bereit".59

Während die Zusammenarbeit mit Eich ohne besondere Schwierigkeiten vonstatten geht und am 10. März 1953 als fünfter Beitrag der Aktion die Ursendung von Eichs Hörspiel "Die Mädchen aus Viterbo" im Programm läuft, hat man mit dem Start der Gemeinschaftsproduktion besonderes Pech. Carl Zuckmayer, der renommierte Dramatiker und Drehbuchautor, versetzt die Hörspieldramaturgen. Sein im Rahmen der Aktion versprochenes und bis zuletzt groß angekündigtes Hörspiel mit dem Titel "Kaninchentod" kommt niemals zustande.60 Der Termin zum Start der Gemeinschaftsproduktion am 14. Oktober 1952 wird zwar eingehalten, doch zur Austrahlung gelangt "Das Festbankett" des als "Nachwuchsautor" vorgestellten Schriftstellers Hellmut von Cube. Insgesamt siebzehn Hörspielproduktionen werden aus der Gemeinschaftsredaktion in den nächsten beiden Jahren hervorgehen, darunter Max Frischs "Rip van Winkle" (16.6.1953) und die Inszenierung von Goethes "Novelle" durch den im Exil lebenden Filmregisseur Max Ophüls (18.4.1954), schließlich doch ein Hörspiel von Carl Zuckmayer, "Ulla Winblad oder Musik und Leben des Carl Michael Bellman", sowie ein weiteres Mal Günter Eich, jetzt mit "Beatrice und Juana" (4.5.1954).

Vor dem Hintergrund dieser im Überblick zu beobachtenden, mehr als erstaunlichen Produktivität des Rundfunkautors, die zielsicher für die einzelnen Dramaturgien in München und Frankfurt, Stuttgart und Baden-Baden sowie in Hamburg arbeitet, vollbringt Günter Eich innerhalb kürzester Zeit eine beispiellose zweite Medienkarriere. Aus dem hoffnungslos überschuldeten Autor am Ende der unmittelbaren Nachkriegszeit wird binnen drei bis vier Jahren ein Spitzenverdiener im Hörspielgeschäft.

"Gesicherte Einkommensverhältnisse", dieser Begriff bringt es 1953 auf den Punkt. Eich hatte auf den Treffen der Gruppe 47 die österreichische Autorin Ilse Aichinger kennengelernt. Er will sie in zweiter Ehe heiraten. Im Frühsommer 1953 ist alles soweit vorbereitet, die Hochzeit soll demnächst stattfinden. Doch die österreichischen Behörden verlangen von dem "Ausländer" und Freiberufler Günter Eich einen Verdienstnachweis. Zwei gleichlautende Telegramme erreichen daraufhin die Hörspielabteilungen in Baden-Baden und in Hamburg: "Erbitte sofort durch Eilboten Bestätigung, daß ich durch Arbeit am Südwestfunk in gesicherten Einkommensverhältnissen lebe."61 Umgehend treffen in Wien die erforderlichen Bestätigungen ein. Mit Blick auf die Behörden antwortet der SWF: "Wir bestätigen Ihnen, daß wir jetzt und in Zukunft bereit und in der Lage sind, Ihnen durch Mitarbeit am Südwestfunk gesicherte Einkommensverhältnisse zu verschaffen."62 Und Heinz Schwitzke fügt der Bestätigung über die "gesicherten Einkommensverhältnisse" hinzu "wie sich das für den berühmtesten deutschen Hörspielautor zweifellos gehört".63 Die stolzen Summen, die in diesem Zusammenhang für 1952/53 genannt werden, dürften die Bedenken der österreichischen Behörden zerstreut haben. Ende Mai 1953 findet die Hochzeit von Günter Eich und Ilse Aichinger statt.

Exkurs: Keine "Doppelspur" Freier Schriftsteller versus festangestellter Redakteur

Alfred Andersch, Helmut Heißenbüttel, Ertist Schnabel, Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser - die Liste ließe sich mühelos verlängern -: diese Autoren zeichnet innerhalb des Literaturbetriebs der deutschen Nachkriegszeit ein Charakeristikum aus, das in den sozialgeschichtlich ausgerichteten Studien bislang immer noch wenig Beachtung erfährt. Handelt es sich doch in diesen Fällen um sogenannte "Doppelspuren", d.h. die betreffenden Autoren arbeiten gleichzeitig als Redakteure und als Schriftsteller.64 Der von diesen geleistete Spagat mag nicht immer leicht gefallen sein und oft wird die Doppelbelastung nach einer gewissen Zeitspanne wieder aufgegeben, um sich allein der schriftstellerischen und/oder (rundfunk)publizistischen Arbeit zu widmen. Aber die zumindest zeitweise finanzielle Absicherung durch die Festanstellung erweist sich für die Autoren als äußerst wichtig.

Vor dem Hintergrund des gar nicht so seltenen Phänomens einer Koppelung von Schriftstellerexistenz und festangestellter Position stellt sich die Frage, warum Günter Eich nicht ebenfalls diese Möglichkeit auszuschöpfen versuchte. Denn sein mehrfach artikuliertes Leiden unter dem Zwang, ständig neue Rundfunkarbeiten abliefern zu müssen, und seine tiefe finanzielle Misere nach der Währungsreform hätten hier zumindest einen vorübergehenden Ausweg finden können. Was die bisherigen biographischen Studien zu Günter Eich jedoch weitgehend übersehen: Eich hatte mehrfach die Chance, eine Stelle als Redakteur anzunehmen. Aber immer wieder schlug er sie aus.

Eine erste Möglichkeit leitet Hermann Kasack, Eichs großer Mentor und Freund, in Berlin im Sommer 1949 in die Wege. Eich lehnt die in der Korrespondenz nicht näher bezeichnete Stelle am 20. Juni 1949 ab.65 Und auch den parallel dazu von Alfred Andersch in Frankfurt am Main eingefädelten Kontakt, eine Aufgabe bei der "Frankfurter Neuen Presse" zu übernehmen, greift Eich nicht auf.

"Voraussichtlich werde ich von Juli ab in Frankfurt und angestellt sein. Im Grunde meines Herzens aber hoffe ich, daß sich die Angelegenheit zerschlägt", 66

schreibt er am 17. Juni 1949 an Karl Krolow.

Doch die Ehescheidung und die nur mühsam vorankommende Filmarbeit verlangen immer drängender einen Ausweg. Nur wenig später eröffnet sich die Chance, bei der Neugründung der Darmstädter Akademie der Künste den Posten eines Sekretärs zu übernehmen. Im März 1950 steht dieses Angebot im Raum. Eich schraubt seine finanziellen Forderungen allerdings so hoch, daß dem Mitbewerber Hanns Ulbricht der Vorzug gegeben wird.67

Daß der in einer Dachwohnung lebende Poet der Entscheidung für eine Festanstellung regelrecht aus dem Weg geht, zeigt sich schließlich noch im Fall der Mitherausgeberschaft der Zeitschrift "Akzente".68 Der Schriftsteller Walter Höllerer (*1922) hat im November 1952 den Plan, eine neue Literaturzeitschrift herauszugeben. Der Münchner Verleger Carl Hanser reagiert positiv darauf. Von Anfang an ist Günter Eich - zusammen mit Walter Höllerer - als Mitherausgeber im Gespräch. Eine Serie von Briefen zeigt, wie engagiert sich Eich an der Vorbereitung des ersten Heftes der "Akzente" beteiligt. Oda Schaefer und Horst Lange, Georg von der Vring und Helmut Heißenbüttel, Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll gehören zu den für den Zeitschriftenstart angeschriebenen Schriftstellerkollegen. Bis in den November 1953 benutzt Eich das offizielle Briefpapier des Carl-Hanser-Verlages. Die erste Nummer der "Akzente" ist nahezu fertig, da entschließt sich Eich, aus der Sorge um seine eigene literarische Arbeit heraus die Mitherausgeberschaft niederzulegen. Hans Bender (*1919), mit dessen Namen sich die "Akzente" in der Folge untrennbar verbinden werden, füllt die entstehende Lücke.69 Günter Eich wirkt, als sei ihm eine schwere Bürde genommen, wenn er am 16. November an Walter Höllerer schreibt:

"Lieber Herr Höllerer, mir fiel, als heute in der Frühe Ihr Eilbrief kam, ein Stein vom Herzen. Ich bin sehr froh über Ihren Entschluß und halte die Lösung Hans Bender für sehr gut. Ich habe keineswegs malitiös gelächelt, sondern mich über alles aufrichtig gefreut, und was ich für die 'Akzente' tun kann, will ich sehr gern tun, seien Sie dessen versichert. Hier schicke ich Ihnen alles, was ich an Manuskripten habe. Bitte schicken Sie mir alles, was Sie nicht selbst zurückschicken möchten, wieder zu ( ... )."70

Der Bogen spannt sich zurück zu den literarischen Anfängen bei der "Kolonne" im Jahr 1930, als Günter Eich schon einmal die Mitherausgeberschaft einer Zeitschrift ablehnte, ihr aber gleichwohl seine Unterstützung zusagte. Auch im Fall der "Akzente" schreckt er schließlich - über zwei Jahrzehnte später - vor der zeitraubenden Beschäftigung zurück.

Eich bleibt freier Autor, eine Entscheidung, die sich ganz auf das finanzielle Auskommen aus der Hörspielarbeit verläßt. Schließlich etabliert sich das "Eich"-Maß zu diesem Zeitpunkt endgültig.

"Wachsamkeit" - ein poetisches Konzept, aber keine Medienkritik

Sinnfälliger Ausdruck dieses Erfolges als Hörspielautor ist die Verleihung des "Hörspielpreises der Kriegsblinden". Am 3. März 1953 wird Eich in Bonn in Anwesenheit von Bundespräsident Theodor Heuss die Auszeichnung überreicht. Die Jury - paritätisch zusammengesetzt aus sechs kriegsblinden Juroren und sechs Hörspielkritikern unter dem Vorsitz von Friedrich Wilhelm Hymmen hatte sich bei der Bewertung des Hörspielschaffens im Jahr 1952 nach eingehender Diskussion schließlich für Eichs Hörspieldichtung "Die Andere und ich" entschieden.71

Dieser bis heute existierende Preis war 1950 von dem kriegsblinden Publizisten Friedrich Wilhelm Hymmen (1913-1995) initiiert worden. Schon einmal, bei der ersten Jurytagung, hatte Eich für Aufsehen gesorgt. Seine 1951 urgesendeten "Träume" lösten erbitterte Debatten bei den Kritikern aus. Die bei ihrer Hörspielbewertung jedoch auf eine besondere Aussagekraft, auf eine deutliche dichterische Botschaft achtenden Juroren quittierten die Radikalität von Eichs Fragen in den fünf "Träumen" in der Mehrheit mit Skepsis und Unverständnis. 1951 wurde der Preis Erwin Wickerts Hörspiel "Darfst du die Stunde rufen?" zugesprochen. Erst ein Jahr später konnte sich ein Hörspiel von Eich durchsetzen, so daß dieser erst in zweiter Position die Liste der Preisträger anführt, die sich in der Folge mit vielen der Namen füllen wird, die in der bundesrepublikanischen Hörspielgeschichte Bedeutung erlangen und die dem "Hörspielpreis der Kriegsblinden" zu einem besonderen Renommee als Medienpreis verhelfen.72

Vieles von der laut Statuten des Preises zu würdigenden "Aussage" einer Hörspieldichtung schwingt in der offiziellen Jurybegründung für Eichs "Die Andere und ich" mit:

"Das Preisgericht zeichnete mit 10 von 12 Stimmen das Hörspiel von Eich aus, weil es mit einer ungewöhnlichen Beherrschung rundfunkgemäßer Mittel eine wahrhaft dichterische Aussage verbindet: das Leid des anderen ist dein Leid, er trägt es für dich. Mit Günter Eich wird ein Autor geehrt, der seit 1929 durch eine große Zahl von Hörspielen, z.T. kühn experimentierender Art, dem Rundfunk neue Wege erschlossen hat ( ... ). Das Hörspiel 'Die Andere und ich', das in Stuttgart und in Hamburg in zwei verschiedenen, übrigens recht gegensätzlichen Inszenierungen zur Aufführung gelangte, ist in seiner tieferen Bedeutung nicht mühelos und leicht zu verstehen ( ... ). Eich will sagen: ein anderer, der Leid trägt, trägt es vielleicht an deiner Stelle und hat es dir abgenommen."73

Wie eine Erwiderung darauf muten die Sätze an, in denen der Preisträger in seiner Ansprache der "Beunruhigung" das Wort redet. Eichs Rede bei der Verleihung des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" ist eine der seltenen Stellungnahmen des Autors zu seinem Rundfunkschaffen. Eich schneidet hier mehrere Themen an: Seine Situationsbeschreibung der Gegenwart betont "die innere Kraft des Menschen", die sich allen Mechanisierungstendenzen und totalitären Absichten entgegenstemmen muß; sein Plädoyer des Hörspiels als Kunstform betont nachdrücklich die Abhängigkeit von den "Gesetzen einer Apparatur" die mit "wachsamen Mißtrauen" zu beobachten sei; schließlich entfaltet er seinen poetischen Ansatz, der in der Formel von der Dichtung als einer "Übersetzung" gipfelt, aus einer Sprache, in der 'Jedes Wort ( ... ) einen Abglanz des magischen Zustandes [bewahrt], wo es mit dem gemeinten Gegenstand eins ist."74

Wie unter einem Brennglas vereinigen sich in diesen Ausführungen mehrere Entwicklungslinien Günter Eichs. Jenes poetische Konzept einer "Übersetzung" aus der unrettbar verlorenen Ursprache, das an die Sprachtheorie Ferdinand de Saussures ebenso anknüpft wie an die Konzeption des magischen Realismus aus der "Kolonne"-Zeit, es spiegelt Eichs lyrischen Ansatz wider, den er in den Gedichten des dann 1955 veröffentlichten Bandes "Botschaften des Regens" verfolgt. Doch schwieriger ist es, Eichs Freude über den "anarchischen Zustand", der "Experimente" im Hörspiel zulasse, mit dem gleichzeitig geäußerten "wachsamen Mißtrauen" auf die "Gesetze einer Apparatur" zu vereinigen. Eine regelrechte Medienkritik will sich damit nicht verbinden lassen, dazu bleibt Eich zu allgemein, zu oberflächlich. Doch es verdient besondere Aufmerksamkeit, daß jene Schlußverse, die Eich im Februar 1953 für die Buchausgabe der "Träume" schreibt -

"( ... ) / Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! / Seid mißtrauisch gegen ihre Macht ( ... ) / Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! / Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"75

- nur einen Monat später in seiner Ansprache in Bonn mitschwingen und hier nun explizit auf die "Apparatur" des Rundfunks bezogen werden.

Eine gezielte Kritik des Rundfunksystems ist daraus jedoch nicht abzuleiten. Hier spiegelt sich vielmehr sogar die grundsätzliche Theoriefeindlichkeit der 50er Jahre wider, die den "Radioboom" dieser Zeit nicht in Frage stellt.76 Die ersten prinzipiellen Auseinandersetzungen mit dem publizistischen Medium werden erst in den 60er Jahren laut, und sie werden von einer neuen, jüngeren Generation der Intellektuellen vorgebracht.

"Hilda" und der erste Angriff auf das "Eich-Maß"

Eich ist bis zu diesem Zeitpunkt 1953/54 souverän im Geschäft. Jedes seiner Hörspiele wird angenommen, die ARD-Anstalten konkurrieren untereinander, ein neues Funkmanuskript dieses Autors zur Ursendung zu bringen. Seine Hörspiel-Dichtungen gelten in den zeitgenössischen Hörspielüberblicken und -essays bereits als das "Eich-Maß"; man beginnt, seine Hörspiele als mustergültiges "Repertoire" zu klassifizieren und in entsprechenden Reihen immer wieder zu präsentieren.77 Bezeichnend auch die Ausführungen von Gerhard Prager 1954 im sechsten Heft der "Akzente", einer schwerpunktmäßig der Rundfunkdichtung gewidmeten Nummer dieser wichtigen Literaturzeitschrift:

"Günter Eich ist für das deutsche Hörspiel ein stolzer und ein gefährlicher Name geworden. Die Rede vom absoluten Eich-Maß bei der Beurteilung der Hörspielkunst ist mehr als nur ein Aphorismus, mehr als ein kultischer Gag. Eich ist Qualitätsnorm geworden, und jedes dramaturgische Urteil über Hörspiele wird zur Normenkontrolle, und jede Absage an irgendeinen Autor ist dann so etwas wie eine Normenkontrollklage. Gefährdet sind vor allem die jungen Talente."78

Vor diesem Hintergrund verdient eine folgenreiche Episode in der Geschichte der "Gruppe 47" besondere Aufmerksamkeit. Sie ereignet sich im Oktober 1953, beim dreizehnten "Gruppen"-Treffen in Bebenhausen bei Tübingen.

Die Tagung wird vom Süddeutschen Rundfunk finanziell und organisatorisch unterstützt. Martin Walser (*1927), ein junger Literaturredakteur des Stuttgarter Senders, übernimmt die Vorbereitungsarbeiten. Gemeinsam mit Richter sucht er den Tagungsort aus. Als SDR-Redakteur kümmert er sich um die kostenlose Überlassung des Grünen Saales in Schloß Bebenhausen. Beim Intendanten seines Senders Fritz Eberhard erreicht er, daß sich der SDR mit einer Finanzhilfe an den Reisekosten der Schriftsteller beteiligt.79 Mit Richter ist sich Walser einig, daß diese Tagung einen zusätzlichen Schwerpunkt in der Diskussion von Rundfunkarbeiten erhalten soll. Lesungen von Hörspielen standen zwar gelegentlich schon einmal auf dem Programm der "Gruppe 47"-Treffen,80 doch dieses Mal soll die im Schaffen der Nachkriegsautoren so wichtige Gattung explizit Berücksichtigung finden.

Auf einer eigens anberaumten Abendveranstaltung soll Heinz Huber, ein Rundfunkkollege von Walser am SDR, sein Korea-Hörspiel "Früher Schnee am Fluß", Wolfgang Weyrauch seinen Monolog "Die Stimme des Negers" und Wolfgang Hildesheimer eine von Hans Werner Henze vertonte Funkoper vorstellen. Auf der Gruppen-Tagung selbst werden überdies Alfred Andersch sein Lappland-Feature "Die bitteren Wasser von Lappland" und Wolfgang Hildesheimer ein Reisefeature über Israel präsentieren.

Günter Eich nimmt Richters Einladung an und reist im Oktober 1953 nach Bebenhausen. Im Gepäck hat er das einen Monat zuvor begonnene, jedoch noch nicht vollständig ausgearbeitete Hörspielmanuskript mit dem Titel "Hilda". Die Hoffnung Hans Werner Richters - "Ich bin jetzt überzeugt, daß wir eine harmonische und intensive Herbsttagung vor uns haben werden"81 - wird sich nicht erfüllen. Es kommt zum Eklat! Nachdem schon im Oktober 1952 beim Treffen auf der Burg Berlepsch ein Hörspiel von Wolfgang Weyrauch für eine grundlegende Debatte gesorgt hatte, kommt es auch jetzt wieder anhand der vorgestellten Funkarbeiten zu erbitterten Diskussionen. Eichs "Hilda", der Monolog der gleichnamigen Kinderschwester, die sich im Moment des "Fallens" an Bilder, Photos und Momentaufnahmen erinnert, die stationenhaft ausgestalteten Bilder und Szenen, die vom monologischen Reflektieren auf den Zusammenhang von Augenblick und Dauer, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammengehalten werden, dieser Hörspieltext findet keine Gnade vor den Ohren der Gruppe 47.

"Leider konnte Günter Eich mit einem Hörspiel-Fragment "Hilda" nicht durchdringen: es zeigte erschreckend, daß Eich gegenwärtig einer Manier zu erliegen droht. Die Absicht, durch Aufhebung der Bewußtseinskategorien 'Raum' und 'Zeit', ästhetische und dramaturgische Effekte zu erzielen, war im "Tiger Jussuf" in den "Träumen" überzeugend gelungen. In "Hilda" erstarrt diese dramaturgische Finesse zur Schablone, die zur Sinnentleerung führt. Die Kritik wies Eich nachdrücklich auf diesen Punkt hin",

schreibt Heinz Friedrich in seinem Zeitungsbericht.82 Wortführer dieser unerbittlichen Kritik ist offenbar der damals 26jährige SDR-Mitarbeiter, Hörspielregisseur und Jungautor Martin Walser.

"Und hier lernte ich Martin Walser wieder als ( ... ) streitsüchtig kennen ( ... ). Er zerstritt sich mit Günter Eich, dessen Vorlesung er für unter dem Strich hielt. Er ( ... ) verriß gleich Günter Eichs gesamte Art zu schreiben. Er ging fast bis zur Beleidigung. ( ... ) Günter Eich geriet immer mehr außer sich. Er fühlte sich mißverstanden und hatte der alemannischen Streitlust nur wenig entgegenzusetzen. ( ... ) Ihm, Martin Walser, gelang es, ihn so aufzubringen, daß er jede Gelassenheit verlor"

erinnert sich Hans Werner Richter (1986).83

Obwohl die inhaltlichen Punkte der Debatte in Bebenhausen nicht überliefert sind,84 wird man die Ursache des Konfliktes im Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Hörspielkonzeptionen zu suchen haben. Denn das Gegenstück zu "Hilda" bildet auf der Tagung "Die Minute des Negers", ein Funkmonolog Wolfgang Weyrauchs, der ein halbes Jahr vor dem Treffen der Gruppe 47 in der Regie von Martin Walser urgesendet worden war.85 Das von Walser in Szene gesetzte balladeske Stimmenspiel "Die Minute des Negers" und jene "Bilder" der Photographin "Hilda", an die sie sich während ihres Monologs erinnert, stehen sich gegenüber. Obwohl beide Hörspiele die innere Wirklichkeit im akustischen Medium gestalten - die letzte Minute im Leben des US-Staffelläufers Joseph Billing, bevor er mit dem Flugzeug an einem Berg zerschellen wird, bzw. die "Bilder", die Hilda während ihres "Fallen" noch einmal Revue passieren läßt -, gehen beide mit der inneren Bühne des Hörspiels grundverschieden um. Eichs "Hilda" ist ausschließlich auf sich selbst konzentriert, auf die Fragen nach Glück und gelingendem Leben; Weyrauchs "Neger" hingegen führt einen imaginierten Dialog nicht nur mit seiner Frau, sondern auch mit dem "Überall". Die bei den Atombombenversuchen getöteten Tiere klagen Joseph Billing an, sein persönlicher Ehrgeiz als Leichtathlet korrespondiert höchst zeitaktuell mit dem Allmachtsstreben der Menschen auf der ganzen Erde. Walser sieht in Weyrauchs Ballade genau das realisiert, was er in Eichs Hörspielentwurf vermißt, nämlich: "Die Figuren setzen sich nicht ein, um für ihre Handlungen Verständlichkeit zu erkämpfen. Sie sind dazu da, um einen sie übersteigenden Prozeß sichtbar zu machen: Weyrauchs Ballade von den Zuständen dieser Welt. "86

Der 26jährige Funkregisseur Martin Walser muß Günter Eich mit seiner Kritik an der "Hilda"-Lesung sehr getroffen haben. Eichs Manuskript bleibt - und dies spricht für die Heftigkeit der Auseinandersetzung - als eine der ganz wenigen Arbeiten dieses wohl produktivsten Hörspielautors in den 50er Jahren unvollendet. Eich nimmt nach dieser Diskussion die Arbeit an "Hilda" nicht mehr auf; es wird erst nach seinem Tod 1973 als Fragment realisiert (SWF, 11.10.1973). Martin Walser, der als " Schreiber" im Frühjahr 1953 zur Mainz-Tagung der "Gruppe 47" zum ersten Mal eingeladen worden war, hat als "Funktionär", als Programm-Macher, den Angriff einer neuen, jungen Generation auf das etablierte "Eich"-Maß eröffnet.87

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1Nachlaß Karl Schwedhelm, DLA Marbach am Neckar.

2Der Weg Pragers führt über die Chefredaktion der Medienzeitschrift "Kirche und Rundfunk"(1953-1958), die Leitung der Abteilung Unterhaltung des SDR-Fernsehens (1958-1961) bis zur Leitung der Hauptabteilung Fernsehspiel und Film bzw. bis zur Programmdirektion beim ZDF (1962-1975).

3Zur Stuttgarter Hörspieldramaturgie der 50er Jahre gibt es bislang noch immer keine erschöpfende Darstellung. Zum SDR-Hörfunkprogramm der 50er Jahre insgesamt vgl. Lersch (1995); zu Gerhard Prager, Karl Schedhelm und den dramaturgischen Bemühungen ab Mitte 1948 vgl. Bolik-Skoruppa (1989) und Wagner (1997), 155ff., 175-186; zu den Aktivitäten der "Stuttgarter Genietruppe" vgl. Döhl (1980) sowie Waine (1987) und Lersch (1987).

4SWR Stuttgart. HA. Hörspiel-Dramaturgie. 19/501. "Pioniere des Hörspiels".

5Vgl. die Behauptung Schwitzkes (1963, 296), Schwedhelm habe Prager auf Eich hingewiesen, die somit plausibel erscheint und hier nachvollziehbar wird.

6Günter Eich an Adolf Artur Kuhnert, 20.2.1950: "In Stuttgart ist Herr Prager zuständig, ein junger Mann, den ich neulich kurz sah. (Ich war vorige Woche in St. [= Stuttgart] (...)". Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

7Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

8Gerhard Prager: "Pioniere des Hörspiels" - eine neue Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks. Typoskript für den Start der Reihe am 22.1.1950. SWR Stuttgart. HA. Hörspiel-Dramaturgie. 19/50 1. "Pioniere des Hörspiels".

9Gerhard Prager: Gibt es eine Krise des Hörspiels? In: Funk-Illustrierte 17(1949), H. 14, 1.5.1949, 22. Vgl. auch Radio-Almanach 3(1949), H. 24, 12.6.1949, 3; Der Funkkurier. Ausgabe 34, 23.7.1949, 5-7 sowie Pragers Vorwort im Hörspieljahrbuch 1. Hrsg. vom SDR. Hamburg 1950, 5-9.

10Günter Eich an Alfred Andersch, 24.5.1950. DLA Marbach am Neckar. Nachlaß Andersch 78.5359/8.

11Vergleichszahlen zur Angabe der Honorareinkünfte bietet das "Statistische Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1952" (Hrsg. vom Statistischen Bundesamt Wiesbaden. Stuttgart - Köln 1952). Demnach betrug beispielsweise der Bruttowochenverdienst eines männlichen Facharbeiters in Bayern im Juni 1951: 80,27 DM; die Monatsvergütung eines Angestellten im öffentlichen Dienst, Vergütungsgruppe 11, Ortsklasse A, Endvergütung, für Ledige: 912,- DM. - Ein in diesem Zusammenhang interessanter Artikel erscheint am 6. Juli 1950 im "Spiegel". Das Hamburger Magazin nimmt die Verleihung des Preises der "Gruppe 47" zum Anlaß, Günter Eich zu porträtieren. Eich nutzt die Gelegenheit, auf seine finanzielle Misere hinzuweisen und seine Einnahmen aus dem Gedichtband "Abgelegene Gehöfte" offenzulegen, die für das vierte Quartal 1949 ganze 13,54 DM betrugen (vgl. -: Ration in der Tasche. In: Der Spiegel 4(1950) -Nr. 27 - 6.7.1950, S. 38f.).

12SWR Stuttgart. HA. Intendanz Nr. 455.

13Eich beklagt sich zwar gegenüber Kuhnert am 9. Dezember 1950 über die Undurchsichtigkeit der Honorarfestlegung beim SDR, erkennt aber auch, daß die Festsetzung von 1200,- DM pro Hörspiel eine "Bevorzugung" ist (Nachlaß Adolf Artur Kuhnert). Im folgenden geht Prager sogar darüber hinaus, wenn er 1951 z.B. "Fis mit Obertönen" mit 2000,- DM einstuft; d.h. durch den Vertrag werden 1200,- DM als bereits abgegolten betrachtet, und der Autor bekommt - über seine monatlichen Anweisungen hinaus - für dieses Hörspiel jetzt weitere 800,- DM angewiesen. Ähnlich verfährt Prager zu Beginn des Jahres 1952, als er für "Die Andere und ich" sogar 3 000,- DM ansetzt, davon zwar 1200,- DM aus dem Vertrag abzieht, also 'nur' zusätzliche 1 800,- DM anweist, aber bereits für die Wiederholung im April 1952 erneut weitere 1 000,- DM schickt. SDR HA. Honorarkarten 1951 und 1952.

14Vgl. Günter Eichs literarisches Nachkriegsdebüt in der Anthologie "De profundis", die der Cheflektor des Kurt-Desch-Verlags, Gunter Groll, 1946 herausgab.

15Günter Eich an Adolf Artur Kuhnert, 20.2.1950. Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

16Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

17Ebd.

18Vgl. den Ordner "Hörspiel-Preisausschreiben". BR HA. HF 6946.

19Bayerischer Rundfunk. Pressestelle. Ergebnis des Hörspiel-Preisausschreibens beim Bayerischen Rundfunk. 7. Dezember 1950. Ebd. - Die beiden zweiten Preise gingen an Hermann Stahl für "Gerechtigkeit in Sybaris" (BR, 26.1.1951) und Erna Weisenbom für "Nein, Herr Gimont" (BR, 12.2.1951); die beiden dritten Preise gingen an Heinz Ulrich für "Der Soldat und die Puppe" (BR, 21.2.1951) und Wolfgang Altendorf für "Der arme Mensch" (BR, 10.5.1951).

20An einem zweiten Hörspielwettbewerb, den der Bayerischer Rundfunk 1951 ausschreibt, beteiligt sich Eich nicht mehr. Vgl. die Liste mit 647 Eintragungen im Ordner "Hörspiel-Preisausschreiben". Ebd. - Auch an der von der Hörspielabteilung und dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller Anfang 1951 gemeinsam gestarteten Aktion, "den Mitarbeiterkreis des Bayerischen Rundfunks auszuweiten", beteiligt sich Eich, im Gegensatz beispielsweise zu seinen Freunden Horst Lange und Oda Schaefer, nicht (BR HA. HF 7 112).

21Nachlaß Adolf Artur Kuhnert. - Der letzte Satz spielt auf die Hörspielsendung "Der Junker von Ballantrae" an (BR, 10.3.1950), eine Funkbearbeitung Kuhnerts nach einer Vorlage von Robert Louis Stevenson.

22Ins Münchner Programm gelangen zwischen 1951 und 1955 lediglich die beiden Gemeinschaftsproduktionen "Die Mädchen aus Viterbo" (BR, 10.3.1953) sowie "Beatrice und Juana" (BR, 4.5.1954).

23SLB Dresden. Nachlaß Martin Raschke. Mscr. Dresd. App. 2531. Nr. 601. - Die angesprochenen Redakteure sind Arnolt Bronnen, Edlef Köppen, Wilhelm Hoffmann, Werner Pleister, Gerd Fricke.

24Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

25Ebd.

26Eine der wenigen personalgeschichtlichen Untersuchungen stellt Arnulf Kutsch' Studie dar: Deutsche Rundfunkjournalisten nach dem Krieg. Redaktionelle Mitarbeiter im Besatzungsrundfunk 1945 bis 1949. Eine explorative Studie. In: Mitteilungen StRuG 12(1986), 191-214.

27"Mit Köln habe ich bisher kein Glück gehabt und Hamburg meldet sich überhaupt nicht mehr." Günter Eich an Adolf-Artur Kuhnert, 25.4.1950. Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

28Heinz Schwitzke veröffentlicht in diesem Zusammenhang eine große Anzahl von Rundfunkessays und Hörspiel-Einführungen, darüber hinaus Zeitschriftenartikel und Aufsätze, erarbeitet 1973 als Herausgeber die beiden Hörspielbände der ersten Ausgabe "Gesammelte Werke" und verfaßt 1978 eine umfangreiche Darstellung des Eichschen Werkes, die jedoch nicht gedruckt wird. Ein Exemplar dieses Werkes mit dem Titel "Günter Eich oder: Die Welt als Sprache" befindet sich im Nachlaß von Heinz Schwitzke, der im Mai 1998 dem DLM als Depositum übergeben wurde.

29Günter Eich gehörte nicht zu den Autoren, die die SWF-Hörspieldramaturgie im Sommer 1946 sowie kurz nach der Währungsreform anschrieb, um Impulse für ihren Spielplan zu gewinnen. Vgl. Wagner, 1997a, 279-302.

30Manfred Häberlen an Günter Eich, 24.5.1950. SWR Baden-Baden. HA. P 4416. - Das für den internen Schriftverkehr angelegte Lektoratsgutachten über "Geh nicht nach El Kuwehd" hält die Ablehnung dieser "zeitlose(n) orientalische(n) Märchenatmosphäre" fest (12.4.1950. SWR Baden-Baden. Hörspielabteilung. Lektorate). Nur einen Monat zuvor hatte Häberlen das 1933 von Eich verfaßte Hörspiel "Die Glücksritter" in die Hand bekommen und den "Wirbel von Auftritten und Abgängen" als "nicht sehr funkgeeignet" mit einem Satz abgetan (11.3.1950. Ebd.). - Ein kurzes Porträt des SWF-Redakteurs Manfred Häberlen (1916-1990), der von Herbst 1948 bis März 1953 als Dramaturg, danach als Chefdramaturg (bis 1956) und schließlich als Sendeleiter Hörfunk und Hörfunkdirektor tätig war, gibt der Verfasser (Wagner, 1997a, 273ff.).

3127.6.1950. SWR Baden-Baden. HA. P 4375.

3229.7.1950. SWR Baden-Baden. HA. P 4416.

33Vgl. den Kommentar zur Szenenfolge "Nebeneinander" im Abschnitt "Nicht gesendete Rundfunkarbeiten" (3.3).

3424.2.1951. SWR Baden-Baden. HA. P 4421.

35Vgl. den Kommentar zur "Reparaturwerkstatt Muck" (Kapitel 3.2): SWF, 19.6.1951.

36Vgl. Anm. 25.

37Häberlen entwickelt gegenüber Eich am 4. April 1951 folgenden Vorschlag: "Heutzutage hat ein Arzt manchmal Möglichkeiten, um mit sehr teuren Medikamenten einen Patienten zu retten. Dem Armen hingegen kann der Arzt ein solches Mittel nicht geben. Der Arme muß sterben. Zwei Rechte sind hier unter einen Hut zu bringen. Das allgemeine Recht des Menschen und des Patienten im besonderen, daß die ärztliche Wissenschaft etwas tun muß, um ihn zu retten, steht auf der einen Seite. Andererseits kann man vom Arzt billigerweise nicht verlangen, daß er von seinem häufig nicht sehr reichlichen Verdienst die Arznei für den armen Patienten bezahlt ( ... )." (SWR Baden-Baden. HA. P 4421). - Eich weist nach einer Rücksprache mit seinem Hausarzt auf die fehlerhafte Ausgangsposition hin, da in dringenden Fällen jedes Medikament von der Kasse genehmigt werde. Schließlich schreibt Eich, daß unabhängig davon, "auf diese Weise behandelt scheint mir das Thema dramatisch unergiebig zu sein." (Ebd.).

38Manfred Häberlen an Günter Eich, 22.10.1951: "Ich nehme an, daß Sie sich mit Versicherungsgedanken beschäftigen, mit dem Versuch des Menschen, sich möglichst gegen jede Form des Schicksals zu versichern. In diesem Gedanken liegt eine Hybris, welche wahrscheinlich tragische Konsequenzen nach sich zieht. Ich bin sehr gespannt, wie sich aus diesem gedanklichen Kern ein Stoff und eine Fabel entwickeln werden." (SWR Baden-Baden. HA. P 4421). - Lediglich in diesem Fall sieht Eich eine Möglichkeit im Hörspielstoff, die ihm interessant genug erscheint, nämlich die, "das Schicksal der Vergessenen unter dem Aspekt eines blind waltenden Geschicks zu sehen. (Theologisch ausgedrückt, handelte es sich um eine Prüfung). Damit würde jeder unmotivierte und unmotivierbare Zufall ( ... ) seine Legitimierung erhalten. Nur so scheint mir auch der verblüffende Schluß (daß sie nun doch auf der Insel bleiben) vertretbar. Aber möglicherweise sind diese Betrachtungen nur für Eich gültig, und ein anderer Autor findet einen andern für ihn richtigen Aspekt." (Günter Eich an Manfred Häberlen, 24.3.1952. SWR Baden-Baden. HA. P 4426).

39Günter Eich an Manfred Häberlen, 24.3.1952. SWR Baden-Baden. HA. P 4426.

40Zu den Reorganisationsmaßnahmen unter Generaldirektor Adolf Grimme und dem kommissarischen Intendanten Herbert Blank vgl. Wagner, 1997a, 225f, 229f

41Günter Eich an Adolf Artur Kuhnert, 20.2.1950. Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

42Günter Eich an Manfred Häberlen, 20.4.1951. SWR Baden-Baden. HA P 442 1. - Häberlen - konsequent in der Verfolgung seines bereits geschilderten dramaturgischen Konzeptes - greift das realistische Stück begierig auf und zeigt den Mut, Eichs ursprüngliche Absicht mit dem offenen Schluß zu realisieren. Er verknüpft die Neuinszenierung im März 1952 mit der Idee, das Hörerecho in einem Feature von Walter Dirks analysieren zu lassen (vgl. Kommentar zur Sendung des SWF am 18.3.1952).

43Mörderische Angelegenheit. In: Der Spiegel 5(1951), Nr. 16, 18.4.1951, 32f.

44Die in Bad Elster als Sohn eines Arztes geborene Gerda von Uslar arbeitete vor allem auf dem Gebiet der Übersetzung. Nach einem Sprachenstudium in Hamburg war sie am Ibero-amerikanischen Institut, am Deutschen Schauspielhaus und am "Jungen Theater" in der Hansestadt tätig, bevor sie Anfang der 50er Jahre als Dramaturgin an der Hörspielabteilung arbeitete. - Von Uslar führte bis Juli 1952 die Korrespondenz mit Günter Eich; erst mit August 1952 übernimmt der seit 1. November 1951 in der NWDR-Hörspieldramaturgie tätige Heinz Schwitzke den Briefwechsel und führt die intensive Arbeitsfreundschaft bis zu Eichs Tod 1972 fort.

45Mörderische Angelegenheit. In: Der Spiegel 5(1951), Nr. 16, 18.4.1951, 32.

46Zum Programmkontext sowie zur unmittelbaren Rezeption sei auf den Kommentar zum Hörspiel im Abschnitt 3.1 verwiesen.

47Junge Autoren stellen sich vor: Günter Eich. In: Radio Almanach 5(1951), 1.4.1951.

48Günter Eich an Ursula Kuhnert, 9.4.195 1. Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

49Erhard Göpel: Ein Dichter namens Eich. In: Neue Zeitung (München) - 8.5.1951; Einer vom Jahrgang 1907. Bildnis des Dichters Günter Eich. In: Der Kurier (Berlin) - 19.5.1951; Curt Hohoff- Der Dichter Günter Eich. In: SZ (München) - 8.5.1951.

50Ein interessantes Phänomen im bundesrepublikanischen Literaturbetrieb der 50er Jahren ist, daß Rundfunkautoren versuchen, ihre für das Medium entstandenen Arbeiten als 'Literatur' in der Öffentlichkeit durchzusetzen, indem sie diese Hörspieltexte in 'klassischen' Distributionsmedien wie Zeitschriften und Buchpublikationen veröffentlichen. Auch Günter Eich 'nobilisierte' seine Rundfunkarbeiten von den frühen 50er Jahren an durch zahlreiche Abdrucke. Ihm gelang es dabei in ganz besonderer Weise, auch mit Hilfe der im Druck erscheinenden Hörspiele als 'Dichter' und als 'Lyriker' rezipiert zu werden. Vgl. beispielsweise die Rezeption des 1953 im Suhrkamp Verlag herausgegebenen Bandes "Träume. Vier Hörspiele", wie sie Susanne Müller-Hanpft in ihrer Untersuchung über "Lyrik und Rezeption" aufzeigt (Müller-Hanpft, 1972, 82-93).

51"Reparaturwerkstatt Muck" repariert Moral. In: epd/KuR - Nr. 14 - 2.7.1951.

52Günter Eich an Ursula Kuhnert, 9.4.1951. Nachlaß Adolf Artur Kuhnert.

53Gerda von Uslar an Günter Eich, 10.1.1952. NDR Hörspielabteilung. Ordner Eich-Korrespondenz.

54Gottfried Benn: Briefe an F.W. Oelze 1950-1956. Wiesbaden 1980, 164.

55 Christian Boehme: Bericht über die Situation der Abteilung Hörspiel. 1. 11. 1951. SWR Baden-Baden. HA. 1000/49.

56 Diese in der Hörspiellandschaft bekannte Tatsache, daß Baden-Baden mit solchen Vorzügen zu locken wußte, betont rückblickend Manfred Häberlen in einem Interview, das Wolfram Wessels mit ihm am 21.5.1985 führte (SWR Baden-Baden. Schallarchiv. Ungeschnittes Band).

57Vgl. die Parallelproduktionen von "Die Andere und ich": SDR 1, 3.2.1952 und NWDR 2, 6.2.1952; von "Der Tiger Jussuf": NWDR 1, 15.8.1952 und SDR 1, 12.10.1952; einige Zeit später von "Zinngeschrei": NDR 3, 25.12.1955 und SDR 1, 4.1.1956.

58Hörspiel-Gemeinschaftsproduktion erweitert. In: SWF Pressedienst. 22. Sendewoche, 25.-31.5.1952.

59SWR Baden-Baden. HA. P 4391.

60"Kaninchentod" erscheint selbst noch in den Programmausdrucken für den 14. Oktober 1952. Doch das Hörspiel ist nie vollständig ausgearbeitet worden. Im Hintergrund liefen überdies Vorgänge ab, die selbst Walter Ohm, dem verantwortlichen Münchner Regisseur für diesen Auftakt, nur unzureichend bekannt waren, denn Zuckmayer wollte mit seiner Zusage eigentlich nur eine literarische Arbeit seines Freundes Graf Hubert Mittrowsky promovieren und sich selbst gar nicht engagieren. Dieser Vorfall wird im Rahmen eines Beitrags über Zuckmayers Rundfunkarbeiten demnächst vom Verf. für das "Zuckmayer-Jahrbuch" eingehend dargestellt werden.

61Günter Eich. Telegramm an SW. 26.5.1953. SWR HA. P 4391.

62SWF. Telegramm an Günter Eich. 27.5.1953. Ebd.

63Heinz Schwitzke an Günter Eich, 28.5.1953. NDR Hörspielabteilung. Ordner Eich-Korrespondenz. - Im gleichzeitig abgehenden privaten Anschreiben heißt es: "Die beiliegende Bescheinigung habe ich mit einem bombastischen Schnörkel versehen, weil ich denke, daß Sie damit irgendwelche Beamten ärgern wollen, die Ihnen bürokratische Schwierigkeiten machen." (Ebd.).

64Den Begriff "Doppelspuren" führen Edgar Lersch und Reinhold Viehoff ein in einer Studie über den Schriftsteller und Redakteur Helmut Heißenbüttel (Edgar Lersch - Reinhold Viehoff. "Während der Blick aus dem Fenster schweift", oder: Helmut Heißenbüttel und der Rundfunk. In: RuG 19(1993), Nr. 2/3, 57-65).

65Günter Eich an Hermann Kasack, 20.6,1949. DLA Marbach am Neckar. Nachlaß Hermann Kasack.

66Günter Eich an Karl Krolow, 17.6.1949. DLA Marbach am Neckar. Depositum Karl Krolow. 88./7.16/27.

67Die Informationen über die Kandidatur Günter Eichs als Sekretär bei der Darmstädter Akademie der Künste gehen aus dem Briefwechsel zwischen Walter von Molo und Alfred Döblin im März/April 1950 hervor (Akademie der Künste Berlin. Walter-von-Molo-Archiv. 43/73/2397).

68Vgl. die kurze instruktive Darstellung der Gründungsphase der Zeitschrift 'Die Akzente' in: Literatur der Gegenwart im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg. Begleitbuch zu Ausstellung und Archivbestand. o.O. (Sulzbach-Rosenberg) o.J., 27-33.

69Hans Bender gibt hierzu die Herausgeberschaft der Zeitschrift "Die Konturen - Blätter für junge Dichtung" auf-, der Romancier, Essayist und Publizist Hans Bender ist bis 1967 Mitherausgeber, von 1968 bis 1976 alleiniger Herausgeber und von 1976 bis 1981 zusammen mit Michael Krüger Herausgeber der Zeitschrift "Akzente".

70Günter Eich an Walter Höllerer, 16.11.1953. Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg. Hö 1. Nr. 6329.

71Da sich keine Dokumente zu den Sitzungen des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" erhalten haben, ist man bei der Rekonstruktion des Tagungsverlaufs auf die veröffentlichten Beiträge der Kritiker angewiesen; vgl. v.a. die Dokumentation in der Hauszeitschrift des "Bundes der Kriegsblinden": Der Kriegsblinde 4(1953), Nr. 7, 15.3.1953; sowie die Berichte von Friedrich Wilhelm Hymmen (In: Evangelische Welt, Nr. 5, 1.3.1953) und Kurt Lothar Tank (In: Sonntagsblatt, 1.3.1953).

72Zur Geschichte dieses Preises vgl. Würffel, 1978a, 106-146, sowie Heinrich Vormwegs kurzen Essay "Nach den Reden. Zur Geschichte des Hörspielpreis der Kriegsblinden" (in: Schriftsteller und Hörspiel. Reden zum Hörspielpreis der Kriegsblinden. Hrsg. und eingeleitet von Klaus Schöning. Königstein/Taunus 1981, 130-136).

73Abgedruckt in: Der Kriegsblinde 4(1953), Nr. 7, 15.3.1953, lf

74Eichs Rede ist abgedruckt in: Der Kriegsblinde 4(1953), Nr. 7, 15.3.1953, 13f. (vgl. auch GW 2IV, 609-612).

75Vgl. GW 2II, 384.

76Auffallend ist in diesem Zusammenhang, daß Eich auch in seinen Hörspielen selbst nur selten Bezüge auf das Medium Rundfunk vornimmt. Eine der nennenswerten Ausnahmen ist der fünfte Traum im Hörspiel "Träume", bei dem zwei Funktionen des Mediums dargestellt werden, die Unterhaltung in Form des Schallplattenkonzerts (Where is my rose of Waikiki) und die Belehrung in Form des Vortrags (Professor Wilkinson spricht über die Termiten). Beide Formen erweisen sich als nicht geeignet, der realen Katastrophe zu begegnen: Die Radiomusik scheint zunächst das Termitengeräusch zu übertönen und kann somit "richtig einschläfernd" wirken, später vermischt es sich selbst mit dem Knarren der Termiten, die Musik wird daraufhin ausgestellt. Aber auch die warnende Botschaft des Professors, daß der Schlafende des Nachts seines Hauses beraubt werden kann, erreicht sein Publikum nicht; das Radio wird sogleich ausgeschaltet (vgl. GW 2II, 376-384).

77Der SWF Baden-Baden startete am 6. Juli 1954 als erste ARD-Rundfunkanstalt eine "Repertoire"-Reihe für Günter Eich (zu diesem Günter-Eich-Repertoire vgl. den Kommentar im Radiographie Abschnitt 3.1 unter dem 14. August 1954). Von nun an avanciert Eich zu dem Repertoire-Autor der bundesrepublikanischen Hörspielgeschichte, dessen als 'klassisch' eingestufte Hörspielkunst immer wieder ins Programm gelangt. Bereits zu Lebzeiten Günter Eichs gab es mehrere "Repertoire"-Zusammenstellungen, und diese Programmpräsenz dauert bis heute an. Die bislang jüngste Repertoire-Reihe strahlte der MDR 1995 unter dem Titel "Retrospektive: Günter Eich" aus (14 Hörspielabende, 9.1.-10.7.1995).

78Gerhard Prager, 1954, 519.

79Martin Walser: Notiz an Herrn Intendant Dr. Eberhard, 9.9.1953; Fritz Eberhard/Martin Walser an Landesvermögens- und Bauabteilung der Oberfinanzdirektion Stuttgart, 10.9.1953. SWR Stuttgart. HA 10/29009. Korrespondenz mit Martin Walser.

80Im Mai 1950 las Walter Kolbenhoff in Inzigkofen aus dem Hörspiel "Unsere schönen Träume" im Mai 1951 stellte Ernst Schnabel in Bad Dürkheim sein Reisefeature "Interview mit einem Stern" vor, und im Oktober 1952 präsentierte Wolfgang Weyrauch auf Burg Berlepsch Ausschnitte aus einem neuen Hörspiel.

81Hans Werner Richter an Martin Walser, 13.9.1952. SWR Stuttgart. HA 10/29009. Korrespondenz mit Martin Walser.

82Heinz Friedrich: Gruppe 47 - Anno 1953. In: Hessische Nachrichten (Kassel), 26.10.1953. Auch in: Lettau, 1967, 93-96; Zitat, 95.

83Hans Werner Richter: O Martin. Ein streitbarer, wenn nicht streitsüchtiger Alemanne. Martin Walser. In: Richter, 1986, 247-258; Zitat, 251f

84Martin Walser konnte in einem Interview, das der Verfasser im Dezember 1996 mit ihm führte, keine näheren Angaben zu dieser Diskussion über Eichs Hörspielarbeit machen. - Der Versuch, eventuelle Rundfunkmitschnitte der damaligen Gruppe 47-Sitzung in Bebenhausen ausfindig zu machen, verlief in den ARD-Schallarchiven erfolglos.

85Wolfgang Weyrauch: Die Minute des Negers. SDR - 9.3.1953. Tonträger. SV~R Stuttgart. Schallarchiv.

86Martin Walser: Regie-Erfahrungen mit Weyrauchs Hörspielen. In: Wolfgang Weyrauch: Dialog mit dem Unsichtbaren. Sieben Hörspiele. Olten - Freiburg im Breisgau 1962, 245-248; Zitat, 248. Völlig abwegig ist beispielsweise die Vermutung, Eich habe "im Gegensatz zu Weyrauch eine viel 'realistischere' und eine der äußeren, empirischen Wirklichkeit verbundene Handlung und Szenenfolge" benutzt, wie Gerald A. Fetz in seinem Arbeitsbuch der "Sammlung Metzler" über Martin Walser schreibt (Martin Walser. Stuttgart 1997, 14).

87Dieser hier zum ersten Mal geprobte Aufstand erweist sich später als ein Vorspiel dessen, was auf der Sondertagung der "Gruppe 47" in Ulm 1960 stattfindet. Als auf die Initiative von Heinz Schwitzke hin im Mai 1960 an der Ulmer Hochschule für Gestaltung eine Hörspieltagung veranstaltet wird, dienen Günter Eich und seine Lesung der Neubearbeitung des "Tiger Jussuf" als Auslöser für einen Generalangriff. Das sogenannte "Neue Hörspiel" meldet sich zum ersten Mal vernehmlich zu Wort, und seine Wortführer glauben in jenem Hörspielautor ihre Zielscheibe zu entdecken, der wie kein anderer das Programm der zurückliegenden Jahre geprägt hat, in Günter Eich (zu dieser hier nicht näher ausgeführten Entwicklung vgl. den Kommentar zur Neuproduktion des "Tiger Jussuf" am 20.3.1962).

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