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Autor: Weiß, Rudolf H..
Titel: Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern. (Auszüge)
Quelle: Rudolf H. Weiß: Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern. Göttingen/ Bern/Toronto/Seattle 2000. S. 1-7, 22-23, 205-214.
Verlag: Hogrefe Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Rudolf H. Weiß
Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern
So wie sich der Suizid eines Schülers zumeist ankündigt, so kündigen sich auch extreme Gewalttaten gegen andere an. Anders als beim heimtückischen Mobbing werden schwere Körperverletzungen oder gar Tötungsabsichten gegen Schüler oder auch Lehrer vorher entweder indirekt, in manchen Fällen aber auch ganz direkt angedroht. So soll es im Falle des 15-jährigen Gymnasiasten aus Meißen gewesen sein, der am 9. November 1999 eine Lehrerin überfallartig vor den anderen Schülern im Klassenzimmer mit einem Messer erstach, so war es auch einige Tage vorher im Falle des 16jährigen Berufsschülers aus Bad Reichenhall, der seine Bluttat mit fünf Toten und ebenso vielen Schwerverletzten vor Mitschülern einige Tage vorher ankündigte. Nur – diese Ankündigungen wurden nicht ernst genommen, so wie Schüler Suizidandrohungen von Mitschülern nicht ernst nehmen. In gewissem Umfang trifft dies leider auch für Lehrer zu, insbesondere wenn es um Suizidabsichten von Schülern geht, die man oft als Suizid“drohungen“ falsch interpretiert. Sicher ist es nicht leicht, im Trubel des schulischen Tagesgeschehens den Wahrheitsgehalt solcher Drohungen zu überprüfen. Soll man z. B. eine Eintragung eines 17jährigen Schülers in seinem Tagebuch, das zufällig gefunden wird, für bare Münze nehmen, wenn er darin die Tötung von gehassten Lehrern durch einen Bombenanschlag ankündigt? Soll ein gemobbter Schüler die Drohung von Mitschülern, die ihn erpressen, ernst nehmen, dass sie ihn vor den Zug stoßen werden, wenn er etwas davon ausplaudert? Sicher gibt es ein Vielfaches an Gewaltandrohungen als davon später als Tathandlungen ausgeübt werden, sonst gäbe es ja täglich in unseren Schulen Mord, Totschlag und Selbstmord. Aber grundsätzlich muss ich zunächst jede verbale oder auch schriftliche Androhung ernst nehmen und darauf reagieren. Ich denke die Zeiten sind längst vorbei, wo man noch mit ruhigem Gewissen sagen konnte, gewiss nur ein dummer Jungenstreich oder pubertäres Imponiergehabe, nicht weiter ernst zu nehmen, kein Handlungsbedarf. Die Lage ist ernster und schwieriger für Pädagogen geworden. Deshalb sind auch psychologische Hilfen, z. B. zur Gesprächsführung bei aggressiven Konflikten, in der Schule immer mehr gefragt.
Schulische Gewaltgespräche sind schwierig zu führen und auch zu bewerten. Da hat man es als Berater wegen des zumeist vorliegenden Leidensdrucks beim Klienten schon etwas leichter, wenn etwa ein Schüler (16), der wegen Gewalttätigkeiten schon häufig aufgefallen ist, im Beratungsgespräch bemerkt:
Wenn ich schon nicht gut sein kann, so möchte ich wenigstens bös sein... Mit dem Wissen, dass dies keine außergewöhnlich seltene Einstellung ist, weil eine ähnliche Meinung immerhin 7 % der von uns befragten Gymnasiasten vertreten, kann ich seine Grundeinstellung mit den Worten ergänzen: „Damit man dich wahrnimmt.“ Im weiteren Gesprächsverlauf erfahre ich dann, dass es ihm und den anderen mit der gleichen Meinung an Möglichkeiten zu einer gesunden Ichstärkung fehlte, weil er familiäre und schulische Demütigungen jahrelang hat erdulden müssen. Nahm man ihn nicht ernst genug? Sucht er etwa dafür jetzt eine „Ersatzstärkung“? Ist er deswegen in der Klasse einer der Anführer, der Schwächere terrorisiert, weil sie seine Heavy-Metaltexte bescheuert finden? Ist er deswegen an einer gewalttätigen Streetgang aktiv beteiligt, weil er dort Anerkennung unter Gleichgesinnten findet?
Bössein ist geil, bemerkt ein anderer Schüler (17), der im Ethikunterricht der Oberstufe nach dem Sinn des Lebens gefragt wird. Diese an sich grundlose Lust am Bösen, so fragen sich Pädagogen, entspringt diese destruktive Grundhaltung nicht einem angeborenen männlichen Aggressionstrieb, wie es die Verhaltensbiologen annehmen, also primär genetisch bedingt, oder resultiert es nicht doch eher aus einem Gefühl von Langeweile oder auch aus mangelndem Unrechtsbewusstsein, also sozialisationsbedingt? Dieser Schüler, der sich voller Lust an Mobbing-Spielen gegen Klassenkameraden beteiligte, macht sich keinerlei Gedanken über die Gefühle seiner Opfer. Mancher Suizidversuch – mir ist auch ein tragischer Suizid mit dieser Symptomatik bekannt – kann durch solche psychischen Verletzungen mit verursacht sein. 8 % der befragten Gymnasiasten, die eine solche Haltung vertreten, können unter ihren Mitschülern ordentlich Unheil anrichten.
Da habe ich einfach aus Lust zugeschlagen – um meine Wut auszulassen, sagt eine Berufsschülerin (16) im Schlichtergespräch einem Beratungslehrer. An einer völlig unbeteiligten Mitschülerin hatte sie ihren Schulfrust körperlich abreagiert, der sich wegen ungerechter Benotung und abwertend-verletzenden Bemerkungen durch einen Lehrer aufgestaut hatte. Sicher setzen es nicht alle der 15 Schüler in eine entsprechende Handlung um, die auf die Frage, ob sie Spaß an Gewalt haben, Zustimmung bekunden.
In diesen Zusammenhang ist auch die folgende Bemerkung einer Schülerin (15) im vertraulichen Beratungsgespäch einzuordnen:
Wenn ich schlage, fühle ich mich gut, und fügt hinzu, ich kann mich dann gar nicht mehr erinnern, wie ich zugeschlagen habe – und warum. Ähnliche lustvolle Gefühlszustände mag wohl auch ein Sadist haben, wenn er andere quält oder sich an Mobbingspielen gegen Kollegen beteiligt. Ein schwieriger und langwieriger therapeutischer Prozess, der hier nötig ist, um eine von Mitgefühl geprägte Einstellungsänderung erfahren zu lernen. Um wieviel schwieriger ist es dann in der Schule, Verhaltensänderungen zu erzielen:
Wenn ein Physiklehrer in seiner 9. Klasse das Thema antisoziales Schülerverhalten anspricht und ohne pädagogischen Zeigefinger um Verständnis wirbt: „es sei doch besser sich darüber zu freuen, wenn man jemand hilft, anstatt sich auf Kosten anderer zu freuen“ und darauf die ironische Antwort aus der Klasse erhält: „Amen, jetzt hat der Pfarrer gesprochen“.... „zum Helfen gebe es ja andere Leute, wie Sozialarbeiter“, braucht man sich nicht zu wundern, wenn er sich in Zukunft auf seine physikalischen Experimente beschränkt.
Mir sind als Schulpsychologen in Seminaren mit Schulleitern und Lehrern in letzter Zeit mehrfach auch Fälle bekannt geworden, bei denen es bei den normalen Schulhofraufereien (häufiger Grund: Rivalenkämpfe – Hackordnung in Klasse oder Gruppe), die es schon immer gab, zu ganz brutalen Auseinandersetzungen mit schwersten Körperverletzungen kam, weil der Sieger auf den am Boden liegenden Unterlegenen weiter mit den Füßen eintrat. Dabei handelt es sich um keine Einzelfälle mehr und dies gab es in dieser Form vor 15 Jahren noch nicht. Wenn Farin (1994) in seinem Buch“ Die Scharfmacher“ meint, da habe es mal einen Fall gegeben, der dann von vielen Scharfmachern wiederholt und in unzulässiger Weise generalisiert würde, so irrt er sich.
Beide hießen Martin. Beide waren 16 Jahre alt und lebten in einer Kleinstadt, der eine in Nord-Württemberg, der andere in Oberbayern. Beide wuchsen in sogenannten „geordneten“ Familienverhältnissen bei Vater und Mutter auf, waren sozusagen aus „gutem Haus“. Der schwäbische Martin war Gymnasiast, der bayerische Martin Berufsschüler. Beiden war gemeinsam – neben der Namengleichheit und einer zwei Jahre älteren Schwester – eine gewisse Isolation und beide nahmen sich mit einem Gewehr des Vaters das Leben, der schwäbische Gymnasiast Martin allein auf einem Jägerstand an einem Sonntag Vormittag, der bayerische Schlosserlehrling Martin am Feiertag Allerheiligen gegen Mittag allein im elterlichen Einfamilienhaus, nachdem er vorher drei unbeteiligte Menschen auf der Straße und seine zwei Jahre ältere Schwester mit einem der Gewehre seines Vaters erschossen und fünf weitere Menschen durch Gewehrschüsse schwer verletzt hatte. Warum beging der eine Suizid ohne Fremdschädigung und warum richtete der andere ein Massaker an, das weit über die Grenzen unseres Landes hinaus Entsetzen und Trauer auslöste?
Warum stelle ich diese beiden Fälle an den Anfang meines Buches über Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern? Sie begingen beide eine Gewalttat, also eine extreme destruktive aggressive Handlung indem sie töteten. Aber warum tötete der eine erst sich selbst, nachdem er ein Blutbad anrichtete und vier Menschen (es hätten auch noch mehr sein können) mit in den Tod riss und der andere nur sich selbst? Warum hatte dieser z. B. nicht gewartet, bis er einem Spaziergänger begegnete, um diesen vor seiner Selbsttötung noch zu erschießen?
Die Ermittlungsbehörden recherchierten sorgfältig, ob nicht etwa Fremdverschulden mit beteiligt war, z. B. ob die Eltern einen Waffenschein hatten und die Waffen ordnungsgemäß verwahrt worden waren. In beiden Fällen lag hier kein Verschulden vor. Die beiden Fälle liegen zeitlich nicht weit auseinander (1997 und 1999). Warum war aber in der Öffentlichkeit bei dem Suizid des Gymnasiasten keine Stimme zu hören, die eine Verschärfung der Waffengesetzgebung forderte, während bei dem Berufsschüler, der das Massaker beging, plötzlich ein Aufschrei durch die Presse ging und alle plötzlich danach schrien? Warum unternahm man bei den Ermittlungsbehörden nicht mehr Anstrengungen, um nach den wahren Motiven des Täters zu forschen? Den Eltern ist wohl kein Vorwurf zu machen, es läge allein in der Persönlichkeit des Schülers begründet, hieß es in einer Presseerklärung lakonisch. Und gegen einen „Amoklauf” sei man machtlos, er käme aus heiterem Himmel.
Über dpa-Meldungen wurden dann reihenweise kompetente Spekulationen verbreitet von Fachleuten, die immer gefragt werden, wenn sich etwas Spektakuläres in der Republik ereignet. So z. B. von Jugendforscher Hurrelmann, Bielefeld, zwei Tage nach dem Massaker (zitiert nach Stuttgarter Nachrichten unter dem Titel „Amoklauf könnte zur Mode werden“ vom 4.11.1999): Neben dem vermuteten Motiv „Rache an der Umwelt, die ihn missachtete“, war da von einer „unbewussten Speicherung der jüngsten Schießereien in US-Schulen“ die Rede sowie von “längerer Vernachlässigung und keiner Anerkennung durch Familie und Freunde“.1 Dann übernimmt auch er den Begriff Amoklauf, wie er zuerst von „Bild“ als Titelblatt-Schlagzeile verwendet wurde, obwohl der Junge am Fenster stand und ziemlich kaltblütig eine dreiviertel Stunde lang exakt wie auf eine Zielscheibe zielend die Menschen auf der Straße und in fahrenden Autos abknallte. Zitat: „Ein Amoklauf werde schließlich ,zu einer Inszenierung vor sich selbst, der Familie und einer gedachten Umwelt’ nach der Devise ,Jetzt will ich es euch aber zeigen’, erklärte der Jugendforscher.“
Meine gedachte Zwischenfrage: Hatten Jugendforscher in den 60er, 70er und 80er Jahren nicht bereits ähnlich argumentiert, wenn es um Erklärung von Jugendgewalt ging? Jugendliche Selbstmorde hatten wir damals ähnlich viele wie heute, aber derartige Massaker und auch andere Gewalttaten mit Fremdschädigung und Tötungsdelikten durch Jugendliche gab es in dieser Zeit zumindest bei uns nicht. Da muss es doch noch etwas anderes als Erklärung geben!
Vielleicht hat sie Christian Pfeiffer parat, der als Kriminologe und Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen immer wieder, wenn im Bereich der Jugendkriminalität Erklärungsbedarf entsteht, seine Meinung bundesweit kundtut. Und in der Tat, er äußert sich bereits am folgenden Tag in einem Fernsehinterview über das Massaker: „die Tat sehe für ihn aus, wie die eines isolierten, ohnmächtigen Menschen. Man müsse sich fragen, ob der Junge seine Eltern vielleicht bestrafen wollte“ (zitiert aus Stuttgarter Nachrichten vom 3. 11. 1999). Eine etwas enge Erklärung, wenn man die mögliche Bandbreite der heutigen kindlichen Sozialisation betrachtet – und auch nicht mehr an Gehalt wie die Darstellung von Hurrelmann. Bei Pfeiffer wundert es mich nicht, wenn er denkbare Medieneinflüsse ignoriert, hatte er doch erst im Frühjahr 1999 bei der Vorstellung einer Schülerbefragung für Stuttgart am 22.6.1999,2 wo er sich ausführlichst über die Gründe der zunehmenden Jugendkriminalität äußerte, eingestehen müssen, dass er den möglichen Medieneinfluss bei der Ursachenerklärung von Jugendgewalt ausgespart hat – er hatte ihn gar nicht untersucht.
Bestimmt hilft da die Psychologie weiter, dachte ich, und in der Tat äußert sich am selben Tag eine Rechtspsychologin in der Presse, Frau Irmgard Antonia Rode, Köln. Es geht um die Frage, was für Amokläufer typisch sei: „Diese Menschen sind sehr zurückhaltend und haben große Schwierigkeiten sich mitzuteilen.“ Frau Rode geht selbst bei einem Amoklauf von einer Frustrationsaggression aus und bezieht auch einen möglichen Medieneinfluss in den Ursachenkontext mit ein, nimmt ihn durch eine Relativierung aber sogleich wieder zurück. Die psychisch schwer Gestörten seien äußerst sensibel und reagierten selbst auf kleine Rückschläge mit schwerer Frustration. Die mit der Zeit angestaute Wut entlade sich dann in einem exzessiven Gewaltausbruch, der sich wegen der Verschlossenheit der Täter nicht ankündige. Eine Vorbeugung sei kaum möglich. Rode: „Wir müssen damit leben.“ Der Konsum von Gewaltvideos allein kann nach Meinung der Psychologin eine solche Tat nicht auslösen, diese aber fördern, falls der Täter isoliert lebe. Ein möglicher Hinweis auf einen potentiellen Amokläufer sei ein offenkundiger Hang zu Waffen, wie ihn auch der 16jährige Martin gezeigt hat.
Nur einer geht mit seiner Erklärung einen deutlichen Schritt weiter: der Vize-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Wolfgang Speck, wenn er meint: „Die Beziehung von Kindern zu Waffen hat sich verändert.“ Durch Fernsehen und Videospiele seien sie sich nicht mehr der Gefahr von Schusswaffen bewusst (zitiert aus Stuttgarter Nachrichten vom 4. 11. 1999 unter der Überschrift: „Nach Reichenhall Ruf nach verschärftem Waffenrecht“).
Und der Kommentator in der selben Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten, Dieter Hoss, bringt eine noch weitergehende Vermutung zu Papier: „Wo man seine eigene Schwäche nicht mehr eingestehen darf, über Gefühle und Angste mit niemandem sprechen kann und nirgendwo Bestätigung findet, da kann sich Selbstwertgefühl nur schwer entwickeln. Ein Hang zu Waffen und der intensive Konsum von Gewaltvideos können dann zum Ausdruck des Wunsches nach Anerkennung werden, dem schließlich mit Gewalt Nachdruck verschafft wird.“ Leider relativiert Hoss im folgenden Abschnitt diese Erkenntnis wieder, indem er von Amokläufern spricht, die nun mal psychisch kranke Menschen seien und keine herangereiften kaltblütigen Killer. Vielmehr seien sie sehr verschlossen und geben vor dem exzessiven Wutausbruch kaum Signale, die auf die sich anbahnende Katastrophe hindeuten. Nach psychologischen Erkenntnissen sei es nahezu unmöglich, einem Amoklauf vorzubeugen. Demnach würde es einen Amoklauf auch nicht verhindern können – was natürlich sinnvoll wäre – “Kinder und Jugendliche vor einem unreflektierten Konsum von Gewaltvideos, Horrorfilmen und blutrünstigen Computerspielen zu schützen“.3
Man macht es sich ein wenig zu leicht, wenn man dieses Massaker einem fast schicksalhaften und damit unabänderlichen Ereignis wie einem „Amoklauf” zuschreibt, zumindest ist es ein voreiliger Schluss, denn nach meinen Informationen hat er die Tat Mitschülern gegenüber einige Tage vorher angekündigt.
Symptome einer psychotischen Entwicklung, die eine Erklärung des Massakers von Bad Reichenhall mit einem „Amoklauf” begründen würden, liegen nach meinen Erkenntnissen nicht vor. Es kann daher mit einer großen Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Tat in einer Art virtuellem, von Medien stark beeinflussten Gewaltrausch ausgeübt wurde. Parallelen zu den fast zeitgleichen Tötungsdelikten, die Anfang November 1999 die Schlagzeilen beherrschten, in Meißen (15jähriger Gymnasiast, der maskiert seine Lehrerin im Klassenzimmer mit zwei Küchenmessern erstach, hatte seine Tötungsabsicht ebenfalls Mitschülern gegenüber vorher angekündigt und sogar Wetten abgeschlossen, was kein „Amokläufer“ macht) und Koblenz (Andy B., 19-jähriger ehemaliger Gymnasiast, tötet achtjährige Schwester und seine Eltern) sind erkennbar, da bei allen Taten Gewaltmedienkonsum mit im Spiel war. Unter den drei Tätern konnte man erschreckende Ähnlichkeiten in Persönlichkeit und Medienkonsum ausmachen.
Warum hat es solche Fälle mit extremer destruktiver Aggressivität noch nicht vor 20 oder 15 Jahren bei uns gegeben? Wir hatten doch die gleichen Waffengesetze und Erziehungsdefizite bei den Eltern, vernachlässigte Kinder und solche, die isoliert und ohnmächtig waren und niemals ein aufbauendes Erfolgserlebnis hatten – und dennoch nicht zur Waffe griffen und ein Blutbad anrichteten.
Zurück zum Fall Martin, dem Gymnasiasten, der Suizid ohne Fremdschädigung beging. Er lebte ebenso zurückgezogen mit wenig Kontakt zur Außenwelt, in der Schule gewisse Probleme mit viel Angst verbunden. So fälschte er zweimal die Zeugnisunterschrift, aus Angst vor Blamage oder Strafe durch die Eltern. Er war ausgesprochener Liebhaber der Literatur von Stephen King, dessen Bücher für die Horrorfilmszene oftmals verfilmt wurden.4 Das letzte Buch von Stephen King, das Martin vor seinem Suizid las, hieß „Stark – The Dark Half“, ein ziemlich verwirrender Roman. Dazu war Martin ein Fan der Rockgruppe „Nirvana“, deren Sänger sich etwa ein Jahr vor Martins Tod durch Erschießen das Leben genommen hatte. Von diesem und von der Gruppe hingen auch Poster in seinem Zimmer.
Die beiden Martins hatten beide durchaus vergleichbare ähnliche Probleme im persönlichen Umfeld und in ihrer Persönlichkeit. Wo sie sich grundsätzlich unterscheiden, ist ihre Vorliebe für bestimmte Medien. Während der Gymnasiast Martin vorwiegend solche Medien, einschließlich der Musik, konsumierte, die man als angst- und depressionsstimulierend, bis hin zu nihilistische Gedanken anregend, bezeichnen kann, sind die Medien des Berufsschülers Martin, soweit es die CDs mit der gewaltverherrlichenden Musik neonazistischer Bands betrifft, eher der Kategorie aufputschend und Rachephantasien fördernd zuzuordnen; soweit es den Gewaltvideokonsum und PC-Tötungsspiele5 betrifft, können stimulierende Wirkungen auf die nach außen gerichteten destruktiv-aggressiven Impulse angenommen werden. Vorherrschendes Motiv für diesen Martin war Frustration, verbunden mit Ärger über hänselnde Klassenkameraden, also Frustrationsaggression, für den Martin ohne Fremdschädigung, die angstmotivierte Aggression mit einer Tendenz zur Selbstschädigung. Im wissenschaftlich-analytischen Teil dieses Buches werden zur Klärung dieser Begriffe anerkannte psychologische Aggressionsmodelle mit erweiterten Erklärungsansätzen und Beispielen dargestellt.
Im April 1999, kurz nach dem bisher größten Schulmassaker von Littleton (Denver, USA) mit 15 Toten, wurde mir in Interviews mit mehreren Rundfunksendern die Frage gestellt, ob ich mir als Psychologe vorstellen könne, dass so etwas auch bei uns geschieht. Meine Antwort lautete immer „grundsätzlich ja“, mit der einzigen Einschränkung, dass die Wahrscheinlichkeit bei uns nur deshalb geringer sei, weil es bei uns ein schärferes Waffengesetz gibt als in den USA. Es dauerte gerade mal fünf Monate, bis sich meine Befürchtung bewahrheitete und wir innerhalb von zehn Tagen (Anfang November 1999) schreckliche und durchaus vergleichbare Bluttaten auch bei uns erfahren mussten. Nur Einzelfälle, nicht generalisierbar? Tatsache ist, dass jugendliche Gewalttäter immer häufiger und schneller zuschlagen. Im folgenden Abschnitt dazu einige statistische Daten.
Erzieher sind neben den Eltern und Lehrern heute auch die Medien. Wenn man vor 15 Jahren noch sagen konnte, „Zerstörung ist die Kreativität des Hoffnungslosen” (E. Fromm), so kann man heute hinzufügen, „Zerstörung ist auch die unheimliche Macht der Medien”. Perspektivlosigkeit und Gewaltmedien muss man heute in einem Atemzug nennen. Mich erstaunt immer wieder, wenn manche Politiker ausschließlich Arbeitslosigkeit und ökonomische Situation als Ursache von Jugendgewalt ansehen und Erziehungswissenschaftler oder Entwicklungspsychologen immer noch längst überholte und antiquierte Modelle zu Hilfe nehmen, wenn es um die Ursachenerklärung von Aggressivität geht, indem man diese allein als Haupteffekt aus Frustration und Ärger definiert.
Die Bereitschaft, eigene Interessen auch durch Anwendung von körperlicher Gewalt durchzusetzen, steigt im gleichen Umfang wie der Gewaltmedienkonsum an.6
Emotionale Abstumpfung, Gefühllosigkeit, herabgesetzte Hemmschwelle gegenüber Gewaltanwendung, verminderte Affektkontrolle und fehlende Kritikfähigkeit machen solche Jugendliche anfällig für geistlose politische Parolen und Propaganda. Wegen ihrer leichten Manipulierbarkeit können sie auch zu Gewalttaten instrumentalisiert werden.
Für Baden-Württemberg kann man von etwa 15 % der männlichen Jugendlichen ausgehen, die in dieser Hinsicht gefährdet sind. In Sachsen sind es gut 10 % mehr. Bei Jugendlichen ist nicht nur die fehlende Lehrstelle oder die Arbeitslosigkeit als alleinige Ursachenerklärung für die Zunahme rechtsextremistischer Ausschreitungen oder Gewalttaten heranzuziehen, sondern mindestens im gleichen Ausmaße auch das mediale Gewaltangebot.
Es gibt gesellschaftlich einflussreiche Kräfte, die ein professionelles Interesse daran haben, dass zwischen Jugendgewalt und Medienkonsum kein Zusammenhang besteht. So setzen sie alles daran, dieses Bild in der breiten Öffentlichkeit zu stärken. Die Bandbreite reicht dabei von eigenen Presseorganen bis hinein in bestimmte Wissenschaftskreise. Mir sind unser Land, unsere Kinder und Jugendlichen so viel wert, um diesen professionellen Geschäftemachern mit Gewalt auf die Finger zu sehen und ein wenig ins „Handwerk zu pfuschen“.
In den folgenden Kapiteln werden deshalb zunächst objektive Fakten zusammengetragen zum Nutzungsverhalten und den Rezeptionsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen für die am meisten benutzten Medien wie Fernsehen, Video und Computerspiele; in einem Abschnitt über „Das Geschäft mit der Gewalt“ werde ich versuchen, gesellschaftliche Zusammenhänge transparent zu machen.
Einigkeit herrscht in der psychologischen Medienwirkungsforschung darüber, dass Gewaltdarstellungen in Fernsehen, Video oder Computerspiel mit einem Wirkungsrisiko einhergehen. Über den Umfang, die Art und die Intensität dieser Wirkung kommt es jedoch immer wieder zu heftigen Kontroversen. Groebel und Gleich (1993) nehmen an, dass die Wirkung von Gewaltdarstellungen maßgeblich durch die personalen, situativen und kontextuellen Aspekte des Bildschirmkonsums beeinflusst wird. Besonders erlebnis- und visuell bewegungshungrig sind zudem Kinder, die in gestörten Familienverhältnissen oder gar in Familien mit Verwahrlosungsproblematik aufwachsen. Reale Gewalterfahrungen und frustrierende Erlebnisse in Familie und Schule bilden mit die Lemvoraussetzung, dass Fernsehen, Video oder Computerspiel immer wieder in kritischen Situationen mit Stress und Frust als Ersatz dienen. Das Kind findet frühzeitig durch diese Medien eine Möglichkeit, „aus dem Felde zu gehen“, vor allem dann, wenn ihm andere Möglichkeiten zur Verarbeitung von Konflikten durch Freunde, Freizeitangebot und anderen „sinnlichen“ Erfahrungen fehlen. Bildschirmspiele und Gewalt in Fernsehen und Video können dann genauso zur Sucht werden wie die Sucht nach illegalen oder legalen Drogen. Gewalt im Fernsehen kann genauso abhängig machen wie Alkohol. Nicht selten werden beide Suchtmittel – mediale Gewalt und stoffliche Substanzen – gemeinsam konsumiert. Die freie Verfügbarkeit der Suchtmittel spielt dabei genauso eine Rolle wie die Persönlichkeit und die Umwelt.

Abbildung: Persönlichkeit im Kontext von Umwelt und Suchtmittel
Manche Persönlichkeitsmerkmale haben sich zwar als relativ stabil nach Abschluss der Adoleszenz erwiesen, das Verhalten in der späten Kindheit und Pubertät ist jedoch noch stark beeinflussbar durch Umwelteinflüsse und Verfügbarkeit von „Suchtmitteln“. Wichtige Persönlichkeitsmerkmale mit nachgewiesenen Effekten auf das Medienkonsumverhalten sind kognitive Ausstattung (Intelligenz), Reflexivität, Affektkontrolle, Ichstärke, Angst, Identitätsentwicklung und psychotische Persönlichkeitsstörung.
Im Folgenden sollen in einer heuristischen Modelldarstellung die Ergebnisse synoptisch bilanziert werden, insoweit sie einen Bezug zwischen Konsum brutaler Gewaltmedien bei Schülern und unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen erkennen lassen.
Modelldarstellung: Was ereignet sich beim Konsum brutaler Gewaltmedien bei Schülern mit unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen?
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Persönlichkeits-merkmale |
psychische Wirkung
bei/nach Rezeption |
Identifikation
Film/ Protagonist |
Reaktionen *)
Verhalten und längerfristige Effekte |
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gefestigte Persönlichkeit: stabil, selbstsicher, ich-stark, resistent gegen „Gruppendruck“; kognitiv gut ausgestattet, affektiv gut gesteuert (20-30 %) A) |
vermutlich geringe Wirkung, distanzierte, reflektierte Konsumhaltung |
kaum zu beobachten (wenn, dann ‚positive’ Figuren) |
je nach sozialer Grundeinstellung von nicht betroffen sein bis zu Abwendung (Ekel); kaum Verhaltensän-derungen; „normale episodenhafte Durchgangsphase“ in der pubertären Entwicklung |
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Nicht ganz gefestigte Persönlichkeit: noch etwas unsicher mit ängstlichen Zügen, kognitiv durchschnittlich, affektiv ausreichend gesteuert (50--60 %) B) |
stärkere Wirkung bei Mädchen: häufig Alpträume, Ekel, Abscheu, aber auch Angst-Lust; bei nachlassendem Gruppendruck Konsumabnahme, aggressive Phantasien |
zumeist mit Opfer |
Angst vor brutalen Darstellungen, Angst vor Blamage in der Gruppe, vermutlich eher temporäre depressive Zustände (bei den jüngeren, insbesondere Mädchen) |
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selbstunsichere, noch nicht gefestigte Persönlichkeit: bereits stärker nach „außen“ orientiert, soziale Ängste, Beziehungs-störungen, kindliche Traumata (Gewalt-erfahrung durch psychische und physische Verletzungen); „Schuldangst“; geringe soziale Intelligenz, verminderte Affekt-steuerung (ca. 15 %) C) |
anfänglich eher negative, später durchaus „positive“ emotionale Befindlichkeit, (subjektiv): stark, sicher, erleichtert, voll Lust, Erregung mit Kick und kämpferisch (besonders Jungen); unbewusste Gewalt- und Größenphantasien, beginnender Realitätsverlust |
zumeist mit Täter oder Helden (,Cyborg’, ‚Rambo’, ‚Terminator’), aber auch mit kriminellen Gruppen (Streetgangs), z. B. im indizierten TV-Film „Savage Street“ (Straße der Gewalt) |
Emotionale Abstumpfung, geringes Einfühlungsvermögen, Legitimation von Gewalt, Rache und Selbstjustiz ; aggressive Ichdurchsetzung; rechtsextremistische Tendenzen; bei Dauerkonsum und anderen Bedingungen Gewalthandlungen bis zur Kriminalität möglich; wahrschein-lich Abhängigkeits-entwicklung |
Tabelle: Fortsetzung
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Persönlichkeits-merkmale |
psychische Wirkung |
Identifikation |
Reaktionen *) |
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labile Persönlichkeit, dissoziale Einstellung, niedrige Intelligenz, beginnende psychotische Entwicklung, z. B. mit „Borderline-Risiken“; häufig soziale Isolation, Einzelgänger; pathologische Fälle (ca. 2%) D) |
starke Wirkung, dem medialen Geschehen hilflos ausgeliefert, zeitweise unfähig, Fiktion von Wirklichkeit zu trennen; starke emotionale Betroffenheit bis zu Abhängigkeit, bei bestimmten Medien (Film) extreme Aggres- sionssteigerung |
ausschließlich mit Täter/Held bzw. aggressivem Protagonisten der Handlung (z. B. mit Jason, dem brutalen Töter in „Freitag der 13.“) |
Gewalthandlungen sehr wahrscheinlich, ein besonders grausamer Film kann zum Auslöser krimineller Taten werden (z. B. „Der Fan“); in eigener Welt lebend, von der Wirklichkeit „weggerückt“, nur schwer berechenbar (typische Beispiele siehe Abschnitt 3.2.1) |
*) Je nach Rezeptionshäufigkeit und Rezeptionsintensität kann es zu mehr oder weniger starker Ausprägung des Reaktionsmusters Angst oder Aggressivität kommen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass häufiges Ansehen der gleichen brutalen Szenen zur Steigerung des Aggressionsbedürfnisses – unter besonderen Bedingungen auch zu Aggressionshandlungen – führt.
Gefährdungsgrad
bei Gruppe A und B gering, bei C stark, bei D sehr stark!
Die Anteile von gefährdeten Schülern würde ich nach einer Abschätzung aus diversen empirischen Befunden bei 15 bis 20 % annehmen (10 % Exzessivseher mit mehr als 30 bzw. 50 Horror-Gewalt-Videos sowie einen Teil der 14 Vielseher mit 11 bis 50 Filmen; in Haupt- und Sonder-/Förderschulen liegen die Anteile wesentlich höher, in Gymnasien niedriger).7
Eine Besonderheit nach Lamnek (1996): exzessiv konsumierende Gymnasiasten zeigen extreme Gewalttätigkeit!
Interventionsbemühungen und persönliche Hilfen durch Lehrer/innen
Bei D) vermutlich ohne Erfolg, da zumeist psychotherapiebedürftig;
bei C) sehr wichtig und bei rechtzeitiger Prävention erfolgversprechend;
bei B) erfolgversprechend;
bei A) kein größerer Handlungsbedarf, falls ,episodenhafter’, pubertär- bzw. peergruppenbedingter Konsum, da weder sozialer noch individueller Leidensdruck vorhanden.
Ich habe auf zwei psychologischen Fachkongressen (im Oktober 1997 in Würzburg beim 4. Psychologentag und im April 1996 bei der 38. TeaP in Eichstätt) dieses Modell in Positionsreferaten vorgestellt. Das Modell stieß in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit auf großes Interesse und nach intensiver Diskussion vielfach auch auf Zustimmung. Die spezifischen Wirkungen von Horror- und Gewaltfilmen auf die Persönlichkeit der jugendlichen Rezipienten können damit gut erklärt werden.
In diesem Modell gehe ich davon aus, dass auf der untersten Ebene (D) von Persönlichkeitsmerkmalen – im Sinne von Labilität, Borderline-Syndrom, beginnende Psychosen, Psychopathien – die Wahrscheinlichkeit violenter Handlungen nach dem Betrachten und noch wahrscheinlicher nach längerem Konsum exzessiver filmischer Gewaltdarstellungen sehr hoch ist. Man kann von etwa 2% solcher Fälle ausgehen. Durch die gestörte Affektkontrolle dieser Menschen und die Unfähigkeit, sich der Attraktion dieser fiktionalen Welt des Gewaltfilmes zu entziehen, kommt es zu Identifikationen mit den oft bösartig agierenden Protagonisten des filmischen Geschehens, und in manchen Fällen zu einem Realitätsdurchbruch, d. h. die Fiktion wird unkontrollierte Wirklichkeit bis hin zu Tötungshandlungen in einer Art „virtuellem Gewaltrausch“ (siehe Weiß, 1998). Hierzu sind bereits vor längerer Zeit eine Reihe von forensischen Fällen dokumentiert worden (z. B. die bereits in Kapitel 3.2.1 beschriebenen Fälle, wie der des 16-jährigen Sonderschülers für geistig Behinderte oder der Fall des 14-jährigen Hauptschülers aus der Nähe von Passau, wobei dieser letzte Fall nicht einmal mit einer pathologischen Persönlichkeitsentwicklung verbunden war, sondern mit Dauerkonsum extrem violenter Videos, z. B. „Freitag der 13.“). Es könnte ein Indiz sein, dass es auch bei sogenannten normalen Entwicklungsbedingungen, also ohne Zugehörigkeit zu einer extremen Risikogruppe, jedoch bei sehr früh im Grundschulalter beginnendem Horror-Gewalt-Konsum und täglichem Konsum indizierter oder beschlagnahmter Filme, zu ähnlichen Reaktionen mit Realitätsdurchbruch kommen kann – was zwar nicht immer zu Tötungshandlungen führen muss, aber kann.
Einflüsse von oft brutal-menschenverachtenden filmischen oder spielerischen Modellen können das Verhalten von Jugendlichen, insbesondere aber das von Kindern entscheidend negativ beeinflussen.8 Eine große Mehrheit weltweiter Studien zur Medienwirkung weist eindeutig in die Richtung von Gewaltstimulation durch Gewaltmedien, von antisozialen Einstellungsveränderungen durch antisoziale filmische Modelle (Protagonisten, Helden, gewalttätige Identifikationsfiguren und Handlungen)9. „Lernen am Modell“ (Bandura) beschränkt sich halt nicht nur auf lebendige Vorbilder in der Umgebung des Kindes oder Jugendlichen, sondern auch auf medial vermittelte Fremdbilder. Je früher und je häufiger, desto nachhaltiger ist die Wirkung. Gefährdet ist dabei besonders die Gruppe C im Persönlichkeitsmodell mit einem Anteil von rund 15%.
Jugendliche mit traumatischen Entwicklungsphasen, vernachlässigter oder extrem autoritärer Erziehungshaltung, schulischen Misserfolgen und geringer Zukunftsperspektive sind besonders gefährdet, wenn sie in einer sehr frühen Entwicklungsphase und sehr häufig mit medialer Gewalt in Berührung gekommen sind. Zusätzliche Gefährdungsmomente gelten dazu für die, welche körperliche Gewalt am eigenen Leib erfahren mussten. Wenn als Negativ-Vorbilder auch noch Eltern fungieren, die selbst nur Gewalthaltiges konsumieren und ihren Kindern darin Vorbild sind, so wird durch die beiden bedeutsamsten Erziehungsfaktoren Eltern und Medien von früher Kindheit an über Zeichentrickfilme, Horror-Videos und Gewaltfilme ein Weltbild vermittelt, in dem aggressive Ichdurchsetzung, spontan-aggressives Reagieren auf den kleinsten Frust und destruktives Agieren als Verhaltensmaxime dominant sind.
Unabhängig von den Umwelteinflüssen sind Jugendliche, die aufgrund ihrer kognitiven Ausstattung ein niedriges geistiges Reflexionsniveau besitzen und nur schwer in der Lage sind, fiktive mediale Gewalt von der Wirklichkeit zu trennen, zu den Risikogruppen zu zählen. Vermittlung von „Medienkompetenz“ stößt hier ohnehin auf natürliche Grenzen.
Einen ‚normal’ empfindenden und wenig belasteten Menschen, der genügend Techniken der Problembewältigung besitzt, berührt der gelegentliche Konsum von Gewaltmedien im TV in seinem Verhalten vermutlich wenig. Dies trifft in für die Gruppe A im Persönlichkeitsmodell zu (geschätzter Anteil 20-30 %).
Mancher populärwissenschaftliche Beitrag, aber auch manche wissenschaftliche Untersuchung geht aber leider von diesem „intelligenten, kontrollierten, von Traumata unbelasteten, affektiv gesteuerten“ psychisch gesunden Menschen aus intakten Familienverhältnissen aus – und findet natürlich nur geringe Wirkungseffekte, z. B. von Gewaltmedien. Die Schlussfolgerungen von Winterhoff-Spurk, von Kunczik oder Rogge (alle 1996, in „Fernseh- und Radiowelt für Kinder und Jugendliche“) basieren fast gänzlich auf solchen Untersuchungen aus der Medienforschung. Die eingangs in der Übersicht aus der Medienwirkungsforschung dargestellten wissenschaftlichen Arbeiten sind in dieser Publikation der Landesanstalt für Kommunikation BW entweder nicht enthalten oder sie werden so beiläufig mit methodischen Schwächen abgetan (z. B. Winterhoff-Spurk, 1996, S. 152). Auch wird Mediengewalt fast ins Positive umgedreht, wenn z. B. Rogge glorifizierend als Vorzüge für die Problembewältigung in der Adoleszenz feststellt: „Die erheblichen Verengungen im Affekthaushalt verlangen, da Entwicklungsbesonderheiten während der Adoleszenz nicht außer Kraft gesetzt sind, nach Entlastung. Gewaltszenarien geben jenen Phantasien, die der Zivilisationsprozess abbauen und regulieren will, eine szenische Form. Sie sind die ‚Wiederkehr des Verdrängten’, des Unzivilisierten, jener Gefahrenzone, in der der einzelne tut, was er will, in der er sich keine Selbstzwänge mehr auferlegt.“ ... „Und es sind gerade die Medien, die Erinnerung an den Körper, an Emotion und Sinnlichkeit wachhalten“ (Rogge, 1996, S. 188). Ob das alltägliche Gewalt-, Crime- und Sexszenario in manchen kommerziellen TV-Sendern zu einer solchen Problemlösung beitragen kann oder das (Zitat nach Rogge, S. 188) „Realitätsprinzip – wie es Marcuse formuliert – immer aufs neue zu festigen“, daran habe ich – nach allem was wir über Rezeptionsformen von TV-Gewalt aus weltweiten Studien wissen – größte Zweifel. Mir scheint, Herr Rogge projiziert hier Erfahrungen aus seinem eigenen kulturellen Umfeld auf die Allgemeinheit. An die mindestens 10% einsamen und isoliert von jeder Gemeinschaft exzessiv und dauerhaft konsumierenden Kinder und Jugendlichen denkt er dabei sicher nicht. Deshalb kann ich solche Interpretationen, die nur eine Minderheit von Jugendlichen aus der Kategorie A betreffen mögen, nicht mehr länger widerspruchslos hinnehmen.
An erster Stelle, denke ich, kommt es also darauf an, das mediale Angebot zu verändern, denn es gibt inzwischen erdrückende Nachweise über die schädlichen Folgewirkungen von Gewaltdarstellungen in AV Medien.
Abrüstung auf dem Bildschirm ist das Gebot der Stunde. Deshalb Absage an alle gewaltverherrlichenden, antisozialen und sexistischen Darstellungen. Bei versagender Selbstkontrolle ist der Gesetzgeber gefragt. Die viel gepriesene Pressefreiheit hat dort ihre Grenzen, wo sie missbraucht wird und wo es um den Schutz unserer Kinder geht. Dazu gehört als Sofortmaßnahme, dass
die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indizierten Filme auch nicht mehr nach 24.00 Uhr ausgestrahlt werden dürfen, selbst wenn sie geschnitten wurden.
Als weitere Forderung wäre eine Kennzeichnungspflicht in Programmzeitschriften und als Symbol auf dem Bildschirm der von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indizierten Filme und anderer kindergefährdender TV-Produktionen inklusive der Zeichentrickfilme (z. B. Power Banger) zu fordern, analog dem erfolgreichen französischen Modell, bei dem seit 1996 eine Kennzeichnungspflicht vorgeschrieben ist, damit die ahnungslosen Eltern über den Gefährdungsgrad Bescheid wissen. Dies könnte eine wichtige Entscheidungshilfe darstellen. Seit Ende 1996 blinken im französischen Fernsehen farbige Piktogramme auf, die folgende Bedeutung haben:
ein grünes Dreieck für Filme, bei denen Kinder erst einmal die Eltern fragen sollten,
ein orangefarbenes Dreieck für Programme, bei denen sie ihre Eltern fragen müssen, und
ein rotes Quadrat für reine Erwachsenen-Filme.
Die farbigen Signale könnten, so wurde anfangs befürchtet, wie jedes Verbot die Neugier junger Zuschauer noch anstacheln. Immerhin sehen aber laut jüngsten Umfragen heute 35 Prozent weniger TV-Zuschauer die indizierten Filme an. Ein Signalton zum Filmbeginn, der ab April 2000 bei uns vorgeschrieben wird, ist allein eine unzureichende Maßnahme.
Realistische Altersangaben in den Programmzeitschriften als Orientierungshilfe für die Eltern. Dazu, wie in Kanada seit 1996 möglich, obligatorischer Einbau eines V -Chips (V =,violence’, Gewalt), in den USA seit 12.3.1998 serienmäßig in alle Fernsehgeräte und Computer eingebaut, bei dessen Aktivierung durch ein Signal des Senders brutale Gewalt- und pomografische Programme automatisch vom heimischen Bildschirm verbannt werden können. Der von der Baden-Württembergischen Medienkommission 1994 empfohlene Weg, den Fernsehnutzern ein Zusatzgerät zum Kauf anzubieten und nachträglich einzubauen, hat sich als regelrechter Flop erwiesen. Kaum jemand kauft dieses etwa 300 DM teure Zusatzteil. Bleibt abzuwarten, wie sich die Vorschläge der EU-Kommission durchsetzen und ob es gelingt, solche Sperren auch bei analogen Übertragungswegen zu verwirklichen. Im Moment, so scheint es, hat man in Deutschland vor der gewaltigen Bilderflut kapituliert. Die Direktoren der deutschen Landesmedienanstalten lehnten bereits 1997 dieses Verfahren ab, mit der Begründung, dass TV-Programme dann bewertet und eingestuft werden müssten, und dafür sei der Aufwand zu groß.
Da bei den privaten Fernsehsendern fast ausschließlich kommerzielles Gewinnstreben dominiert, das Geschäft mit der Gewalt wichtiger ist als Moral oder ethische Verpflichtung (Aktionäre z. B. von ProSieben wollen eine hohe Rendite sehen), sollte solchen Sendern die Lizenz entzogen werden, deren destruktive Gewaltanteile und antisoziale Darstellungen in Spielfilmen und Comicserien einen bestimmten Schwellenbereich übersteigen. Außerdem ist zum Ausgleich ein gleich hoher Anteil prosozialer Darstellungen zu fordern, denn so wie antisoziale Darstellungen zu gewaltsamen Konfliktlösungen stimulieren, können nach den Erkenntnissen der Medienwirkungsforschung prosoziale Darstellungen und Handlungen zu gewaltfreien Konfliktlösungen beitragen. Genauso wie das Institut Integral für die Gewaltanteile der TV-Sender einen Index erstellte, könnte man z. B. auch einen solchen Index für den Anteil an prosozialen Darstellungen erstellen.
Bessere Medienkontrolle ist das Gebot der Stunde. Angesichts der zunehmenden Konzentration im Medienbereich (z. B. Zusammenarbeit Kirch-Gruppe/Deutschland – Berlusconi/Italien – Murdoch/USA) und der Unfähigkeit der Landesmedienanstalten, eine gemeinsame Strategie gegen Macht und Einfluss der Medienkonzerne zu entwickeln und damit der medialen Gewalt entgegen zu steuern, halte ich es für erforderlich, wesentliche Teilaufgaben dieser Anstalten durch eine bundesweite Kontrollbehörde zu ersetzen.
Für den Bereich der Medienwissenschaft wäre ebenfalls eine bundesweite Einrichtung zu fordern, in der unabhängige Wissenschaftler in einer Bewertungsinstanz zu Ergebnissen der Medienwirkungsforschung und Analysen zur Mediennutzung mit entsprechenden Konsequenzen zuständig werden sollen.
Als einziges Bundesland hat bislang der Freistaat Sachsen ein Schulfach Medienerziehung eingeführt. Dies geschah im Anschluss an die in Sachsen heftig diskutierten Vorschläge, die ich im Rahmen meiner ‚Sächsischen Jugendstudie 1992’ machte. In anderen Bundesländern, wie in Baden-Württemberg, wird Medienpädagogik als Unterrichtsprinzip praktiziert, d. h. es ist Aufgabe aller Lehrer, sich um Fragen der Medienerziehung in ihrem Unterricht zu bemühen. Die Erfolge sind weniger berauschend, da die Voraussetzungen durch eine entsprechende Lehrerfortbildung nur unzureichend erfüllt sind. Visuelle Bildung setzt neue didaktische Kenntnisse bei den Lehrkräften voraus, da nur über das Medium selber dem ‚visuellen Analphabetismus’ (Ute Benz, 1997) und der gigantischen Manipulation unserer Kinder durch die Medien begegnet werden kann. Als erster Schritt hierzu könnten Informationsdienste für die Lehrkräfte dienen. Schriftliche Informationen für die Schulen sind z. B. im Freistaat Bayern durch die hervorragenden beiden Medienbausteine von Lukesch (1997) genügend vorhanden, das Medienpaket, das von der LFK Baden-Württemberg zusammen mit dem Kultusministerium herausgegeben wurde (1996), bietet zwar gutes Anschauungsmaterial (Videokassette), ist jedoch in seinem wissenschaftlichen Begleitbuch sehr einseitig bezüglich der Autoren ausgerichtet, wobei stark verharmlosende Darstellungen bezüglich Wirkung von Menge und Art des TV-Konsums dominieren. Von den Lehrkräften wird dieses Angebot nur wenig im Unterricht eingesetzt.
Bei einer langjährigen Horror-Gewaltkarriere kann kaum mehr als eine Schadensbegrenzung erreicht werden. Besser wäre frühzeitig bereits in Kindergarten und Grundschule mit schulischer Präventionsarbeit unter Einbeziehung der Eltern zu beginnen. Sekundärpräventiv sollte in höheren Klassen zur Zeit der Vorpubertät und der Pubertät wenigstens versucht werden, die beginnenden Abhängigkeiten von Gruppen in und außerhalb der Schule (Peergroups) in Rollenspielen und Video-AGs transparent zu machen und kritisch zu hinterfragen mit dem Ziel Stärker sein als der Gruppenzwang. Dieses in der Suchtprävention wichtige Verhaltensprinzip gilt genauso in der Gewaltprävention. Destruktive Verhaltensnormen in einer Klasse, wie ‚Anerkennung findet, wer zuschlägt’, umkehren in ‚Anerkennung findet, wer stark ist, weil er (sie) hilft’ oder weil er (sie) Einfühlungsvermögen besitzt. Dies setzt Umkehr des Opinion-Leaderprinzips voraus. Solche positiven Meinungsbildungsprozesse versuchen wir in sogenannten Schüler-Multiplikatoren-Seminaren mit Schülern und Lehrern gemeinsam zu vermitteln.
Medienkompetenz vermitteln, nicht dadurch, dass die Schüler immer kompetenter im technischen Umgang mit Multimedia (z. B. Internet) werden, sondern dass sie Medieneinflüssen und Manipulationen widerstehen können, indem sie kritisch mit Medien umgehen lernen und zu ihnen manchmal auch auf Distanz gehen. Gerade dabei haben wir gute Erfahrungen mit aktiver Videoarbeit in Video-AGs gemacht. Video-AGs und Besprechung von Gewaltfilmen im Unterricht mit anschaulicher Analyse und kritischer Diskussion ohne moralisierenden Zeigefinger sind bessere Möglichkeiten, den vor allem bei den männlichen Rezipienten vorherrschenden lustvollen Konsum extremer Grausamkeiten und Tabubrüchen aufzugreifen und einer kritiklosen Konsumentenhaltung und einer unbewussten Verarbeitung von Medienthemen entgegen zu wirken.
Weniger und dafür gezielt fernsehen. Reizüberflutung vermeiden, deshalb Bildschirmkonsum (TV, Video, Computer) reduzieren.. Verbote von gewaltverherrlichenden Filmen und Videos. Dennoch keine Durchsuchungsaktionen im Kinderzimmer, sondern das Gespräch suchen. Kindern mehr Grenzen setzen, aber nicht ausgrenzen. Vielmehr aus medienbedingter Isolation heraushelfen, mit Kindern über Filme reden, gemeinsam spielen, Gemeinschaft fördern, vor allem auch körperliche Ausgleichs- und Bewegungsmöglichkeiten schaffen und aktive Freizeitgestaltung ermöglichen. Für die Eltern ist als schriftliche Information ein Papier im Kapitel 6.4.2 empfehlenswert.
Weitere empfehlenswerte Vorschläge für Elternhaus und Schule wurden in einem Artikel in der Schulverwaltung BY von Werner Hopf (Nr. 2, 1998) gemacht.
Die praktischen Auswirkungen einer von der Persönlichkeit unabhängigen und damit undifferenzierten Betrachtungsweise sind vor allem dann fatal und gesellschaftspolitisch sogar enorm schädlich, wenn sie von maßgeblichen Persönlichkeiten in Politik und Medienkontrolle (auch aus Landesmedienanstalten) übernommen werden. Fälschlicherweise wird von diesen – aus welchen Motiven auch immer – der Schluss aus solchen undifferenzierten Untersuchungen gezogen, es sei wichtiger, die Kinder zu Menschen zu erziehen, die genügend ichstark und belastbar sind, die ihre Affekte immer gut steuern können, um sie so gegen die Gewalt in Bildern zu „immunisieren“. Das Zauberwort Medienkompetenz10 wird dabei als Allheilmittel gepriesen: Vermittlung von Medienkompetenz erscheint wichtiger, als das mediale Gewaltangebot zu verändern. Dies ist eine Illusion und ein gefährlicher Irrweg, denn die unterschiedlichen Gefährdungsgrade und Risikogruppen wird es immer geben, gleich wie man sich pädagogisch bemüht, die Medienkompetenz von Schülern zu steigern.11 Zudem werden die genetischen Bedingungen dabei genauso außer Acht gelassen wie die unterschiedlichen Erziehungsbemühungen von Eltern. Die Hoffnung, allen Eltern diese hohe Kompetenz zu vermitteln – z. B. Grenzen setzen, TV-Konsum beschränken, positive Programmauswahl mitgestalten, andere attraktive Freizeitgestaltung schaffen, den Kindern und Jugendlichen in Lebenskrisen beizustehen –, ist trügerisch, zumal die zunehmende freie Verfügbarkeit der medialen „Suchtmittel“ viele Eltern überfordert. Ich halte es deshalb nach all den Erkenntnissen, die wir heute über Medienwirkung haben, für unverantwortlich, wenn Medienverantwortliche Medienkompetenz zum Allheilmittel hochstilisieren und mit einem riesigen Aufwand nur marginale Verbesserungen erreichen. Andererseits preisen sie die Medienvielfalt, zu der sie angeblich durch den Gesetzgeber gezwungen werden, und erreichen am Ende nur Einfalt.
Da es also kaum gelingen wird, alle Kinder zu starken, medienimmunisierten und medienkompetenten Persönlichkeiten mit hoher Affektkontrolle zu erziehen, sind andere Konsequenzen aus meiner Analyse über den Zusammenhang von Persönlichkeit und Medienwirkung zu ziehen.
Diese Konsequenzen beziehen sich auch auf den wissenschaftlichen und forensischen Bereich. So halte ich es für unabdingbar notwendig, bei Analysen zur Medienwirkung die unterschiedliche Persönlichkeitsstruktur der untersuchten Probanden als Differenzierungskriterium mit aufzunehmen, um zu differenzierten Aussagen über Medienwirkungseffekte zu gelangen (siehe Weiß, 1991).
Bei polizeilichen Recherchen sowie bei der Begutachtung von jugendlichen Straftaten und Kinderdelinquenz sollte dem Medienkonsum der Täter systematischer nachgeforscht werden.
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1 Neben einem Hitlerbild fand die Polizei im Zimmer Naziembleme wie selbst gefertigte Hakenkreuz-Symbole und eine selbst gezeichnete Reichskriegsflagge. Mitglied in einer rechtsradikalen Gruppierung sei er aber nicht gewesen. Der Täter habe sehr zurückgezogen gelebt, hatte wenig Kontakt zur Außenwelt, er sei ein Einzelgänger gewesen. In seinem Zimmer fand man CDs mit Musik mit gewaltverherrlichenden Inhalten sowie Gewaltvideos und Computer-Tötungsspiele. Von Klassenkameraden wurde er als Waffennarr und Einzelgänger beschrieben; er war ein stiller, zurückgezogener Junge, Sozialkontakte fehlten. Er hatte kaum Erfolgserlebnisse, beim Umgang mit Waffen war er aber toll, er war ein guter Schütze, da konnte er sich profilieren; mit dem Vater machte er Schießübungen im Wald. Von Lehrern wird er als leise und introvertiert beschrieben, von seinen Mitschülern wurde er öfters gehänselt. Einer sagt wörtlich: „Das war einer, der dauemd verarscht worden ist.“ Ein anderer: „Angeblich soll er auch Fotos mit Naziinhalten in seine Schulhefte geklebt haben.“ Eine Nachbarin beschreibt ihn aber so: „Das war ein ganz braver und anständiger Bub.“ In der Bildzeitung waren folgende Beobachtungen zu lesen (2.11.1999): Ein Mitschüler: „Martin war ein großer Waffennarr, er brachte immer Waffenkataloge und Magazine mit in die Schule, ballerte mit Freunden im Wald oft mit einem Gotcha-Gewehr Farbkugeln ab. Nach dem Massaker von Littleton wurde er noch verrückter.“ Im Juli bekam Martin P. wegen seiner Nazi-Parolen einen Schulverweis - der Vater tobte. Und fast schon mehr als ein Zufall: Der Amokläufer von Bad Reichenhall - seine Vorbilder waren die Attentäter von Littleton (Colorado). Der Lehrling Martin P. schwärmte nach „Bild“ für Eric Harris und Dylan Klebold. Für diese beiden rechtsradikalen Schüler, die in einer High-School in Colorado (USA) zwölf Mitschüler und einen Lehrer getötet hatten. „Das war cool“, tönte er, „das müsste man auch mal machen.“ Doch niemand nahm ihn ernst. „Das ist doch bloß ein Spinner“, sagten die Mitschüler.
2 Pfeiffer, Ch. U. a. (1998): „Gewalterfahrungen und Kriminalitätsfurcht von Schülerinnen und Schülern in Stuttgart.“ Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e. V., November 1998 (öffentlicher Vortrag am 24.6.1999 in Stuttgart/unveröffentlichter Bericht).
3 „Der Albtraum von Reichenhall.“ Leitartikel von Dieter Hoss in Stuttgarter Nachrichten vom 3.11.1999.
4 z. B. stammt das Drehbuch für den vielerseits bekannten Horror-Film „Friedhof der Kuscheltiere“ aus der Feder von Stephen King.
5 Lt. „Stern“, Nr. 46 vom 11.11.1999 werden in einer sorgfältig recherchierten Reportage mit dem Titel „Im Rausch der Gewalt“ – Waffen, Videospiele, Hitlerbilder – folgende Medien, die man bei ihm fand, aufgezählt: Lange Zeit seien „Road Rash 3D“, ein Motorradrennen und „Toca“, ein Autorennen, seine Lieblingsspiele gewesen. Dazu einige indizierte Gewaltspiele, wie z. B. „Resident Evil“, in dem Zombies getötet werden. Videospiele waren Martins Hobby. Und Zeichnen, wobei er wiederum die Helden aus seinen Spielen zeichnete, wie Super Mario und Lara Croft (Stern, S.26).
6 Gerade diese Risikogruppe von Gewaltmedien-Nutzern stellte sich in meinen Studien als besonders anfällig für rechtsextremistische Beeinflussung heraus (Weiß 1998).
7 Mittels repräsentativer Schülerbefragungen an rund 4000 Schülern in Baden-Württemberg und Sachsen im Jahre 1992 konnte ich feststellen, daß 10% aller Schüler eines Jahrgangs zwischen 13 und 16 Jahren zu den Exzessivkonsumenten zu rechnen sind, d h. sie hatten nachweislich mindesten 50 extrem gewalttätige Horror-Gewaltfilme bzw. Videos gesehen. Bei manchen ist bereits eine Art Abhängigkeitsentwicklung erfolgt mit entsprechenden Persönlichkeits- bzw. Verhaltensveränderungen (Weiß, 1993 d, e). Die Tendenz ist steigend.
8 Dies gilt in gleicher Weise auch für Video-Gewaltspiele (siehe 3.2.4), was erst vor kurzem auch in einer Studie von Rita Steckel, Universität Bochum, (zitiert nach ‚Psychologie Heute’, 1997) belegt wurde. Danach zeigen Kinder, die sich mit Video-Gewaltspielen die Zeit vertreiben, weniger Mitgefühl als solche Kinder, die sich mit harmlosen Videospielen beschäftigen. Die abgeschwächte Mitleidsfähigkeit könne nach dem Spiel dauerhaft die Aggressionshemmungen herabsetzen. Ähnlich wie bei häufigem Konsum von Gewaltfilmen geht es in diesen Spielen um das Überleben des Stärksten und Brutalsten, die „Kinder verlören möglicherweise das Gefühl für die Notlagen anderer. Es bestehe die Gefahr, dass sie auch in der Realität aggressiver handelten“.
9 Neueste Bestätigung durch die UNESCO-Studie in 23 Ländern (siehe Groebel, 1998). Weitere Belege für diese Feststellungen sind auch enthalten in der 1996 vorgestellten großen und sehr gründlichen amerikanischen Studie über Gewaltdarstellungen im amerikanischen Fernsehen („National Television Violence Study“; siehe Stripf, 1996) sowie in dem umfassenden Sammelwerk von Kleiter (1997) zum Thema „Film und Aggression – Aggressionspsychologie“.
10 Siehe Landesanstalt für Kommunikation, Baden-Württemberg (LfK, Hrsg.): Femseh- und Radiowelt für Kinder und Jugendliche (1996), insbesondere in den darin enthaltenen Arbeiten von Rogge, Westhoff, Sturk, Kunczik und von Gottberg.
11 Um einem Missverständnis vorzubeugen: Ich halte sehr viel davon, Erkenntnisse der Medienpsychologie für Medienerziehung nutzbar zu machen und praktiziere dies auch in Lehrerseminaren und Veranstaltungen mit Eltern und Schülern. Der präventive Gedanke Kinder stark machen – vor allem aus den unterprivilegierten Schichten mit hoher Risikobelastung – ist dabei meine Leitidee.