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Autorin: Wermke, Jutta.
Titel: Hör-Ästhetik.
Quelle: medienpraktisch. Zeitschrift für Medienpädagogik, Heft 1, 1998. Frankfurt am Main 1998. S.15-18.
Verlag: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Jutta Wermke
Hör-Ästhetik
Der systematische Ort zur Verankerung von auditiven Medien im Deutschunterricht wäre eine Hörästhetik. Diese ist jedoch nicht Bestandteil didaktischer Konzeptionen des Faches. Das Hörspiel behauptet zwar seit den fünfziger Jahren seinen Platz in der Schule (KLOSE 1958, 1977; LERMEN 1975; DENK 1977;EVERLING 1988), allerdings eher als literarische Form und als gelesener Text, selten als Hörereignis. Kinderhörkassetten und CDs werden zunehmend beachtet (KLIEWER 1973, 1984, 1988; HENGST 1979; HEIDTMANN 1992; WERMKE 1996a, 1997, S.67ff.), die Diskussion adäquater Beurteilungskriterien steckt jedoch noch in den Anfängen.
Bis in die siebziger Jahre hinein hat die Sprecherziehung Formen des Zuhörens mitthematisiert (z.B. in den Richtlinien und Lehrplänen für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen: Sprache 1973; vgl. WEISGERBER 1973), aber erst Ende der 80er Jahre wird das kommunikative Hören wieder aufgegriffen (SPINNER 1988; GUTENBERG 1984; vgl. den Lehrplan für Deutsch von 1997 des Landes Schleswig-Holstein). Das Radio als Medium, radiophone Formen, der Rundfunk als Hörkunst im Sinne ARNHEIMS (1979/1936) sind dem Deutschunterricht weitgehend fremd geblieben (positives Gegenbeispiel: Heft 4/1995 der Zeitschrift ide). Auch daß das Hörbuch, also die literarische Lesekassette, in einer mobilen Gesellschaft beste Chancen hat, die Freizeitlektüre, auf die der Deutschunterricht u.a. hinarbeitet, zu ersetzen, wird noch kaum wahrgenommen.
Ebenso bleiben traditionelle Bereiche der Literatur- und Kulturgeschichte unbeachtet: der Hörraum der Romantik und des späten RILKE; Dadaismus und Futurismus auf dem Weg zu heutigen Geräuschkompositionen, desgleichen die phonetische Poesie - bis auf „ottos mops hopst" von ERNST JANDL vielleicht. Das Erlesen, das lautlesende Erschließen (vgl. OCKEL 1980) scheint neben dem produktionsorientierten - spielenden, verändernden - Umgang mit Texten in Vergessenheit geraten zu sein. Als selbständiger Lernbereich fehlt das Hören neben Lesen, Schreiben und Sprechen. Und wo es vorkommt, bleibt es im allgemeinen auf Merkmale der Poetik (wie Klang, Rhythmus, Assonanz, Alliteration) beschränkt bzw. dient der Überprüfung und Fehlerkorrektur bei Lese- und Schreibprozessen.
So verwundert es nicht, daß auch der größere Zusammenhang (hierzu vor allem SCHAFER 1988; vgl. BERENDT 1985) - die akustische Qualität der Umwelt, das Hören im Ensemble der Sinneswahrnehmung, die anthropologische und ethnologische Dimension des Gehörs, Hörerziehung als kulturelle Aufgabe - im Rahmen der Deutschdidaktik nicht oder nur in Ausnahmen reflektiert wird (vgl. WERMKE 1995a, 1995b, 1995e, 1996b).
Man kann daher zusammenfassend feststellen:
Dem Hören wird im allgemeinen kein Eigenwert zugesprochen. Es gilt als Hilfsfunktion in mündlicher und schriftlicher Kommunikation.
Das Hören wird überwiegend in seinen konvergenten Fähigkeiten (des Wiedererkennens, der Genauigkeit) gefordert, weniger als entdeckende, sinnkonstituierende Wahrnehmungskomponente.
Das Hören wird vorrangig auf literarische oder medialvermittelte Genres ausgerichtet. Die primäre Erschließung von Klang-Umwelten wird kaum beachtet
Das Hören wird zu wenig als ästhetisch-kritisches Vermögen geschult, solange die Literaturvermittlung durch Kassette und CD im Unterricht nicht stärker thematisiert wird (WERMKE 1995b, S.197f.).
Diese defizitäre Situation ist jedoch nicht speziell dem Deutschunterricht bzw. der Schule anzulasten. Sie spiegelt die Dominanz der Augen vor allen anderen Sinnen wieder, die seit der Renaissance für die abendländische Kultur bestimmend ist und die ihren Niederschlag auch in der hervorragenden Bedeutung der (audio-)visuellen Medien als Massenmedien gefunden hat. Hinzu kommt einerseits die starke Produktionsorientierung in der Didaktik der vergangenen Jahre und andererseits die Reduktion auf Lernziele, die eine Lernerfolgskontrolle an meßbaren Ergebnissen zulassen. Beides ist der Rezeptionshaltung des Hörens - jedenfalls in ihrer eher kontemplativen Ausprägung nicht förderlich, so daß einige methodische Kreativität erforderlich ist, um das Hören, selbst wenn es unter systematischen Gesichtspunkten als Defizit erkannt wird, in den Unterricht einzubeziehen.
Zunächst möchte ich eine kurze Übersicht darüber geben, was ich unter Hörästhetik im Deutschunterricht fasse. Das Spektrum einer Hörästhetik, die sich von den genannten Handicaps befreit, könnte folgendermaßen aussehen:
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Gegenstandsbereich |
A „Welt“ |
B Literatur |
C Kommunikation |
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Art der Vermittlung |
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D verbal/ nonverbal |
1 -Umweltgeräusche
-Eigenklang |
2 -Akustik in der Literatur -Akustik in der Literatur |
3 -Erzählung
-Gespräch |
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E auditiv- medial |
4 -O-Ton -Soundscape -Akustik Design |
5 -Hörspiel -Kinder-Hörkassette -Hör-Bücher |
6 -Telephon -Hörfunk -AV-Medien |
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F musikalisch/ theatralisch |
7 -Geräuschkomposition -Programmusik |
8 -Lied -Oper |
9 -Rede -Theater |
Kommentar zur Übersicht: Ziel dieser Zusammenstellung ist weder Vollständigkeit noch definitorische Unangreifbarkeit. Die im Hinblick auf eine Hörästhetik im Deutschunterricht zentralen Gegenstandsbereiche und Vermittlungsformen werden so gruppiert, daß curriculare Entscheidungen darauf aufbauen können. Die Phänomene selbst sind selten nur einer Gruppe zuzuordnen. Die Stimmen von Marrakesch z.B. kommunizieren (3) und sind zugleich Geräuschkulisse eines orientalischen Marktes (1); in der Verbalisierung durch CANETTI sind sie Bestandteile von Literatur (2). Wichtig ist mir an dieser Liste vor allem, daß auch die primäre Wahrnehmung als Gegenstand des Deutschunterrichts ausgewiesen wird.
Die grobe Einteilung nach der Art der Vermittlung zeigt drei Gruppen:
die gelesene und gesprochene Sprache sowie in übertragendem Sinn die „Sprache" des Vorgefundenen,
die technisch vermittelte Akustik (analog oder digital),
die nicht technisch vermittelte Darstellung (durch die „alten" Künste).
Zu den Zellen im einzelnen: Mit „Eigenklang" (1) bezeichne ich die spezifische Akustik eines Subjekts, die Selbstwahrnehmung der Stimme und des Körpers. „Soundscape" (4) bedeutet Klanglandschaft und ist eine neuere Entwicklung der akustischen Kunst. „Akustik-Design" dient der Veränderung der Lautsphäre und entwickelt sich zu einem interdisziplinären Fachgebiet. Die Trennung des "Hörspiels" (5) vom "Hörfunk" (6) zielt auf die fiktionale Form, die in engem Austausch mit Literatur steht, und ist auch durch die selbständige Vertriebsform von Hörkassette und CD gerechtfertigt. Unter "Hörfunk" werden demnach vor allem journalistische Formen wie Interview und Reportage subsumiert; ein Grenzfall ist die Zuordnung des Features. „AV-Medien" sind in diesem Kontext in verschiedener Hinsicht relevant (z.B. wegen der häufigen Diskrepanz zwischen akustisch-technischer und optischer Qualität, wegen der Rezeptionssteuerung durch Musik und gelegentlich der handlungsleitenden Funktion des Hörens).
Als Paradigma einer integrierten Medienerziehung kann dieses Spektrum einer Hörästhetik dienen, indem die auditiven Medien eingebettet sind in eine für das Fach relevante Systematik und indem die Einbeziehung der Medien zugleich eine von der Fachsystematik her sinnvolle Erweiterung des Gegenstandsbereichs erkennen läßt. Die Vernetzung der Parzellen untereinander verweist auf intermediale Zusammenhänge zwischen „alten" und „neuen" Medien (durch Übertragungen bzw. Annäherungen in beiden Richtungen). Sie sollte auch eine einseitig wertende Auswahl für konkrete Unterrichtsvorhaben erschweren.
Es folgen nun einige Beispiele dafür, wie die Hörästhetik im Rahmen einer integrierten Medienerziehung an didaktischen Entscheidungen des Deutschunterrichts - zu Standardaufgaben, Ziel-/ Mittel-Relationen, übergreifenden Themenstellungen und den Erfahrungen der Schüler - anknüpfen kann. Ich rekurriere auf ausgearbeitete Unterrichtseinheiten und auf entsprechende Versuche in mehreren Seminaren, beschränke mich hier für die Darstellung jedoch auf einzelne Aspekte.
In den Mittelpunkt stelle ich das erste Feld des Spektrums: die Wahrnehmung von Umwelt und Subjekt der Wahrnehmung, Die übrigen Felder haben bei diesem Ansatz eine nachgeordnete Funktion.
Das Hören akzentuiere ich dementsprechend:
als produktive Pause, nicht als Vorstufe für mündliche oder schriftliche Kommunikation,
als kreative Rezeption unter Einschluß von konvergenten und divergenten Fähigkeiten,
als primäre Wahrnehmung, nicht als außer- oder vorsprachliche, sondern als Wahrnehmung, die vor und neben der literarisch oder medial vermittelten existiert (vgl. WERMKE 1995b, S. 198).
Zu diesem Bereich der Hörästhetik stelle ich folgende didaktische Zugangsweisen vor:
1. die Ausdifferenzierung der auditiven Aufmerksamkeit in Hören, Horchen, Lauschen;
2. die Überführung von visueller Wahrnehmung in auditive Vorstellung;
3. die Konfrontation mit fremden auditiven Reizen und deren verbale Verarbeitung.
Ich werde kurz die Konzeption der drei Modelle skizzieren, die Funktion der Hörmedien angeben und die Verbindung mit dem Deutschunterricht jeweils an einem Beispiel erläutern.
Zu 1: Hören, Horchen, Lauschen werden als unterschiedliche Wahrnehmungsleistungen qualifiziert und verschiedenen kognitiven Fähigkeiten zugeordnet. Die Aufgabenstellungen sind darauf zugeschnitten, daß sie diese Fähigkeiten zu ihrer Lösung herausfordern. Das Problem ist, jeweils ein akustisches und wird akustisch über den Kassettenrekorder vermittelt. Die situative Einbettung erfolgt über literarische Formen und verortet damit dieses Ensemble im Deutschunterricht (vgl. WERINIKE 1995b).
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In der Stille der Nacht. Da lag er nun, bewegungslos, und starrte in die Dunkelheit. Eine schreckliche Stille lastete über allem. Nach und nach machten sich in dieser Stille all die kleinen Geräusche bemerkbar. Laut erscholl das Ticken der Uhr; die Balken krachten geheimnisvoll, die Treppen knackten leise. Es war ganz augenscheinlich: Gespenster waren um den Weg. Aus Tante Pollys Zimmer erscholl gemessenes, gedämpftes Schnarchen. Nun begann auch ein Heimchen sein ermüdendes Gezirpe. Kein menschlicher Scharfsinn war imstande, die Richtung festzustellen, aus der 1 das Zirpen kam. Zu allem Überfluß ertönte jetzt auch noch das geisterhafte Klopfen der Totenuhr in der Wand am Kopfende des Bettes und versetzte Tom in Schauder. Das bedeutete ja, daß die Tage irgendeines Menschen gezählt waren! Plötzlich erhob sich in der Stille der Nacht das Geheul eines fernen Hundes, schwächeres Geheul aus noch größerer Entfernung antwortete. Tom geriet in Todesängste. Schließlich ergab er sich darein, daß der Lauf der Zeit aufgehört und die Ewigkeit begonnen hatte. Trotz seiner Bemühungen begann er einzudösen. Als die Uhr elf schlug, vernahm er es schon nicht mehr. Ein trauriges Katergeheul mischte sieh in die Träume seines Halbschlafes. Endlich schreckte ihn das Geräusch eines in der Nachbarschaft sich öffnenden Fensters auf. Erst der Schrei: Fort mit dir, du Satan!' und das Zerschellen einer leeren Flasche an der Hinterwand des Holzschuppens seiner Tante brachte ihn zum vollen Erwachen. MARK TWAiN: Tom Sawyers Abenteuer. Eine Mississippi-Erzählung. (Auszug aus dem 9. Kapitel) |
Ich greife als Beispiel das Horchen heraus (siehe Kasten In der Stille der Nacht ... ). Horchen ist ein kurzfristig aktualisiertes, konzentriertes und forciertes Hören. Die gespannte Aufmerksamkeit ist auf ein bestimmtes Ziel gerichtet die Wahrnehmung entsprechend analytisch und selektiv. Horchen erfolgt oft heimlich und unter erschwerten Umständen, sofern es sich auf eine verbotene oder aus anderen Gründen verborgene Information bezieht. Horchen geht im allgemeinen von unzureichenden oder unzusammenhängenden Informationen aus, die wie bei einem Krimi mehrere Hypothesen zulassen, aus denen der Horchende seine Konsequenzen ziehen muß. Es geht also um genaue Beobachtung, Situationsanalyse, Kombinationsfähigkeit, schlußfolgerndes Denken.
Der Telefon-Krimi als darauf zugeschnittene Aufgabenserie ist so aufgebaut, daß eine Detektivgeschichte bis zu einem bestimmten Punkt gegeben wird (erzählt oder gelesen). Es folgt dann eine Szene, deren Geräuschkulisse Hörsignale impliziert, die entweder nicht eindeutig sind, oder aber im Handlungsverlauf unterschiedlich interpretiert werden können. Diese Szene soll vom Lehrer akustisch realisiert und vom Kassettenrekorder abgespielt werden. Die Aufgabe der Schüler besteht dann darin, den Detektiv anhand einer Geräuschanalyse zu beraten. Die Umsetzung solcher Ideen in Lehrmaterialien setzt jedoch die Bereitschaft von Verlagen voraus, Medienpakete anzubieten.
Zu 2: Ausgangspunkt der didaktischen Konzeption ist die Dominanz des Sehens sowohl in der Alltagswahrnehmung als auch in der schulischen Beachtung. Ziel ist es, über Bilder, die vorgelegt werden, das auditive Vorstellungsvermögen anzuregen und die Geräuschkulisse zu beschreiben. Je nachdem, ob es sich um ein realistisches, surrealistisches oder abstraktes Bild handelt, können die Anhaltspunkte mehr oder weniger inhaltlicher bzw. struktureller Natur sein. Historische Bilder lenken die Aufmerksamkeit z.B. auf Materialien und Geräte, die heute nicht mehr bekannt sind und die erst auf dem „Umweg" darüber, daß ihr Klang unbekannt ist, als fremd wahrgenommen werden (vgl. WERMKE 1996b).
Hier wird die Bildbeschreibung als Standardaufgabe der Aufsatzerziehung „umfunktioniert“. Allerdings nur scheinbar, denn die Frage nach der Akustik regt häufig dazu an, ein Bild genauer zu betrachten, als wenn sich die Analyse auf eine „Beschreibung" beschränkt. Das Hören, das auch bei optischen Eindrücken „mitläuft", wird auf diese Weise bewußt gemacht. Die Versprachlichung des imaginativen Hörens ist bei diesem Vorstellungsprozeß von hoher Bedeutung. Gleichzeitig dient die Arbeit am Gegenstandsbereich der sprachlichen Differenzierung. Anschließen können sich Überlegungen zur „Vertonung" des Bildes durch reale Geräusche oder eine Kassettenproduktion.
Als Beispiel dient Die Zwitscher-Maschine (1922) von PAUL KLEE. Ich gebe hier Stichworte aus einem Experiment mit Studierenden wieder:
„Die Grundklänge sind gequält, gequetscht, verdreht, aufgespießt und werden aus animalischen Lauten wie Schreien, Würgen, Fauchen, Aufstoßen entwickelt. Den arhythmisch wiederkehrenden vier Stimmen ist ein Dauergeräusch untergelegt, das an- und abschwellend als volles Vogelgezwitscher beginnt, wie man es aus größeren Bäumen hört, wenn ganze Schwärme darin einschlafen oder aufwachen. Dieses Gezwitscher geht in das Quietschen einer nichtgeölten Kurbel über. Zwitschern und Quietschen wiederholen sich nach Art einer Drehorgel, bis die Solostimmen verendet sind" (WERMKE 1996b, S. 121ff.).
Diese Audiovision kann als Vorlage für die Produktion einer Hörcollage dienen.
Zu 3: Hinter der Konzeption der folgenden Reihe steht der Wunsch, die Schüler mit anderen Hörkassetten bekannt zu machen, als sie sie üblicherweise kennen. Es handelt sich dabei entweder um käuflich zu erwerbende oder um solche, die von Sendern zu beziehen sind. In Abgrenzung zum zweiten Modell, bei dem vom Bild aus die Akustik zu erfinden war, ist hier entscheidend, daß akustische Eindrücke vermittelt werden, für die Worte gefunden werden müssen. Unterschiedliche technische Möglichkeiten und unterschiedliche Kompositionsprinzipien werden vorgeführt: von Lautsphären über Geräuschkompositionen, Soundscapes und Akustisches Feature. In allen Fällen geht es um die Auseinandersetzung mit der (bedrohlichen oder faszinierenden) Wirkung akustischer Fremdheit. Die Verarbeitung wird jeweils durch eine Sprach und eine Medienaufgabe initiiert (vgl. WERMKE 1995c).
Als Beispiel zum Thema Geräuschkomposition greife ich Die Ohrenreise von GEORG EICHINGER (produziert vom Sender Freies Berlin und verlegt bei Schwanni/Patmos) heraus.
"Hänsel und Gretel wissen von einem Haus in ihrer Stadt, in dem angeblich ein alter Mann lebt, der alle Geräusche sammelt, die es auf der Welt gibt. Wie in einem Restaurant kann man sie gegen eine kleine Gebühr bestellen, pur oder in allen möglichen Mischungen. Die beiden Kinder machen sich dorthin auf, weil sie hören möchten, wie das Gras wächst. In diesem Haus werden sie Zeugen verschiedener Szenen, die ihnen der alte Mann nebenbei erläutert.Z.B. bestellt der Kapitän das Brüllen eines Seelöwen zu Sturm, Brandung, Möwengeschrei und Schiffssirene. Der alte Mann hält dagegen: warum immer nur langweilige passende Kombinationen. Er schlägt vor Türenknarren oder Schritte mit Brandung, Möwe, Schiffssirene usw." (Wermke 1995c, S. 23ff.).
Die Medienaufgabe hierzu lautet, Geräusche aufzuschreiben, Kombinationen auszudenken und dabei vom Effekt (lustig, grausig, schön usw.) auszugehen, ohne daß zusätzliche Begründungen verlangt werden. Der zweite Teil der Aufgabe besteht darin, Geräuschkombinationen akustisch zu realisieren. Es könnten dann nach einem bestimmten, vorher festgelegten Plan Elemente aus den verschiedenen Abteilungen (Tierstimmen, Glocken, Autobahn usw.) einer Geräuschkassette kombiniert oder im Wechsel gebracht werden mit oder ohne Zwischentexte. Als Sprachaufgabe kann sich hieran anschließen, daß die Schüler zu einer der Geräuschkompositionen Geschichten erfinden.
Ich komme noch einmal zurück auf die Übersicht zur Hörästhetik. Die Beispiele, die ich gebracht habe, beziehen sich auf die erste Zelle der primären Wahrnehmung, der die Elemente der anderen Zellen im Sinne der Ziel-/Mittel-Ambivalenz nachgeordnet worden sind. Die Vervollständigung eines Curriculums zur Hörästhetik hätte entsprechend auch von der akustischen Dimension der Literatur wie von personaler Kommunikation auszugehen.
Als Schnittstellen zwischen Fach und Medien wurden Standardaufgabenstellungen vorgeführt und durchgängig der Bezug auf die Erfahrung der Schüler hergestellt. Da ich hier keine kompletten Unterrichtseinheiten dargelegt habe, sind übergreifende Themen als Integrationsstelle für Medien und Fach unerwähnt geblieben (z.B. Oralität und Literarität, Hören als Rezeptionshaltung, der akustische Raum, die Stille).
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