![]()
http://www.mediaculture-online.de
Autor: Wessels, Wolfram.
Titel: Zum Beispiel Günter Eich: Von der schuldlosen Schuld der Literatur.
Quelle: Axel Vieregg (Hg.): "Unsere Sünden sind Maulwürfe": Die Günter-Eich-Debatte. Amsterdam/ Atlanta 1996. S. 137-154.
Verlag: Rodopi.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Wolfram Wessels
Zum Beispiel Günter Eich: Von der schuldlosen Schuld der Literatur
(Überarbeitete Fassung einer Sendung für den Hessischen Rundfunk vom 2.3.1994)
Ihr ratet mir an, zu vergessen
Vergessen
geschieht, oder geschieht nicht.
Wir wollen erinnern.
An die
Wunden, die noch sichtbar sind.
Wir wollen nicht,
daß
die Gräber eingeebnet werden,
die Mahnungen der Kreuze in den
Wind verweht,
weggespült vom Regen die Last des
Schmerzes.
Wir wollen nicht
daß das Vergessen eingesetzt
wird
in eine neue Rechnung des Grauens.1
Als im Herbst 1993 sein verschollen geglaubtes Hörspiel Rebellion in der Goldstadt von 1940 wieder gesendet wurde2, brach der Streit um Günter Eich noch einmal los. Ein Streit mit Geschichte, die selbst der Untersuchung wert wäre. In ihm stand Eich stets exemplarisch für eine ganze Generation von Autoren - Autoren der Nachkriegsliteratur der 50er Jahre, der Gruppe 47 vor allem. 1979 bereits hatten die Feuilletons das Thema aufgegriffen und gefragt, was diese Autoren eigentlich vor 1945 gemacht hatten, wovon sie so merkwürdig wenig sprachen.
Eich galt damals wie heute als prominentester Vertreter des Hörspiels der 50er Jahre, eine künstlerische wie moralische Autorität. Allerdings war er inzwischen von einigen Exponenten des Neuen Hörspiels kritisiert worden, weil er sich zu bereitwillig den apolitischen Tendenzen einiger Schriftsteller-Kollegen während der Adenauer-Ära angepaßt und statt Stellung zu beziehen, die Flucht ins ewig Menschliche angetreten habe. Gleichzeitig aber hatte derselbe Günter Eich am Ostermarsch 1968 teilgenommen und den Demonstranten in Ulm zugerufen:
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt
geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die
sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber,
daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer
Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die
man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht
das Öl im Getriebe der Welt.3
Auch jetzt wieder, Ende der 70er Jahre, während der Häuserkämpfe erschien dieser Text aus seinem Hörspiel Träume auf einer Postkarte, die einen einem Heer von Polizisten gegenüberstehenden Steine werfenden Demonstranten zeigt.
Und Fritz J.Raddatz warf eben diesem Günter Eich in der ZEIT vor, mit den Nazis paktiert zu haben.
Wenn Günter Eich Mitglied der NSDAP war und nach seinem Austritt freiwillig Beiträge an die SS entrichtete, dann muß irgendwo eine innere Möglichkeit zur Übereinstimmung vorhanden gewesen sein; man bezahlt nicht, was man haßt. Der Reichsrundfunk sendet auch nicht fünfzehn Hörspiele, der »Deutsche Kalender« nimmt auch nicht siebzig Folgen ab, wenn das anstößig gewesen wäre.
Die Debatte war eröffnet und Marcel Reich-Ranicki konterte sofort in der FAZ:
Die Behauptung, der Reichsrundfunk hätte die Hörspiele und andere Arbeiten Eichs nicht gesendet, «wenn das anstößig gewesen wäre«, zeugt von gänzlicher Unkenntnis der damaligen Verhältnisse. (...) Es ist nicht wahr, daß man, um veröffentlicht zu werden, dem Regime schmeicheln mußte.4
Der Austausch der Argumente - getragen von großem moralischem Ernst - mußte zwangsläufig im Vagen bleiben, weil es an Dokumenten fehlte.
Anders die Situation 1993. Inzwischen waren die Arbeiten von Glenn R.Cuomo erschienen5 und die Neuausgabe von Eichs Gesammelten Werken6, die die These, er habe in jenen Jahren so gut wie nichts publiziert und seine Hörspiele seien kaum beachtet worden, widerlegten. Daran änderte auch die nachträgliche Unterscheidung von »Rundfunkarbeiten« und »Hörspielen«, die immer wieder ins Feld geführt wurde, nichts, zumal die Praxis der 30er und 40er Jahre eine derartige Unterscheidung nicht kannte.
Allerdings waren von den rund 150 nachgewiesenen Sendungen bislang nur sieben als Manuskript bekannt, zwei davon gar nur als Fragment und nur eine Bearbeitung gab es als Ton-Dokument. Verbessert hatte sich die Situation durch den Fund zahlreicher Manuskripte des Königswusterhäuser Landboten im Nachlaß Martin Raschkes und etlicher gemeinsam mit Artur A. Kuhnert verfaßter Manuskripte in dessen Nachlaß. Aufschlußreich waren vor allem die umfangreichen Korrespondenzen in beiden Nachlässen, die wichtige Hinweise vor allem auf die Produktions-Hintergründe und die Genese einzelner Arbeiten gaben. Axel Vieregg hatte diese Materialien erstmals ausgewertet und seine Ergebnisse in dem Essay Der eigenen Fehlbarkeit begegnet. Günter Eichs Realitäten 1933-19457 publiziert, der sofort zu einem Wiederaufleben des alten Streits führte. Gegenüber 1979 jedoch erstaunt der polemische Ton, der darüber hinwegzutäuschen schien, daß eine Auseinandersetzung mit den neuen Fakten im Grunde nicht stattfand.
Jürgen Busche behauptete weiter, daß Eich »mit seinem Eigensten, seinen poetischen Hörspielen, (...) damals kaum Erfolg« hatte8, Joachim W. Storck blieb bei seiner Einschätzung:
Eichs Rundfunktätigkeit beschränkte sich auf den Hörspielbereich und diente dem Broterwerb. (...) Wie viele Hörspiele, Märchenbearbeitungen, Kalenderblätter Eich auch schrieb, niemals hat er damit «Karriere« gemacht.9
Doch läßt der Umfang seiner Arbeiten sehr wohl Zweifel an dieser Meinung aufkommen. Und auch Peter Horst Neumann begab sich auf spekulatives Terrain, wenn er Vieregg unterstellte, er stütze sein Urteil »auf durchweg tendenziös, nämlich zu Eichs Ungunsten ausgelegte Briefzitate, in deren Licht er nun Funktexte, die eben noch unverfänglich schienen, auslegt, als wären sie's nicht.«10 Belegen konnte er das allerdings nicht, zumal er weder die vollständigen Briefe noch die Korrespondenz insgesamt kannte. Das Tendenziöse seiner Argumentation wird vollends deutlich in seinem (Vor-)Urteil:
Was die von Eich (...) beantragte Aufnahme in die Nazi-Partei betrifft, muß man sie zur Kenntnis nehmen und kann sich darüber freuen, daß er dennoch nie Mitglied wurde.
Erstaunt fragte man sich, wo da der Grund zur Freude lag? Es war Eichs Wille, Parteimitglied zu werden, und dieses Faktum läßt unabhängig davon, warum dem Aufnahmeantrag nicht stattgegeben wurde, Rückschlüsse auf seine damalige politische Einstellung zu. Ob sie einen freut oder nicht.
Aber nach wie vor mangelte es an Dokumenten. »Wo die Zeugnisse fehlen, kann man nur spekulieren«, hatte Harald Hartung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung11 richtig bemerkt. Und ein Beweis, ein Zeugnis - sein Hörspiel Rebellion in der Goldstadt hätte es sein können. Viel war darüber spekuliert worden in der Fachliteratur und auch in der von Vieregg ausgelösten Debatte. Schließlich waren Vorankündigungen in der zeitgenössischen Presse, Inhaltsangaben bekannt, die darauf hindeuteten, daß Eich anti-englische Propaganda im Sinne der Nazis betreiben wollte.
Allerdings brachte auch die Wiederaufführung keine Klarheit. Der Streit um Eichs Rolle im NS-Rundfunk wurde fortgesetzt, diesmal nicht von Literatur- sondern überwiegend von Rundfunkkritikern. Den Anfang machte der Herausgeber der Hörspiele innerhalb der Gesammelten Werke, Karl H. Karst, der für den NDR einen einführenden Essay geschrieben hatte. Er versuchte darin nachzuweisen, daß Teile des Hörspiels nicht von Eich selbst stammten. Ein Hinweis darauf sei die Liste mit den Numerierungen der Platten, auf denen die Produktion aufgezeichnet worden war.12 Entgegen der sonst üblichen Praxis tragen die Platten mit den ersten Szenen höhere Ziffern als die nachfolgenden. Außerdem trägt eine Szene die Nummer 1a, die zudem, so Karst, in ihrem Charakter von den übrigen abweiche. Ohne sie erscheine das ganze Hörspiel verändert:
Wer das Hörspiel in dieser Form heute hört, der hört ein antikapitalistisches, sozialkritisches, vielleicht sogar ein sozialromantisches Stück mit Versatzstücken verschiedener Stilformen und manchen dramaturgischen Brüchen.
Dies sei Eichs Intention gewesen, der Anfang ohne Billigung des Autors entstanden, meint Karst:
Die Veränderung des Hörspiels erfolgte nach Fertigstellung der Produktion und damit zu einem Zeitpunkt, an dem Günter Eich aller Wahrscheinlichkeit nach wieder unter Aufsicht der Wehrmacht stand. Das Hörspiel Rebellion in der Goldstadt ist demnach nicht in jener Form gesendet worden, in der Eich es ursprünglich geschrieben hat.
Eine erstaunlich kühne Behauptung, ist doch der »ursprüngliche« Text bisher nicht bekannt, und gibt es für eine nicht-chronologische Numerierung der Platten (die im übrigen nicht singulär ist in der Rundfunkgeschichte vor 1945) eine Reihe weit naheliegenderer Erklärungen. Einzig plausibel erscheint, daß die ersten Szenen zuletzt produziert wurden, was technische aber auch schlicht dispositorische Gründe gehabt haben konnte.
Erstaunlicherweise übernahm Die Zeit völlig unkritisch Karsts Argumentation und eröffnete die neue Runde der Diskussion mit einem Beitrag von Christof Siemes, der zu dem Schluß kam, das Hörspiel enthalte »generell subversive Züge«13, während Frank Olbert in der FAZ dagegenhielt, daß Eich
die antidemokratische und rassistische Hetze der Nazis in Hörspielform brachte (...) Es handelt sich bei der Rebellion in der Goldstadt kaum um unpolitisches Gesäusel, das in Goebbels Konzept eines die Realität versüßenden Unterhaltungsrundfunks paßte. Vielmehr betreibt dieses Hörspiel die moralische Aufrüstung zum Krieg gegen England, um sich zugleich dem »Herrenmenschentum« der Nationalsozialisten rassistisch anzubiedern.14
Hans-Jürgen Krug wiederum kam in der Frankfurter Rundschau zu dem Ergebnis, »daß die NS-Vorwürfe Eichs letztes Werk aus den NS-Jahren nicht treffen.«15 Aber nur wenige Tage später stand in der gleichen Zeitung unter der Überschrift »Aus der Traum« etwas über »Günter Eichs Hörspiel-Hetze Rebellion in der Goldstadt. Christian Thomas Urteile reichten von »rassistisches Hörspiel« bis schlicht »Machwerk«. Sein Fazit: »Der Nicht-Parteigänger der Nazis (der Eich war) betätigte sich dennoch als eines ihrer Sprachrohre.«16
Die unterschiedlichen Bewertungen des Hörspiels waren eine Folge der divergierenden Blickwinkel, unter denen es betrachtet wurde: dem der Werkgeschichte Eichs, seiner Biographie, schließlich der Zeit- und der Mediengeschichte.
Der »Rassismus-Vorwurf« z.B., der gleich zu Beginn in der Szene in einem Londoner Nachtclub festzumachen ist, der Szene, die offenbar schon Karst suspekt erschien.
|
Dick: |
Interessieren dich die feisten alten Gentlemen da drüben? |
|
Lilian: |
Nur ein bißchen, |
|
Dick: |
Ach so -. Der Jüngere da drüben, ist es der? |
|
Lilian: |
Wer? Thomson? |
|
Dick: |
Der Glatte mit den Basilisken-Augen und dem Gorillagebiß. |
|
Lilian: |
Tatsächlich, er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dir. |
|
Dick: |
Der Witz gefällt mir mehr als deine Frömmigkeit. |
|
Lilian: |
Dicky, du hast mir durch deine Beschreibung Thomson richtig interessant gemacht. |
|
Dick: |
Vergiß nicht, daß ich zur Eifersucht neige! |
|
Lilian: |
Aber ich bitte dich! Er ist der Sekretär meines Vaters. |
|
Dick: |
Und die feisten Gentlemen, kennst du die auch? |
|
Lilian: |
Eine illustre Gesellschaft. |
|
Dick: |
Da, der Glatzkopf mit dem Monokel und dem schmuddeligen Frackhemd. Und der Geifer läuft ihm beim hors d'oeuvre aus dem Maule. Er sieht aus wie ein Mann von Verdiensten um das Empire. |
|
Lilian: |
Die hat er in der Tat: Gruben in Wales, Weiden in Irland, Zuckerrohr in Westindien, ein Bankhaus in der City. Ja, und die Mehrzahl der Aktien an einem Dutzend von Mammutunternehmen. |
|
Dick: |
Und der mit dem Hörrohr und der basedowschen Krankheit? |
|
Lilian: |
Vier Schlösser in Schottland, Eisenwerke und Rüstungsindustrie. |
|
Dick: |
Also ebenfalls Verdienste um das Empire. |
|
Lilian: |
Die haben sie alle.17 |
Läßt
man die Zeitgeschichte außer acht, könnte man zu dem
Urteil kommen, hier spotte ein eifersüchtiger Liebhaber über
seine Konkurrenten. Zieht man Eichs Werk als Interpretationshilfe
hinzu - etwa das viel später entstandene Hörspiel
-»Zinngeschrei« - käme auch die Deutung in Frage,
daß hier ein junger Arbeiter sich über den Klassenfeind,
die Unternehmer, lustig mache. Aus zeithistorischer Perspektive
schließlich darf keinesfalls außer Acht gelassen werden,
daß es sich bei den Unternehmern um Engländer handelt, die
hier als rassisch wie moralisch verkommene Subjekte dargestellt
werden. Der Verlauf der Handlung wird den letztgenannten Aspekt immer
deutlicher werden lassen.
Die Goldminen bringen ihren Aktionären in London nicht mehr den gewünschten Gewinn, also wollen sie die Löhne der weißen Arbeiter in den Minen Südafrikas auf das Niveau der Schwarzen, der »Neger« drücken. Dabei werden sie sich rasch mit der südafrikanischen Bergwerkskammer und der Regierung über die Strategie einig: zuerst Schließung der Minen androhen, um dann gegen Lohnkürzungen den Erhalt der Arbeitsplätze zuzugestehen. Aber natürlich trifft dieses Vorgehen auf den Widerstand der Gewerkschaft.
Eich exemplifiziert diese Geschichte anhand des Schicksals der beiden weißen Minenarbeiter Mike und Pieter, Ire der eine, Bure der andere. Am Anfang noch sucht Pieter das Gespräch mit dem Vorgesetzten:
|
Pieter: |
Meinen Sie, wir hätten den Schwindel nicht durchschaut? |
|
Dodd: |
Offenbar sind Sie besser informiert als ich. |
|
Pieter: |
Offenbar. Das ganze Theater ist doch nur gemacht worden, damit die Herren von der Bergwerkskammer und die Geldsäcke in London dem Publikum die weiße Weste zeigen können. |
|
Dodd: |
Ach nee. |
|
Pieter: |
Warum soll man denn die Gruben schließen, wenn sie immer noch Gewinn abwerfen? Aber es war den Herren nicht genug. Und was die da oben mehr einstreichen wollen, das sollen wir bezahlen. 3 Schilling den Tag. Ich soll also für denselben Lohn arbeiten wie ein Kaffer. |
|
Dodd: |
Finden Sie das ungerecht? |
|
Pieter: |
Ja, das finde ich ungerecht. Weil ich nicht in den Baracken der Grubenverwaltung wohne, sondern Miete zahlen muß. Weil ich ein gelernter Arbeiter bin, eine Frau und drei Kinder habe. Die Kaffern können sie für solchen Hungerlohn arbeiten lassen, die sind allein. Frau und Kinder haben sie bei ihrem Stamm zurückgelassen. Länger als ein Jahr bleiben die doch nicht hier, dann gehen sie zurück in die Wildnis und sind ungeheuer angesehen bei ihren Stammesgenossen, weil sie vielleicht einen alten Frack mitbringen oder eine kaputte Petroleumlampe. |
|
Dodd: |
Wenn die Weißen mit den Niggern nicht konkurrieren können, dann ist es das beste, sie überlassen den Schwarzen ihre Arbeitsplätze freiwillig. |
|
Pieter: |
Sonst werden sie eben dazu gezwungen, nicht wahr? - Das ist es ja. Die ganze Sache richtet sich gegen die weißen Arbeiter. Was hat man aber uns Buren 1914 gesagt, als Freiwillige für den Krieg gesucht wurden? Ihr braucht keine Angst um eure Arbeitsplätze zu haben. Die gehen euch nicht verloren. England wird dafür sorgen, daß jeder Weiße seinen Arbeitsplatz behält. |
|
Dodd: |
England hat dafür gesorgt. Sie haben ihren Arbeitsplatz behalten. Tun Sie doch nicht so, als seien Sie gekündigt worden. |
|
Pieter: |
Das ist viel schlimmer als eine Kündigung. |
|
Dodd: |
Mensch, Sie langweilen mich. |
Nicht nur in
dieser Szene erscheinen die weißen Minen-Arbeiter als Opfer
englischer Großmachtpolitik. Es sind englische Unternehmer, die
die südafrikanische Regierung und die Bergwerkskammer zu ihrer
harten Haltung in der Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft
zwingen.
Während es in fast allen fünfzehn Szenen des Hörspiels um politische Fragen geht (vor allem auch in denen, die in London spielen und im Kontrast zu dem Geschehen um die Minenarbeiter, die Geschichte der Lilian erzählen, die des Arbeiterfreundes Dick und seiner Ideen überdrüssig wird), fällt eine Szene auf dem Höhepunkt des Hörspiels aus dem Rahmen. Mike und Pieter liegen auf dem Dach des Gewerkschaftshauses und philosophieren über die Zeichenhaftigkeit der Welt.
|
Mike: |
Du, Pieter, gestern war der Himmel voller Zeichen. Er war feuerrot. Mitten in der Nacht. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich dachte immerfort an meine Kinder, unsere Zukunft. Pieter, was wird aus unserer Zukunft?! |
|
Pieter: |
Zukunft. Unsinn. Mir gefällt alles, ich weiß selber nicht warum. Die Umstände sind sonderbar. |
|
Mike: |
Das gibst du wenigstens zu. |
|
Pieter: |
Schau, Mike, wenn du dich hier auf den Rücken legst, so z.B., dann siehst du nichts anderes mehr als den Himmel. |
|
Mike: |
Ja und? |
|
Pieter: |
Nichts weiter. Das gefällt mir. |
|
Mike: |
Das begreife ich nicht. |
|
Pieter: |
Ich auch nicht. Zeichen habe ich nicht gesucht und auch sonst haben mich Zeichen nie besonders interessiert. |
|
Mike: |
Pieter, wir werden hungern müssen! |
|
Pieter: |
Siehst du, jetzt begreife ich erst, daß es so etwas wie Schönheit auf der Welt gibt. |
|
Mike: |
Nein. Nein, daran glaube ich nicht. |
|
Pieter: |
Man kann es nennen wie man will. Es kommt mir auf das Wort gar nicht an. Aber das Blau über uns, das ist nicht selbstverständlich. Siehe, es hängen weiße Wolken darin wie Fahnen. Findest Du nicht, daß sie wie Fahnen aussehen? |
|
Mike: |
Nein. |
|
Pieter: |
Schade. Das ist schade. Z.B. könnte das hier auch Gras sein, worauf ich liege. |
|
Mike: |
Du bist krank, Pieter, du phantasierst. |
|
Pieter: |
Eine Wiese mit Heuschrecken und Käfern und Schmetterlingen. Du, du wirst es nicht glauben, Mike, aber ich höre die Käfer summen und brummen. |
|
Mike: |
Ich auch. |
|
Pieter: |
Zum Teufel, was ist das? |
|
Mike: |
Flugzeuge! Da! Drei Flugzeuge. |
|
Pieter: |
Du, hör mal, was nicht für uns ist, ist wider uns! Die Arbeiter haben keine Flugzeuge! |
|
Mike: |
Das ist die Linie Pretoria-Kapstadt. |
|
Pieter: |
Mit drei Maschinen beflogen? Nein, Mike, die Sache gefällt mir nicht. |
|
Mike: |
Ach was. |
|
Pieter: |
Sie halten Kurs direkt auf uns zu! |
|
Mike: |
Wir beide sind nicht so... |
|
Pieter: |
Das Arbeiterhaus - Sie werfen Bomben. |
|
(Detonation) |
|
|
Pieter: |
Mike! Mike! |
|
(Mike stirbt) |
|
Da tauchen wie in
einem Brennglas mitten in dem Hörspiel Versatzstücke des
Eich'schen Denkens auf, Fragen, mit denen er sich zeitlebens
beschäftigte: der Zeichenhaftigkeit der Welt, des
Einverstandenseins mit ihr, der Wirklichkeit, der Realität. Doch
werden die philosophischen Exkurse jäh unterbrochen durch die
tatsächliche Wirklichkeit. Für Philosophie ist keine Zeit,
wenn es darum geht, zu kämpfen. Wer träumt, phantasiert und
philosophiert, begibt sich in Lebensgefahr. Die vordergründig
unpolitische Szene erweist sich damit als ebenso politisch motiviert
wie die letzte des Hörspiels:
|
Pieter: |
Gib mal die Zeitung her. Ah - Herr Smuts hat eine Rede gehalten: »Nach den bitteren und traurigen Tagen von Johannesburg soll trotz allem der berechtigte Groll gegen die Aufrührer vergessen sein. Eingedenk des schon vergossenen Blutes wollen wir Milde walten lassen anstatt der Gerechtigkeit. Damit handeln wir so weit es der Tradition unseres Mutterlandes England entspricht: hart im Kampf, aber gnädig gegen die Besiegten zu sein.« In der Tat, so hat England immer gehandelt: Indien, Irland, die Buren. Prächtige Rede, Herr Smuts! ...(Klingeln, Schüsse, Klingeln) |
Pieter wird
abgeholt, von Schergen der eigenen Regierung, und hinterrücks
erschossen. Joachim W. Storck glaubte darin eine Anspielung auf die
Situation im Deutschland der Nazis erkennen zu können. Der Hörer
von 1940 hätte »die angelsächsische Einkleidung nur
als Camouflage« empfunden und hinter »den gewinnsüchtigen
Kapitalisten wußte man damals die Profiteure der Hitlerschen
Rüstungs- und Kriegspolitik zu assoziieren: Krupp, Flick, die IG
Farben und andere. Und bei der Polizeirazzia am Schluß des
Hörspiels wird die Parallele zu Aktionen der Gestapo
unüberhörbar.«18
Eine solche Einschätzung vernachlässigt unzulässigerweise das Rezeptionsumfeld des Hörspiels, den Kontext, in dem es gehört und verstanden wurde, das Radio-Programm. Eichs Rebellion in der Goldstadt wurde am 8. Mai 1940, einem Mittwoch um 21.00 Uhr gesendet und zwar im Deutschlandsender und Reichssender Berlin, dem der Reichssender Danzig angeschlossen war. Im Reichssender Frankfurt, angeschlossen Reichssender Saarbrücken, war um 19.30 Uhr: Volk im Kampf. Freiheit unter englischen Plutokraten zu hören gewesen, im Reichssender Stuttgart hatte um 20.15 Uhr: Gute Nacht, Mister Chamberlain. Ein Traum, der kein Traum ist begonnen, und der Reichssender Breslau hatte um 22.30 Uhr Die Mission des Dr. Mackenzie von Artur A. Kuhnert im Programm. Schon die Titel lassen erkennen, worum es in diesen Sendungen ging. Das Manuskript der letztgenannten ist erhalten, es handelt von dem englischen Arzt Dr.Mackenzie, dessen Fehldiagnose für den frühen Krebstod des deutschen Kaisers Friedrich III. im Jahre 1888 verantwortlich gemacht wird. Es endet mit den Sätzen: »Er starb als ein Opfer englischer Intrige, als einer der vielen, die England mordete. Wir klagen an!«19
Selbst wenn niemand alle Programme aller Sender gleichzeitig hören konnte, zeigt doch diese kurze Übersicht über die Hauptsendungen des Abendprogramms den thematischen Schwerpunkt, der sie ebenso prägte wie die Nachrichtensendungen und Frontberichte20. Ein Artikel über »neue Hörspielstoffe aus der Zeit« vom Februar 1940 war »Englische Politik am Pranger« überschrieben.21 Darin ging es um beispielhafte Sendungen der Vergangenheit und um zukünftige Projekte:
Daß der Rundfunk hier die besten Kräfte einsetzt, sei durch die Namen von Josef Martin Bauer, Artur A. Kuhnert, Rudolf Brunngraber, Günter Eich bewiesen, die sich mit Stoffen unterschiedlicher Prägung beschäftigen. Es ist politische Anschauung in packender Form, die uns in Hörspielen dieser Art geboten wird.
Hörspiele, in denen versucht wird, anhand historischer Exempel die Hinterhältigkeit englischer Großmachtpolitik zu belegen, um dem Hörer die nationalsozialistische Großmachtpolitik als reine Vergeltungsmaßnahme darlegen zu können.
Die historischen Stoffe (...) stellen die Geschichte nicht um der geschichtlichen Begebenheit willen dar, sondern zeigen am geschichtlichen Beispiel die große Linie, die durch die einzelnen Ereignisse geht, zeigen eine bestimmte Haltung, die für uns heute von Bedeutung ist. Wir vermögen dann aus der Geschichte eine Parallele zur Gegenwart zu ziehen?22
Dafür ist Hans Rehbergs Afrikanische Trilogie Suez. Faschoda. Kapstadt23 ebenso ein Beleg wie Rudolf Brunngrabers Opium24 oder Rüdiger Wintzens Der Fall Pacifico25. Sie belegen mit den Hörspielen Artur A. Kuhnerts, Peter Huchels26 und Günter Eichs nach der weitgehenden Einstellung von Hörspiel-Sendungen mit Kriegsbeginn eine Renaissance dieser Funk-Form. Es war allerdings eine verordnete Renaissance, die mit der Tagung von Schriftstellern und Rundfunkmitarbeitern am 23./24. Januar 1940 begann.27
Sie begann mit einer Begrüßung durch den Direktor der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft, Hermann Voß, danach sprach der Leiter der Abteilung Schrifttum im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP), Ministerialdirigent Wilhelm Haegert, der die Rolle des Rundfunks als Förderer des »künstlerischen Schaffens« wie als Propagandamittel betonte. Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky hatte noch einmal über die Macht der Propaganda gesprochen und der Leiter der Abteilung Rundfunk im RMVP, Ministerialrat Alfred Ingemar Berndt, hatte die Absichten der Tagung schließlich auf den Punkt gebracht: »Wir wollen, daß unsere besten Dichter in der Heimat in der gleichen Weise eingesetzt werden, wie unsere Soldaten an der Front, denen sie durch ihr Schaffen verpflichtet sind.«28
Abgerundet wurde das Programm durch einen Empfang bei Minister Joseph Goebbels, der die politische Bedeutung der Tagung unterstreichen sollte, eine Führung durch die Studios und die Präsentation beispielhafter Hörspiel-Produktionen durch den Oberspielleiter des Berliner Senders, Gerd Fricke. Am nächsten Tag folgte ein Vortrag des Referenten der Abteilung Rundfunk des RMVP, Rudolf Stache29, und ein Referat des Leiters der neugegründeten Abteilung Schrifttum der Reichssendeleitung, Eugen Kurt Fischer.
Das wichtigste jedoch werden die informellen Gespräche gewesen sein, die immerhin zur Folge hatten, daß einige Schriftsteller sofort ins Studio gingen, um eigene Texte vor dem Mikrofon zu lesen, und daß erste Aufträge vergeben wurden. Schließlich mündete die Tagung in einen Sonderauftrag des Reichsministers Joseph Goebbels an den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, Hanns Johst, die als »reichswichtige Dienstsache« eingestuft war, und Autoren zum Schreiben von propagandistisch verwertbaren Hörspielen und Drehbüchern bewegen sollte.30 Ein Anliegen, dem sich die noch während der Tagung angesprochenen oder später angeschriebenen Autoren nur schwer entziehen konnten. So schrieb Josef Martin Bauer, der keineswegs ein nationalsozialistischer Autor war, an Johst:
Darf ich Ihnen meine telefonisch ausgesprochene Bitte wiederholen, beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda freundlichst veranlassen zu wollen, daß mir geschichtliches Material zur Verfügung gestellt wird über die von England veranlaßte Vertreibung der irischen Bauern aus ihrer Heimat. Diese größte Bauerntragödie der Weltgeschichte könnte, auf ein großes Einzelschicksal bezogen, die Grundlage geben zu einem großen Filmwerk, das in der Propaganda gegen England zu hoher Wirkung führen müßte.31
Der Sonderauftrag bezog sich inhaltlich auf die »Propaganda gegen England« und formal auf Hörspielmanuskripte und Filmdrehbücher. Aber nicht alle reagierten so eifrig wie Bauer. Georg Brittings Brief z.B. scheint mir eine mehr oder weniger elegante Absage zu sein:
Ich habe mir nun den ganzen Tag den Kopf zermartert, und die und jene Themen, vom Burenkrieg bis zum Fakir von Ipi und der Vernichtung der dänischen Flotte in Kopenhagen, angstvoll gewälzt: aber es will sich kein Filmstoff daraus ergeben für mich. Ich will auch über solche Gedanken weiter brüten, vielleicht kommt mir noch ein Einfall, und ohne einen solchen nützt ja alle Bemühung nichts. Dann würde ich mich gleich bei Ihnen melden. Ich danke, daß Sie mir geschrieben haben, und bin in aufrichtiger Verehrung und mit Heil Hitler! Ihr Georg Britting32
Günter Eich hat an der Tagung nicht teilgenommen, ob er zu den von Johst angeschriebenen Autoren gehörte, ist nicht bekannt. In der Zusammenstellung der Antwortbriefe taucht sein Name jedenfalls nicht auf. Aber in der Liste der literarischen Werke, die sich als Vorlage für eine Sendung eigneten ist er als möglicher Bearbeiter von Texten Wilhelm Schäfers angegeben. Von seinem Freund Artur A. Kuhnert, der nachweislich an der Tagung teilgenommen hat, wird er jedoch von deren Ergebnis erfahren haben. Jedenfalls schreibt Eich ihm am 16. Februar 1940 einen ausführlichen Brief aus dem Fliegerhorst Märkisch-Friedland, wo er als Soldat in der Nachrichtenstelle arbeitet, über einen Besuch im Berliner Funkhaus:
Lieber Addi, leider bin ich seit vorgestern wieder auf meinem Horst, flügellahm und garnicht wie ein Adler. Das Ergebnis in Berlin war kein Ergebnis. Nach allem was ich hörte (insbesondere von dem propagandistischen Herrn Stache(1), dessen Schreibweise unklar ist), ist an eine Reklamation nicht zu denken und auch ein Arbeitsurlaub liegt ziemlich außerhalb der Möglichkeiten. Ich habe dennoch alles in die Wege geleitet, also bei Fricke ein Expose über Lord Nelson in Neapel verfaßt mitsamt einem Brief, worin ich ihn bitte, mir einen Urlaub zu erwirken. Im übrigen scheint mir Herr Fricke ängstlicher als je, während Herr Fischer mich auf überliebenswürdige Weise loszuwerden suchte. Er gab mir, wie gesagt, den Rat, mich mit Kaiser Friedrich zu beschäftigen und drückte mir außerdem ein Formular für meinen Eintritt in eine Prop. Komp. in die Hand. Das Nelson-Expose schickte ich auch an ihn. (Er wiederum meinte, einen Urlaub zu kriegen wäre leicht.)
Eich ist offenbar auf Anraten Kuhnerts nach Berlin gefahren, der ihm von der Möglichkeit eines Arbeits-Urlaubs für die Teilnehmer an der Sonderaktion berichtet haben wird.33 Immerhin suchte er alle führenden Rundfunkmitarbeiter auf, angefangen bei Rudolf Stache - »Herr Stache hätte sich für mich interessiert, wenn ich Zivilist gewesen wäre, und gab mir viele gute Ratschläge, wie man Hörspiele und Exposes schreibt und dgl.« - über Gerd Fricke und Eugen Kurt Fischer bis zum Reichssendeleiter Eugen Hadamaovsky
Hada traf ich nicht an34, sein Vertreter schickte mich zu Fischer. Und die übrigen Maestro konnte ich wegen Zeitmangel nicht mehr behelligen. Hab schönen Dank, lieber Addi, für Deine Mühe. Vielleicht klappt es irgendwo doch noch. Zwar ist mein Verlangen, Hörspiele zu schreiben, nicht allzu groß, aber meine Tätigkeit auf der Fernsprechvermittlung ist noch bei weitem weniger erhebend. So wenig, daß ich fürchte, eines Tages meine heroische Neigung zu entdecken und Hadas Formular auszufüllen.
Das hat er zwar nicht getan, aber einen Urlaub hat er bekommen, um ein Hörspiel zu schreiben. Seine Kontakte können nicht schlecht gewesen sein, sonst wäre es ihm nicht gelungen, sich erneut ins Geschäft zu bringen. Am 13.März berichtet er seinem Freund Kuhnert davon, daß Gerd Fricke einen Arbeitsurlaub für ihn erwirkt habe, und daß seine Arbeit vorankomme, wenn auch mühsam.
Die Lady Hamilton, auf die ich ein Auge geworfen hatte, war inzwischen schon in Hamburg aufgetaucht und nun mußte in aller Eile ein neuer Stoff gesucht werden. Von der ganzen schönen Liste, die ihr in Berlin ausgearbeitet hattet, soll indessen kein einziges mehr bearbeitet werden.
Es scheint also insgesamt wenig herausgekommen zu sein bei der Tagung und dem anschließenden Sonderauftrag. Was sicher nicht an der mangelnden Bereitschaft der Autoren gelegen haben dürfte.
Und auf die Ressourcen des eigenen Genius und auf die geschlossenen Bibliotheken angewiesen, brauchte ich, trotz aller Hilfe der Funkleute eine Woche, ehe ein Stoff gefunden war, der vor allem an sämtlichen Stellen keine Bedenken erregte. Nun ist es der Streik der Goldminenarbeiter 1922 in Johannesburg.
Den hatte im übrigen auch Hans Grimm in seinem von den Nazis sehr geschätzten Roman Volk ohne Raum ausführlicher behandelt, worauf in einer Presseankündigung von Eichs Hörspiel ausdrücklich hingewiesen wurde35, wahrscheinlich, um den Stoff noch einmal abzusichern,
ein Thema, das ich mit entsetzt gerungenen Händen ablehnte, wäre ich Propagandaministerium. Ich nehme auch an, daß es nie gesendet wird, was zwar schade wäre, wegen meiner Pleite, aber Urlaub werde ich gehabt haben.
Eich wählte mithin einen Stoff, bei dessen Auswahl ihm Funkleute geholfen hatten, und den er selbst für propagandistisch fragwürdig hielt. Er schien sich von ihm zu distanzieren, entschuldigte sich mit Urlaub, rang mit sich, wäre viel lieber bei Kuhnert, draußen, am Main, im Frühling. Stattdessen, schrieb er an Kuhnert,
laufe ich umher und denke mit Entsetzen, wie schlecht ich meine Freiheit und den Frieden genutzt habe. Sollte es diese beiden Dinge jemals wieder geben, werde ich die Hälfte des Jahres auf Reisen gehen und außerdem nie wieder einen Landboten schreiben. (Dieser blüht munter fort und eben wegen selbigem habe ich gerade großen Krach mit Martin, der zwei Tage hier ist.)36
Eich äußerte deutliche Selbstzweifel am Sinn seiner Arbeit der vergangenen Jahre. Er hatte seine literarische Karriere wie viele seiner Freunde im Umkreis der Zeitschrift Die Kolonne begonnen, deren Herausgeber Martin Raschke und Artur A. Kuhnert waren, und in den 30er Jahren allzusehr auf den Rundfunk als Auftraggeber gebaut. Nach den Erfahrungen aus den Jahren der Weimarer Republik, in denen sich das Medium bemüht hatte, apolitisch zu erscheinen, und einer Debatte unter Literaten, die immer wieder darauf verwies, daß nunmehr die Möglichkeit gegeben sei, den Schriftsteller in einen »Sprachsteller«37 zurückzuverwandeln, mochten sie den Rundfunk für das für sie geeignete Publikationsorgan halten. Auch die Programmkonzepte der Nationalsozialisten mit ihrer antizivilisatorischen Affekten entspringenden Neigung zur Idyllenproduktion kamen ihnen entgegen, zumal auch Goebbels selbst sich bei der Bestimmung des Zwecks des Mediums an den Idealen der Klassik zu orientieren schien, und von ihm »Erhebung und Erbauung« forderte.
Es geht nicht so sehr darum, ein schweres und ernstes Programm, das am Ende nur ein Bruchteil des Volkes erfassen kann, zu senden, sondern vielmehr darum, den breiten Millionenmassen unseres Volkes in ihrem schweren Daseinskampf soviel wie möglich Entspannung, Unterhaltung, Erhebung, Erbauung zu vermitteln.38
Das klingt bis heute sehr aktuell. Warum also nicht mitmachen? Der Rundfunk sollte im Dienste von »Kraft durch Freude« stehen, die nationalsozialistische Rundfunkpolitik unter dem Schlagwort »Freude und Gemeinschaft«. Für das Winterprogramm 1936/37 war das der offizielle Titel.
Fünf Sendungen von Günter Eich, drei von Artur A. Kuhnert, zwei von Martin Raschke, zwei von Hans Rehberg, zwei von Josef Martin Bauer, eine von Peter Huchel waren darin angekündigt. Damals stand das Programm unter dem Motto »Freude und Gemeinschaft«, im Frühjahr 1940 unter dem Motto »Englische Politik am Pranger« und die Autoren waren ihrem Arbeitgeber treu geblieben. Obwohl auch ihnen nicht verborgen geblieben sein konnte, daß auch das Unterhaltungsprogramm nur Teil einer übergeordneten Propagandastrategie war. Diese Autoren lebten offenbar mit »gespaltenem Bewußtsein«39. Und das empfanden sie selbst sehr deutlich, wie aus Eichs Brief an Kuhnert vom 20.4.1940 deutlich wird: »Mein Hörspiel ist mit Ach und Krach fertig geworden und ist ein jammervolles Werk .«
1940 gab es kein Ausweichen in Unterhaltungswelten mehr. Da gab es deutliche politische Vorgaben und die Funkleute waren bei der Auswahl der Stoffe »behilflich«.
Nicht mehr lange, dann gab es gar keine Hörspiele mehr. Am 31. April 1940 forderte der Sicherheitsdienst der SS seine Spitzel auf, sich in seinen SD-Berichten der kommenden vierzehn Tage besonders die Meinung der Bevölkerung über die Hörspiel-Sendungen zu erfragen, wobei davon ausgegangen wurde, daß es sich um »politische Rundfunkhörspiele« handele?40 Exemplarisch sei der Bericht aus Karlsruhe vom 15. April 1940 zitiert:
Der Wert dieser Sendung wird besonders darin gesehen, daß durch sie die Überzeugung von der Alleinschuld der Westmächte an diesem Krieg eine wesentliche Stärkung erfährt, wie auch durch die Darstellung des englischen Vorgehens gegen die Inder und Buren die Brutalität und Scheinheiligkeit des englischen Charakters für jeden Volksgenossen zum festen Begriff wird. (...) Aufgrund dieser Hörspiele würden die Engländer als die Todfeinde Deutschlands erscheinen, die in gewinnsüchtiger Weise diesen Krieg vorbereitet hätten und voll dafür verantwortlich seien.
Obwohl Günter Eichs Hörspiel zum Zeitpunkt der SD-Umfrage noch gar nicht fertig, geschweige denn gesendet war, geben die Berichte Hinweise auf die Rezeptionshaltung, auf die es bei seiner Sendung stoßen mußte. In der abschließenden Zusammenfassung der Berichte heißt es, daß die Hörspiele geeignet gewesen seien, »dem Volke einerseits in knapper Form die geschichtliche Entwicklung unserer Gegner nahezubringen und (...) andererseits eine glänzende Propagandawaffe« darstellten. Dieser Bericht wurde den Funkhäusern zugeleitet, schien dort aber auf ebenso geringes Interesse zu stoßen wie im RMVP. In einem Vermerk des Sicherheitsdienstes vom 5. Oktober 1940, ein halbes Jahr nach der Aktion, wurde festgehalten, »daß durch die Politik der dafür zuständigen Stellen im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und der Reichssendeleitung im Laufe der letzten Jahre das Hörspiel im deutschen Rundfunk buchstäblich tot gemacht wird.« Als Beleg wurden die Spielleiter und Dramaturgen Ottoheinz Jahn und Harald Braun genannt, die ebenso zum Film abgewandert seien wie »die bekannten Hörspielautoren A. Artur Kuhnert, Günter Eich und Alfred Prugel«. Handschriftlich war hinzugefügt worden: »Nichts zu machen. Goebbels lehnt das Hörspiel grundsätzlich ab.« Damit war das Ende des literarisch anspruchsvolleren Hörspiels im nationalsozialistischen Rundfunk markiert.
Und bis zu diesem Moment, bis zum letztmöglichen Augenblick also, hat Günter Eich für dieses Medium gearbeitet. Obwohl er weder den Führer und seine Politik verherrlichte, noch Goebbels-Parolen verbreitete und sein Hörspiel Rebellion in der Goldstadt im Vergleich zu dem, was Rehberg oder auch sein Freund Kuhnert schrieben, relativ harmlos war, hatte er sich dennoch dem Kontext des Gesamtprogramms angepaßt, sich den politischen Vorgaben untergeordnet. Und dies nicht ahnungslos. Günter Eich wußte, in welchen Zusammenhang er seine Arbeit stellte, er wußte von dem Dichtertreffen im Januar und vermutlich auch der Sonderaktion Hanns Johsts.
»Schuldlos blieben nur wenige, aber die Schuld bestand doch wohl darin, daß sie Zeitgenossen sehr vieler waren«, schrieb Peter Horst Neumann im Frühjahr 199341. Die Frage ist nur, wie weit Zeitgenossenschaft geht! Wann ist der Punkt gekommen, an dem man sich verweigern muß? Und verweigert hat sich Eich kaum. Die Rebellion in der Goldstadt beweist eher das Gegenteil.
In der Debatte um Günter Eich und sein Hörspiel ging es stets um mehr als um die Klärung historischer Tatsachen, es ging um die Funktion von Literatur im politischen Kontext und um die Frage, ob ein Schriftsteller sich diesem Kontext entziehen kann oder muß. Und es zeigte sich: Eich hätte 1940 kein Hörspiel mehr schreiben müssen, wenn er es nicht gewollt hätte. Schon gar keines, das den deutlichen politischen Vorgaben folgte. Er hat von sich aus die Initiative ergriffen, gezwungen war er nicht, weder politisch, noch ökonomisch. Um im Bild der vielzitierten Passage aus seinem Hörspiel Träume zu bleiben, er war vielleicht kein Teil des »Getriebes«, wie die ausgesprochenen Nazi-Dichter Hans-Jürgen Nierentz, Eberhard Wolfgang Moeller oder Rudolf Stache, »Öl« war er schon. Die Rebellion in der Goldstadt setzte der anti-englischen Kampagne nicht nur keinen Widerstand entgegen, sie hielt sie durchaus am Laufen. Ob er sich dabei innerlich distanzierte, ist zunächst sekundär, da äußerlich, für den Hörer des Hörspiels, eine Distanz nicht spürbar wurde. Sie könnte allenfalls ein Licht auf den Zweispalt werfen, in dem Eich sich befand, und der typisch war für seine Zeit - einen Zwiespalt, den es in den folgenden, den Nachkriegsjahren zu überdecken galt.
Günter Eich ist ein exemplarischer Schriftsteller der Mitte dieses Jahrhunderts. (...) Ein Stück Deutschland, aus dem die Bundesrepublik werden konnte.42
Deshalb war der Streit um Eich so heftig entbrannt, deshalb bezeichnete Jürgen Busche den Versuch Axel Viereggs, Eich in die Nähe der Nazis zu rücken, als bloßen Akt der Wichtigtuerei. Es geht nicht nur um den Eich der Nazi-Zeit, sondern um den der Gruppe 47, um den Günter Eich, der entscheidenden Anteil am Entstehen der Nachkriegsliteratur hatte. Und der darf offenbar auf keinen Fall beschädigt werden, weil sonst wohl die Glaubwürdigkeit der deutschen Nachkriegsliteratur insgesamt beschädigt werden könnte und damit auch das Selbstverständnis einer ganzen Generation, die sich auf diese Autoren berufen zu können glaubte. Schon in der Auseinandersetzung zwischen Raddatz und Reich-Ranicki 1979 klang dies an. Und auch 1993 ging es nicht nur um literaturhistorische Fragen; nach wie vor, und nach der deutschen Vereinigung besonders, geht es um die moralische Frage nach der Schuld, darum, wie Schuld vermeidbar ist. Eine Schuld, die sich politisch nichts zu Schulden kommen ließ, die schuldlose Schuld der Literatur.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Photokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Rechteinhabers reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme weiterverarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
1Günter Eich; zit. nach Joachim W. Storck: Günter Eich; Marbacher Magazin 45/1988; S.82
228.10.1993 NDR, SFB; 31.10.1993 HR
3»Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt...«; Die Zeit, 12.10.1979
4»Verleumdung satt Aufklärung«; FAZ 18.10.1979; es folgten zwei Repliken von F.J. Raddatz in der Zeit vom 26.10.1979 und 9.11.1979, dort auch Stellungnahmen von Marion Gräfin Dönhoff, Wolfgang Hildesheimer, Rolf Schneider, Thomas Brasch, Alfred Andersch, Erich Fried, Hans Mayer, Rolf Hochhuth und Robert Minder.
5Günter Eichs Rundfunkbeiträge in den Jahren 1933-1940. Eine kommentierte Neuaufstellung; in: Rundfunk und Fernsehen, 32.Jg. (1984) H.1, S.83-96; der Aufsatz basiert auf der 1982 abgeschlossenen Dissertation von Cuomo, die 1989 erschien: Career at the Cost of Compromise; Amsterdam 1989
6Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1991
7Eggingen 1993
8Wichtigtuerei; Süddeutsche Zeitung, 16.4.1993
9Im Grenzbereich von Groteske und Infamie; Stuttgarter Zeitung, 23.4.1993
10Günter Eich und der Hörfunk im Nazi-Statt; Neue Zürcher Zeitung, 6.5.1993
11Königswusterhäuser Landbote; FAZ, 27.4.1993
12Sie befindet sich ebenso wie das Tondokument im DRA in Frankfurt a.M.
13Ein kleiner Stachel; Die Zeit, 28.10.1993
14Strammstehen für Goebbels, Geld und Urlaub; FAZ, 30.10.1993
15Rebellion in der Goldstadt; FR, 28.10.1993
16FR, 2.11.1993
17Transkript des Hörspiels von W.W.
18J.W. Storck: Eichs widerborstiges »Goldstadt«-Hörspiel; FAZ, 8.11.1993
19Das Manuskript befindet sich im Nachlaß Kuhnert; Ursendung: 2.4.1940; Berlin (Regie: Gerd Fricke)
20Vgl. z.B. den Bericht über Frontberichterstattung unter dem Titel »England entlarvt« in der Südwestdeutschen Rundfunk-Zeitung vom 12.-18.5.1940
21Nationalsozialistische Rundfunkkorrespondenz, 21.2.1940, mehrfach nachgedruckt von diversen Rundfunkprogrammzeitschriften
22ebd.
23Ursendungen im Deutschlandsender: Suez: 6.10.1939 (Regie: Gerd Fricke), Faschoda: 13.10.1939, Kapstadt: 25.1.1940
24Ursendung: 21.12.1939 (Deutschlandsender, Regie: Gerd Fricke)
25Ursendung: 17.8.1939 (Reichssender Hamburg)
26Kuhnert: Die Mission des Dr. Mackenzie: 2.4.1940 (Deutschlandsender), Erika ganz groß: 16.4.1940 (Deutschlandsender), Serenade unter den Sternen: 24.5.1940 (Reichsender Danzig), Kirschen aus Nachbars Garten: 6.6.1949 (Reichssender Leipzig); Huchel: Die Greuel von Denschawai: 23.1.1940 (Reichssender Danzig), 5.4.1940 (Reichssender Breslau), Hermann und Dorothea (Hörspielbearbeitung nach Goethe): 17.3.1940 (Reichssender Leipzig)
27Zur Rekonstruktion dieser Tagung vgl. Südwestdeutsche Rundfunk-Zeitung, 16.Jg. (1940), H.6, Nationalsozialistische Rundfunkkorrespondenz vom 31.1.1940, 14.2.1940, 20.3.1940 sowie Aussagen der Teilnehmer an der Tagung Gerd Eckert und Friedrich Wilhelm Hymmen in Gesprächen mit W.W.; vgl. zudem: W. Wessels: Hörspiele im Dritten Reich; Bonn 1985, S.295ff.
28Zit. nach »Dichtertagung im Berliner Rundfunkhaus«; in SRZ, 16.Jg. (1940), H.6, S.2
29Gerd Eckert, maßgeblicher Hörspielkritiker und als solcher auch zu der Tagung eingeladen, erinnert sich an Stache als deren Initiator. Stache war selbst ein Verfechter und eifriger Autor des politischen Kurzhörspiels; vgl. dazu: W. Wessels: Hörspiele im Dritten Reich; Bonn 1985, S.308ff., 498ff.
30Dazu finden sich in den Privatakten von Hanns Johst im Bundesarchiv Koblenz unter R 56 V 23 entsprechende Unterlagen.
3122.4.1949; ebd.
329.2.1940; ebd.
33Otto Brües z.B. erhielt noch im Februar 1940 auf ein entsprechendes Schreiben Johsts hin 10 Tage Sonderurlaub für die Ausarbeitung eines Entwurfs.
34Das war nicht verwunderlich; Hadamovsky war ab 1. Februar in Personalunion zusätzlich Leiter der Abteilung Rundfunk im RMVP
35Nationalsozialistische Rundfunkkorrespondenz, 24.4.1940, Bl. 8-9
36Martin Raschke schrieb den Königswusterhäuser Landboten nach Günter Eichs Rekrutierung allein weiter. Am 9.5.1940, einen Tag nach der Ursendung von Eichs Hörspiel, stand die Mai-Ausgabe auf dem Programm.
37So Alfred Döblin auf der Tagung Dichtung und Rundfunk 1929; Dichtung und Rundfunk. Reden und Gegenreden; Berlin 1930
38J. Goebbels: Ansprache zur Eröffnung der 16. Großen Deutschen Rundfunk- und Fernsehausstellung 1939; Aufnahme und Transkript im DRA Frankfurt a.M.
39Hans Dieter Schäfer: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933-1945; Frankfurt a.M. 1984
40vgl. den entsprechenden Vorgang im Bundesarchiv Koblenz R58/1089
41NZZ, 6.5.1993
42Jürgen Busche: Wichtigtuerei; Süddeutsche Zeitung, 16.4.1994