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Autor: Zehnder, Matthias.
Titel: Extremismus im Internet.
Quelle: Matthias W. Zehnder: Gefahr aus dem Cyberspace? Das Internet zwischen Freiheit und Zensur. Berlin 1998. S. 55-84.
Verlag: Birkhäuser Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Matthias W. Zehnder
Extremismus im Internet
Pornographische oder - abgeschwächt - «unsittliche Inhalte» sind die mit Abstand am häufigsten beanstandeten Inhalte im Internet. Daneben gibt es eine Reihe anderer gefährlicher Inhalte, die allerdings alle weit weniger häufig in der Öffentlichkeit diskutiert werden als Pornos. An erster Stelle sind politisch radikale Inhalte - etwa von Neonazis - zu nennen, aber auch Inhalte anderer extremer Gruppierungen, seien sie religiöser oder krimineller Natur.
Presse, Funk und Fernsehen beschäftigen sich wohl nicht deshalb weniger mit diesen Gefahren, weil sie nicht präsent oder plausibel wären, sondern vielmehr, weil diese Themen für Medien weniger «attraktiv» sind. Wenn an einem Zeitschriftenkiosk zwei Magazine ausliegen und das eine über «Cybersex», das andere über «politischen Extremismus im Internet» berichtet, dann ist die Wahl der meisten Menschen wohl eindeutig und demonstriert damit gleichzeitig die Doppelbödigkeit, mit der sich Medien über nackte Haut im Internet empören. Dabei spielen Gewaltdarstellung, Rassendiskriminierung, politischer Extremismus und sogar Cyberterrorismus im Internet mengenmäßig eine ähnlich große Rolle wie Pornobilder.
Auf durchaus vergleichbare Weise wie bei der Pornographie scheinen sich auch extreme politische Inhalte durch Ausweichen auf immer neue Medien dem Zugriff der Behörden zu entziehen. An erster Stelle sind hier neofaschistische und rechtsradikale Inhalte zu nennen; im Internet findet sich aber auch linksextremes, terroristisches, anarchistisches und politisch schlicht absurdes Material. Einer der prominentesten Vertreter rechtsextremen Gedankenguts ist Ernst Zündel, der von Kanada aus seit Jahren mit seiner «Zündelsite» 1 für Aufruhr im Internet sorgt. In Deutschland sind seine Schriften längst verboten, über das Internet kann er seine Gedanken jedoch frei verbreiten. Zündel wurde 1939 in Calmbach im Schwarzwald geboren und wanderte mit 19 Jahren nach Kanada aus. In Toronto traf er Adrien Arcand, einen französischen Schriftsteller und Parteiführer einer deutschfreundlichen, nationalsozialistischen Christlichen Partei. Arcand nahm sich des Deutschen an und «verstand es, das Gift der Umerziehung und des von den alliierten Umerziehern gefälschten Geschichtsbildes mit der historischen Wahrheit aus Originalquellen und Büchern zu begegnen», wie Zündel selbst auf seiner Website beschreibt. 2 Unter Arcands Einfluß «trat bald eine Entgiftung und Gesundung» von Zündels Denkweise ein.
Zündel veröffentlicht auf der Zündelsite Texte, welche die Ermordung der Juden durch die Nazis leugnen und «beweisen», daß Auschwitz, Birkenau und andere Konzentrationslager keine Vernichtungslager gewesen sein können. Großen Raum nimmt die Dokumentation der Prozesse ein, die gegen Zündel geführt worden sind.
Unter den Dokumenten befindet sich auch der berüchtigte Leuchter-Report. Es handelt sich dabei um ein Gutachten des amerikanischen Ingenieurs Fred A. Leuchter, eines Spezialisten für Hinrichtungstechniken, das im Auftrag der Verteidigung von Zündel im Rahmen eines Prozesses erstellt worden ist. Leuchter ist im Februar 1998 nach Auschwitz, Birkenau und Lublin gereist, hat die Gaskammern untersucht, Gesteinsproben entnommen und ist zu dem Schluß gekommen, daß die Räume nicht als Gaskammern gedient haben können.
Im Februar 1996 wurde es der deutschen Staatsanwaltschaft zu bunt. Die Beamten gingen gegen die rechtsextremen Inhalte vor und verklagten T Online und CompuServe. Gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel erklärte der zuständige Mannheimer Staatsanwalt Hans-Heiko Klein: «Wenn draußen jemand Nazischriften verteilt, muß ich hinterher. Es kann doch nicht sein, daß sich einer das gleiche Zeug gemütlich auf seinen Computer lädt und grinst. » 3 T Online sperrte daraufhin den Zugang zum Server, auf dem Zündel seine Website publiziert hatte. Allerdings nützte der Vorstoß wenig: Amerikanische Studenten, die sich für ein freies Internet einsetzen wollten, kopierten die Site und publizierten sie auf den Rechnern ihrer Universitäten. Im Nu waren die Machwerke von Ernst Zündel von mehreren anderen Adressen aus abrufbar. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hat im August 1996 die Website von Zündel auf den Index gesetzt, doch die Auseinandersetzung um Zündel war seiner Popularität leider nur zuträglich. Ernst Zündel ist mittlerweile international bekannt, es gibt sogar eine Newsgruppe für Zündel-Fans. 4
Websites wie die von Zündel gibt es zu Dutzenden. Zu nennen wäre etwa die umfangreiche Website «Rudolf-Hess.org» über Rudolf Hess, den Stellvertreter Adolf Hitlers, der als «größter Märtyrer» des Zweiten Weltkriegs gefeiert wird. 5 Das «Nationaljournal» 6 präsentiert sich als «Kampfgemeinschaft gegen antideutsche Politik und für die Wiederherstellung der Menschenrechte in Deutschland» im «Gedenken an den ungesühnten Völkermord an zehn Millionen Deutschen (1939-1946)» mit schon fast grotesken Artikeln, etwa: «Der Sklavenhandel lag in jüdischen Händen! » Gleich seitenweise finden sich hier revisionistische und antisemitische Inhalte. Das «NPD.net» 7 präsentiert sich gar als «Nationaler Provider Deutschlands» mit den Websites der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands und anderen Inhalten ähnlicher Gesinnung.
An solche Inhalte heranzukommen ist einfach: Das amerikanische Internet-Verzeichnis Yahoo! etwa listet in der Kategorie «History: 20th Century : Holocaust, The» eine eigene Gruppe von Websites unter dem Titel «Holocaust Revisionists» auf und bietet sechs Links an, einer davon verweist auf die «Zündelsite» 8 Die britische Version von Yahoo! 9 listet dieselben Websites auf, die deutsche Version von Yahoo! 10 kennt keine Revisionistenkategorie. Weil erfolglose Suchanfragen vom Verzeichnis allerdings automatisch an die amerikanische Suchmaschine Altavista 11 weitergeleitet werden, tauchen ähnliche Links auf, wenn man nach «Zündel» oder «Revisionist» sucht.
Die große Verbreitung revisionistischer Inhalte ist kein Zufall. Das Institute for Historical Review (IHR) in Kalifornien, eine pseudoakademische Institution, ist einer der wichtigsten Treffpunkte derer, die den Holocaust leugnen. In ihrem Journal of Historical Review schrieb das IHR bereits 1995, daß die Informationsschlacht in Zukunft auf dem Internet ausgetragen werde. 12 Das Internet sei, anders als Bücher und Zeitschriften, billig, weltweit verfügbar und nicht konfiszierbar, es eigne sich deshalb hervorragend als Publikationsmittel.
Neben den Revisionisten gibt es eine ganze Reihe weiterer Gruppierungen der extremen Rechten, die sich zunehmend im Internet bemerkbar macht. In Amerika sind es vor allem radikale Rassisten im Umfeld des Ku-Klux-Klans, die sich des Internets bedienen, aber auch Gefolgsleute von Nationalisten wie Julius Evola, Georg und Gregor Straßen. 13 Der Ku-Klux-Klan unterhält gar ein offizielles, elektronisches Hauptquartier 14 unter einer Adresse in der «org»-Domäne, die nur Non-Profit-Organisationen vorbehalten ist.
Der «Gegenseite», zum Beispiel den Nazijägern vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles,15 sind die elektronischen Aktivitäten der Braunen wohlbekannt. Laut Rick Eaton, einem der bekanntesten Nazijäger des Zentrums, organisieren sich Rechtsextreme seit drei Jahren weltweit über das Internet. 16 Laut Eaton nimmt die Zahl der abrufbaren Seiten sehr schnell zu. 1995 sei erst ein einziges Angebot aufgeschaltet gewesen, heute seien es Hunderte und täglich tauchten neue Websites auf. Internet-Spezialisten vom Simon Wiesenthal Center versuchen, mit der Entwicklung Schritt zu halten und die Aktivitäten der rechtsextremen Gruppierungen im Internet zu dokumentieren. Viel mehr können sie nicht tun: Die Veröffentlichung von neonazistischem Gedankengut ist in den meisten Ländern nicht strafbar.
Natürlich macht nicht nur die politische Rechte Material über das Internet zugänglich, sondern auch linke und anarchistische Gruppierungen. Geradezu berühmt ist die in Deutschland verbotene Autonomenzeitschrift Radikal 17 Bekannt wurde die Zeitschrift in Deutschland wegen einer fast grotesken Prozeß-Serie gegen die PDS-Politikerin Angela Marquardt: Sie war der Beihilfe angeklagt worden, weil sie im Zusammenhang mit einem Artikel über Pressezensur auf ihrer Homepage 18 einen Link auf die Seite von Radikal in Holland gesetzt hatte. In einer Ausgabe der Zeitschrift ruft Radikal zur Sabotage von Eisenbahngleisen auf - Frau Marquardts Link sei deshalb Beihilfe, befand der Staatsanwalt. Das Berliner Amtsgericht Tiergarten sprach die Angeklagte am 30. Juni 1997 jedoch frei. Das Gericht urteilte, Frau Marquardt könne nicht für die Inhalte auf der Website von Radikal verantwortlich gemacht werden, zumal sie den Link gesetzt hatte, bevor der inkriminierte Aufruf auf der Site auftauchte. Die Staatsanwaltschaft gab jedoch nicht auf und legte Berufung gegen den Freispruch der Politikerin ein. Darüber hinaus klagte sie im Oktober 1997 gegen Frau Marquardt, weil diese die Anklageschrift aus dem letzten Verfahren im Internet veröffentlicht habe. Angela Marquardt gab an, sie habe den Text nicht im Internet veröffentlicht, sondern lediglich einigen Freunden Kopien davon gegeben. Sie sei sich einer Straftat nicht bewußt gewesen, schließlich habe man in den Berliner Zeitungen auch alle Details aus der Anklageschrift gegen Egon Krenz lesen können. Nichtsdestotrotz wurde Marquardt zu einer Buße von tausend Mark verurteilt. Die Staatsanwaltschaft gab jedoch keine Ruhe und verklagte Marquardt gleich nochmals wegen «Verbreitung verbotener Mitteilungen», diesmal wurde Marquardt allerdings freigesprochen, weil es sich bei dem Dokument aus dem zweiten Prozeß nur um einen Brief der Staatsanwaltschaft handelte.
Im März 1998 hob das Landgericht Berlin schließlich das Urteil des Amtsgerichts Tiergarten vom November 1997 wegen «Verbreitung verbotener Mitteilungen» wieder auf, und Frau Marquardt wurde die Buße von tausend Mark erlassen. Die Prozeßserie war vor allem eines: gute Werbung für die Website von Radikal.
Im Unterschied zu rechtsextremen Gruppierungen, die das Internet lediglich als günstiges Propagandamedium begreifen, verknüpfen viele linke oder anarchistische Gruppierungen mit dem Internet selbst ideologische Anliegen. Sie sehen im Internet die Utopie einer gerechteren Gesellschaft realisiert, in der jedermann freien Zugang zu Informationen hat und auch selbst Informationen publizieren kann. Weil es keine großen Mittel braucht, um eine Homepage zu publizieren, sehen sie das Monopol der Großkonzerne und der Meinungsindustrie geknackt. Das Internet ermöglicht eine Telekratie, die den einzelnen an jeder Entscheidung beteiligt. 19 Wir werden auf diesen Aspekt noch zurückkommen.
Daß sich extreme politische Gruppierungen modernster technischer Mittel bedienen, um ihre Anliegen durchzusetzen, ist allerdings nichts Neues und auch nicht auf das Internet beschränkt. Bereits 1995 haben etwa die Ayatollahs die islamische Revolution auf den PC ausgedehnt. Die streitbaren geistlichen Führer Irans haben Computerspiele entwickelt, die islamische Moral und Wertvorstellungen fördern sollen.
Wie im erotischen Bereich, wo nach vereinzelten privaten Angeboten extremen Inhalts auch die großen kommerziellen Anbieter von erotischen Bildern ihre Offerten im Internet aufschalteten, sind heute in allen westlichen Ländern auch die gemäßigten politischen Gruppen, Lobbies, Verbände, Parteien und die Regierungen mit Angeboten im Internet präsent. Die großen Parteien haben meistens aus Anlaß eines Wahlkampfes Angebote im Web realisiert und die Seiten später weiterbetreut.
Einer der ersten westlichen Regierungsvertreter, der offiziell per E-Mail erreichbar war, war der amerikanische Präsident Bill Clinton. 20 Als Clinton 1996 wieder kandidierte, spielten die Wahlkampf-Websites von Clinton und Bob Dole schon eine recht große Rolle. Laut Umfragen haben immerhin zehn Prozent der Wähler ihre Wahlentscheidung aufgrund von Informationen aus dem Computernetz gefällt. Bereits in seinem ersten Wahlkampf 1992 hatte sich Clinton das Schlagwort vom «Information-Superhighway» auf die Flagge geschrieben und nach seinem Einzug ins Weiße Haus das Internet entsprechend gefördert. Später sind auch in den europäischen Ländern politische Angebote aufgeschaltet worden. 21 Dabei sind es nicht immer die progressiveren Parteien, die das Internet zuerst erobern. In England entdeckten im Wahlkampf 1997 die Tories als erste das Computernetzwerk. 22 Der Parteivorsitzende Brian Mawhinney erklärte gar, das Internet sei das «zentrale Wahlkampfmittel». Genutzt hat es allerdings wenig: Am 1. Mai 1997 wählten die Briten die Labour Party.
1996 galt die Website des damaligen japanischen Premierministers Ryutaro Hashimoto als populärste Website Japans. 23 Zwei Millionen Japaner gingen auf das Angebot jeden Monat ein. Am besten besucht war die virtuelle Tour durch die Residenz des Premierministers, die Fotogalerie und das Kommentarforum, in dem die Besucher Hashimoto ein E-Mail schicken konnten. Per Mail erreichte den Premier nicht nur Lob, auch Kritik fand ihren Weg durch das Internet. Am häufigsten kritisiert wurde das Verhalten der Regierung in der Vergiftungsaffäre der Aun-Sekte - und Hashimotos Frisur.
Ein interessanter Fall ist eine Website von Greenpeace über Gentechnologie, die von den Umweltaktivisten unter der Adresse «www.novartis.ch» publiziert wird. Die Manager der beiden Schweizer Chemiekonzerne Ciba und Sandoz hatten zwar verdeckt die Adresse «www.novartis.com» reservieren lassen, es aber versäumt, gleiches mit der Schweizer Adresse zu tun. Greenpeace bemächtigte sich der Adresse und publizierte auf der Seite Informationen über Gentechnik aus der Sicht der Umweltaktivisten. Heute ist unter der Adresse eine Verzweigerseite untergebracht, welche zum einen auf das offizielle Internet-Angebot von Novartis und zum anderen auf eine kritische Website über Gentechnik weiterleitet. 24
Ganz ähnlich, wie sich rechtsextreme Gruppierungen über das Internet vernetzen und ihre braune Sicht der Welt verbreiten, nutzen verbotene Oppositionsgruppierungen in totalitären Staaten das Internet als effizientes Informationsinstrument. In den jeweiligen Staaten werden diese Inhalte der Opposition natürlich genauso verfolgt, wie die Mitarbeiter des Simon Wiesenthal Centers die Inhalte der Rechtsradikalen verfolgen.
Nachdem in China das Internet verschiedentlich von Dissidenten dazu verwendet worden war, Informationen über Menschenrechtsverletzungen publik zu machen, beschloß die chinesische Regierung Anfang Januar 1998, die Inhalte im Internet schärfer zu kontrollieren. Das Netzwerk sei dafür verwendet worden, «Staatsgeheimnisse und schädliche Informationen» zu verbreiten. Zhu Entao, stellvertretender Minister für Volkssicherheit, hat neue Regeln verabschiedet, die auch vor Hackern, Viren und anderen Computerverbrechen schützen sollen. Das Regelwerk enthält allerdings auch klare politische Vorschriften. Ein Artikel verbietet die Verwendung des Internets zur «Spaltung des Landes», ein Hinweis auf die separatistischen Bewegungen in Tibet. Das Verbot der «Diffamierung von Regierungsstellen über Internet» richtet sich an die chinesischen Dissidenten. Das Gesetz umfaßt explizit auch Informationen, die aus Hongkong, Macao und Taiwan eingespeist werden. Etwas später relativierte die chinesische Regierung, daß sich Hongkong der chinesischen Internet-Kontrolle nicht unterwerfen müsse. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärte jedenfalls Anthony Wong, der Generaldirektor für Telekommunikation von Hongkong, die ehemalige Kronkolonie werde ihren Internet-Zugang selbst regulieren und eigene Gesetze entwickeln - die Gesetze Hongkongs würden in China nicht gelten und umgekehrt. Laut Wong unterliege das Internet der Politik von «Ein Land, Zwei Systeme». Diese von Wong proklamierte freiheitliche Internet-Politik Hongkongs ist insbesondere deshalb delikat, da dort bereits verschiedene Websites aufgeschaltet worden sind, welche die chinesische Politik in Tibet und Verletzungen der Menschenrechte kritisieren.
Saudi-Arabien geht noch einen Schritt weiter als China: Den Bürgern des Landes sind nur jene Teile des Internets zugänglich, die in den Augen der Mächtigen Gnade finden. Inhalte, die gegen die religiösen und moralischen Werte des Landes verstoßen, werden ferngehalten. Dies erklärte der Chef des staatlichen Forschungszentrums König Abdul-Asis, Mohammed el Adl, gegenüber der Tageszeitung Saudi Gazette im November 1997. Sein Institut entwickelte die technischen Hilfsmittel zur Blockierung von einzelnen Netzteilen. Den Saudis bereiten nicht nur die pornographischen Bilder Sorgen, sondern vor allem die Tatsache, daß im Internet unkontrollierte Nachrichten verbreitet werden könnten - in Saudi-Arabien herrscht eine strenge Pressezensur. In anderen Golfstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Kuwait, Oman, Bahrain und in Katar gibt es keine solche Zensur, dort existieren schon länger Internet-Provider. Allerdings ist in diesen und anderen arabischen Staaten der Zugang zum Internet ebenfalls nur über staatliche Proxy-Server möglich, wo politisch, kulturell oder sozial anstößige Inhalte ausgefiltert werden. Die Netzbenutzer können nur über diese staatlichen Zwischenspeicher auf das Netz zugreifen. Die Seiten werden also nicht direkt vom Anbieter geladen, sondern ausschließlich aus dem Zwischenspeicher abgerufen - so lassen sie sich einfacher kontrollieren. Als Reaktion auf die vielen unerwünschten Inhalte will der Iran die kompletten Werke von Ayatollah Khomeini, des spirituellen Führers der islamischen Revolution im Iran, im Internet anbieten. Hamid Ansari, der Leiter des für Khomeinis Schriften zuständigen Instituts, will 210 von Khomeinis Werken auf persisch und 107 Texte in 16 verschiedenen Sprachen veröffentlichen. Die anderen arabischen Staaten dürften daran keine Freude haben, denn es handelt sich dabei nicht nur um religiöse Traktate, sondern auch um jene Schriften, auf denen die islamische Revolution im Iran basiert.
Auch in Südkorea werden Teile des Internets ausgefiltert. Schlagzeilen machte im Oktober 1997 die Blockade der Onlinewelt «GeoCities». 25 Der ganze GeoCities-Bereich mit Tausenden von Homepages wurde blockiert, weil die Site «nordkoreanische Überzeugungen» vermittle. Der betroffene Teilbereich von GeoCities heißt «Vertrauen auf Chajusong», und er verehrt den nordkoreanischen Führer Kim Il-Sung. Südkorea bezeichnet die Site schlicht als «nordkoreanische Propaganda». GeoCities wollte trotz der südkoreanischen Blockade die Site nicht entfernen. GeoCities sei der freien Rede verpflichtet und versuche, fair zu sein.
Auch in europäischen Ländern kann es gefährlich sein, im Internet Kritik an der Regierung zu äußern. Das mußte der 18jährige Türke Emre Ersoz Anfang Juni 1998 erfahren: Er wurde von einem türkischen Gericht zu einer zehnmonatigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er im Internet das harte Vorgehen der Polizei gegen eine Gruppe von blinden Protestanten kritisiert hatte. Ersoz wurde für schuldig befunden, öffentlich die staatlichen Sicherheitskräfte beschimpft zu haben. Die «Beschimpfungen» waren in einem Forum von Turknet veröffentlicht worden; Mitglieder der radikalen Opposition erzählten, Ersoz habe seine Kommentare mit seinem richtigen Namen unterschrieben. Daraufhin sei er von Konservativen angezeigt worden. Der Staatsanwalt hat Ersoz' Adresse vom Internet-Provider Turknet erhalten. Ersoz argumentierte in seiner Verteidigungsrede, die Kommentare könnten nicht als öffentlich bezeichnet werden, weil sie nur Internet-Benutzern zugänglich seien.
Das Internet als Mittel, eine juristische oder sonstige Blockade zu umgehen, setzt übrigens auch der Irak ein. Saddam Hussein mag durch die Sanktionen der westlichen Länder isoliert sein - im Internet kann er sich ungehindert und für alle Welt sichtbar verbreiten. Zu Ehren seines sechzigsten Geburtstages haben Gefolgsleute von Hussein im Mai 1997 eine Website aufgeschaltet. 26 Die Site erzählt die Lebensgeschichte von Saddam und bietet auch eine Mail-Adresse für Leute, die Saddam Briefe schicken möchten. Irakische Bürger können davon allerdings keinen Gebrauch machen, weil es im Irak keine Internet-Zugänge gibt. Anschluß an das weltweite Netz erhalten nur einige regimetreue Funktionäre - die wenigen internationalen Leitungen würden mehr Verkehr wohl auch gar nicht zulassen. Exil-Iraker, die im Iraq CyberCafe 27 ihren eigenen virtuellen Treffpunkt pflegen, gaben der Saddam-Site schlechte Noten: Es handle sich um pure Propaganda. Die irakische Regierung versucht schon länger eine Website aufzuschalten, um der Welt ihre Sicht der Dinge kundzutun. Auf der Saddam-Site macht sie beispielsweise deutlich, daß sie die Bedingungen zur Aufhebung des Embargos erfüllt habe und darauf warte, daß die Welt dem Land Gerechtigkeit widerfahren lasse.
Die religiöse Gruppierung, die mit ihrem Engagement im Internet am meisten Schlagzeilen gemacht hat, ist wohl die amerikanische Sekte «Heaven's Gate», deren Mitglieder sich den Lebensunterhalt mit Webdesign verdienten. Die Sekte fiel entsprechend auch durch eine besonders schön gestaltete Homepage auf. 28 Auf die Frontseiten der Massenblätter schaffte sie es jedoch, weil sich Ende März 1997 39 ihrer Mitglieder in Rancho, Kalifornien, selbst umbrachten. Auf ihrer Website und auf Videobändern erklärten sie, daß sie in eine höhere Lebensform aufgestiegen seien - in ein Raumschiff, das sie im Schweif des Kometen Hale-Bopp vermuteten. Die Website der Sekte war noch lange nach dem Tod des Sektenführers Applewhite und seiner Getreuen aktiv. Der Webmaster beging nämlich wesentlich später Selbstmord: Charles Edward Humphrey (55) - er nahm sich erst Ende Januar 1998 in Arizona das Leben - hatte seit dem Massenselbstmord seiner Glaubensgenossen die Website der Sekte betreut. Auf seiner Brust war ein Schildchen befestigt: «Heaven's Gate - the Away Team.»
Auch andere Sekten und Glaubensgemeinschaften haben früh die Möglichkeiten des Internets für sich entdeckt. Die Palette reicht von Gurus wie Meher Baba 29 über allerlei Sekten und streitbare Glaubensgemeinschaften wie Scientology, 30 Hare Krishna 31, Eckankar, Asatru und Wicca bis hin zu den Zoroastern oder der japanischen Aun-Sekte, die für den Giftgasanschlag auf die U-Bahn in Tokyo verantwortlich war. 32 Letztere betrieb schon 1995 zwei eigene Computernetze. Als die Polizei das Hauptquartier der Aun-Sekte bereits umstellt hatte, war der japanische Datendienst Nifty-Serve ihr letzter Draht zur Außenwelt. Sektenmitglieder schickten darüber einen Hilferuf an die Öffentlichkeit ab, sie würden «religiös unterdrückt». Die Sekten schalten dabei nicht etwa bigotte Traktätchen im Internet auf, sondern bieten Werbeseiten an, die auch vielen Firmen gut anstehen würden. Die Zeugen Jehowas etwa haben als Motiv für ihre «Wachturm»-Site 33 ein aufgeschlagenes Buch mit farbigen Bildern gewählt. Hare Krishna hat auf ihrer offiziellen Homepage ein Werbebanner plaziert - die Site ist Mitglied des «Link-Exchange»-Programms und tauscht mit anderen Web-Angeboten wie etwa Yahoo-! Werbebanner aus.
Auffallend an den Angeboten der Sekten ist der hohe technische Standard der Seiten. Die Gemeinschaften haben offenbar das Internet sehr früh nicht als billiges Zweitverwertungsmittel begriffen, sondern sind sehr bewußt ins Computernetzwerk ausgewichen. Diese Handlungsweise ist keineswegs nur auf sektiererische Gruppierungen beschränkt, sondern läßt sich auch bei Mitgliedern kirchlicher Organisationen feststellen, die bei ihren Institutionen in Ungnade gefallen sind. Besonderes Aufsehen hat der Fall von Monsignore Jacques Gaillot erregt. Die Meinungen des Bischofs von Evreux in der Normandie pflegten gar zu weit von der Linie des Vatikans abzuweichen. Als er Sex in einem Interview gar als «großartig und schön» pries und erklärte, daß die Schwulen «uns im Himmel vorausgehen» würden, 34 hatte Papst Johannes Paul II. genug. Er versetzte Gaillot von Evreux nach Partenia in Nordafrika. Der Haken daran: Das Bistum gibt es seit Jahrhunderten nicht mehr. Wo einst die Vertreter des Papstes residierten, wirbelt heute der Wind ungehindert den Sand der Sahara in die Luft. Der Papst nutzt das nordafrikanische Bistum nur noch, um unliebsame Bischöfe kaltzustellen. Gaillot machte aus der Not eine Tugend und verpflanzte Partenia ins Internet. Statt sich verschämt in seine Kammer zurückzuziehen, verbreitet er seine Hirtenbriefe jetzt weltweit und erhält von begeisterten Anhängern über fünfzig E-Mails am Tag.
Die Antwort des Papstes allerdings ließ nicht lange auf sich warten. Nur wenige Monate, nachdem sich Gaillot als Bischof von Partenia im Internet gemeldet hatte, ließ sich auch ein korrektes, päpstliches «Urbi et Orbi» über das Internet abrufen. Der Vatikan hatte in unüblicher Geschwindigkeit selbst ein Web-Angebot zusammengezimmert.35 Wie Claudio Maria Celli, Vorsteher der päpstlichen Internet-Kommission bekannt gab, wolle der Papst so seinen Schäfchen noch näher sein. Das Angebot ist in den sechs Sprachen Deutsch, Französisch, Englisch, Portugiesisch, Spanisch und Italienisch abrufbar. Angebote in Chinesisch und Arabisch sollen folgen.
Auch die jüdischen Geistlichen sind im Internet präsent: Im Juni 1997 haben die obersten Rabbiner Israels eine Website aufgeschaltet. 36 Sie informieren darauf in Englisch und Hebräisch über Fragen des jüdischen Glaubens, über koschere Lebensweise und jüdische Riten und bieten die Reden der Rabbiner zum Herunterladen an. Laut Dani Ehrlich vom Obersten Rabbinat Israels liegt die Bedeutung des Angebots darin, daß Menschen in aller Welt Rat von den israelischen Rabbinern bekommen können. Die Site ist global zugänglich - außer am Sabbat natürlich. Vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Samstag ist das Angebot geschlossen.
Andere jüdische Angebote sind dem orthodoxen Stil weniger verpflichtet. Ein Beispiel ist die virtuelle Klagemauer. Wer fern der Klagemauer lebt, kann über das Internet Gott dennoch seine Wünsche mitteilen - per E-Mail. Dazu muß man sich als Bürger des «Virtuellen Jerusalems» 37 registrieren lassen. Die Mails werden in Jerusalem ausgedruckt und an die Klagemauer geheftet. Zu besonderen Feiertagen, etwa zum jüdischen Lichterfest «Hannukah», überspielt das «Virtuelle Jerusalem» zudem regelmäßig Live-Bilder der Klagemauer aufs Netz. Avin Moskovitz, der Leiter der Aktion, glaubt an deren Erfolg. Sollte die Klagemauer eines Tages nicht mehr genügend Platz für all die Bitten bieten, überlegt er sich, die Gebete einem anderen Speicher-Medium als dem Papier anzuvertrauen. Ob Gott wohl auch eine Diskette lesen kann?
Auch hierzulande sind mittlerweile eine ganze Reihe offizieller und inoffizieller Angebote der Landeskirchen oder ihr nahestehender Organisationen im Internet abrufbar. Zu nennen sind Plattformendienste etwa der katholischen Kirche in Deutschland 38oder der Verein «Pfarrer & PC».39 Bemerkenswert ist ein virtueller Gebetsraum der katholischen Kirche in Basel. Ortsansässige Katholiken müssen nicht mehr in die Kirche gehen, um zu beten, sie können ihre Anliegen Gott auch im Internet vortragen. 40Ähnlich wie im Fürbittbuch, das in manchen Kirchen ausliegt, können Katholiken im virtuellen Gebetsraum ihre Bitten niederschreiben. Diese werden dann in den Gottesdienst der Basler Pfarreien aufgenommen und manche davon später von der Kanzel herab gebetet. Die Verantwortlichen begründen das Angebot damit, es sei Aufgabe der Kirche, Gott die Anliegen der Menschen vorzutragen - auch der Menschen, die eine Kirche nicht betreten.
Bisher war nur von der Gefahr aus dem Cyberspace in Form von Veröffentlichung von Inhalten die Rede. Scientology 41 ist im Internet vor allem für das Gegenteil berüchtigt: für die Eliminierung von (kritischen) Inhalten. Der bekannteste und umfangreichste Fall ist der Kampf der Sekte gegen die Newsgruppe «alt.religion.scientology» im Usenet. 42 Die Gruppe wurde am 17. Juli 1991 von Scott Goehring gegründet und entwickelte sich schnell zu einem Diskussionsforum über Scientology. Dabei arrangierten sich Gläubige und Kritiker jahrelang in einer friedlichen Koexistenz, es existierten sogar zwei verschiedene «FAQs», also zwei verschiedene Verhaltensregeln für beide Lager. Doch die Diskussion heizte sich mit der Zeit auf und eskalierte 1994, als Chris Schafmeister, damals Student der Biophysik an der University of Califorma in San Francisco, ein Scientology-internes Memorandum in der Newsgruppe veröffentlichte. Es handelte sich dabei um Anweisungen von Elaine Siegel - offenbar von der Sicherheitsgruppe der Scientology -, wie gegen Scientology-Kritiker im Internet vorzugehen sei. Siegel forderte Scientologen auf, das Internet mit positiven Beiträgen zu überfluten und so die Kritik quasi elektronisch zu übertönen.
Die Internet-Benutzer reagierten empört auf den Versuch einer Organisation, die freie Debatte zu beeinflussen und sorgten für eine rasche Publizierung des Skandals. Die Diskussion schlug schnell hohe Wellen und zog jetzt auch gestandene Scientology-Kritiker an, darunter Dennis Erlich. Erlich war 15 Jahre lang Mitglied der Scientology gewesen und 1982 aus der Organisation ausgetreten. Seither kämpft er mit scharfen Worten und vor allem mit vielen Zitaten aus der Scientology-Literatur gegen die Sekte. Erlich verwandelte die Newsgruppe vom lauschigen Teekränzchen in ein Schlachtfeld.
Kurz vor Weihnachten 1994 begannen plötzlich Beiträge der Newsgruppe zu verschwinden. Im Usenet gibt es zwar die Möglichkeit, daß einzelne Postings gelöscht werden, aber immer nur durch den Autor selbst und nur unter Angabe eines Grundes. Auf diese Weise kann man ein irrtümlich veröffentlichtes Dokument wieder löschen, doch das ist ein komplizierter Prozeß, denn das Usenet hat ja keinen zentralen Rechner. Jeder Provider entscheidet selbst, welche Gruppen er seinen Kunden zur Verfügung stellen will, und richtet seine Rechner dann so ein, daß sie sich automatisch ständig mit anderen Servern abgleichen. Wer also einen Diskussionsbeitrag löschen will, muß den Beitrag auf allen Usenet-Servern auf der ganzen Welt löschen. Der Löschvorgang kann zudem wie gesagt nur von dem ausgelöst werden, der das Posting veröffentlicht hat - allerdings ist es nicht allzu schwierig, sich elektronisch als Autor eines Beitrags zu maskieren und diesen zu löschen.
Chris Schafmeister hatte den Verdacht, daß mehr hinter den Löschvorgängen stand, und schrieb zusammen mit einem Freund ein Programm namens «Lazarus». Das Programm meldete der Newsgruppe jede Löschung eines Beitrags aus «alt.religion.scientology» als neues Posting. Als Lazarus installiert worden war, häuften sich die Meldungen, daß Eingaben «wegen Verletzung des Urheberrechts» gelöscht worden waren - eine bei Scientology beliebte Form der Abmahnung. Helena Kobrin, eine der Anwältinnen von Scientology in Amerika, erklärte später, die Organisation habe sich gezwungen gesehen, ihre Rechte zu verteidigen und deshalb verschiedene System-Operatoren gebeten, einzelne Beiträge zu entfernen. Nur: Von kooperierenden Operatoren ist nie etwas bekannt geworden.
Die Benutzer der Gruppe begannen, sich ihrerseits mit rechtlichen Mitteln gegen die unautorisierten Löschvorgänge zu wehren. Sie schalteten das FBI ein und informierten die Provider, von denen die Löschvorgänge ausgingen. Letztere gaben nach und schlossen die Konten der «Cancel Bunnies», wie die Posting-Löscher mittlerweile genannt wurden. Allerdings wußten sich die «Cancel Bunnies» immer wieder neue Schlupflöcher zunutze zu machen.
So änderte Scientology ihre Taktik: Die Sekte ging nun auf die «Remailer-Dienste» los. Es handelt sich dabei um Internet-Dienste, die elektronische Briefe anonymisieren. Jedes E-Mail trägt einen elektronischen und sehr ausführlichen Absenderstempel, auf dem nicht nur der Name des Senders, sondern auch sein Netz-Anschluß und sein Provider genannt werden. Remailer-Dienste entfernen diesen Absender und schicken das E-Mail anonym weiter. Aus Angst vor Repressionen von Scientology nutzten viele Diskussionsteilnehmer an «alt.religion.scientology» einen solchen Remailer-Dienst in Finnland unter der Adresse «anon.penet.fi».
Im Januar 1995 wurde Johan Helsingus, der Betreiber von «anon.penet.fi», von Anwältin Helena Kobrin kontaktiert Sie forderte Helsingus auf, den Zugang von seinem Dienst zu «alt.religion.scientology» zu blockieren, weil sein Dienst dazu mißbraucht werde, urheberrechtlich geschütztes Material zu veröffentlichen. Helsingus erklärte, es sei weder möglich noch sinnvoll, E-Mails zu filtern. Im Februar forderte Kobrin von Helsingus die Herausgabe des richtigen Namens eines seiner Kunden, welcher den Dienst dazu benutzt habe, urheberrechtlich geschütztes Material zu veröffentlichen. Als sich Helsingus weigerte, alarmierte Kobrin in Los Angeles die Polizei, die ihrerseits Interpol einschaltete. Am 8. Februar klopfte prompt die finnische Polizei bei Helsingus an und forderte seine Benutzerliste ein. Wenig später standen Beamte vor der Tür von Dennis Erlich. Sein Haus wurde durchsucht, fotografiert und die Beamten konfiszierten und löschten nach Angaben von Erlich Hunderte von Dateien aus seinen Computern. Später wurde Ehrlich auf Verletzung des Urheberrechts verklagt. Ähnlich ging Scientology mit anderen Kritikern vor.
Allerdings verlor die Sekte einige Prozesse gegen die Kritiker unter anderem deshalb, weil jene dank der Unterstützung durch die Electronic Frontier Foundation (EFF) 43 gute Anwälte engagieren konnten. Im Endeffekt hat Scientology mit dem Kampf gegen kritische Einwendungen das Gegenteil dessen erreicht, was die Sekte beabsichtigte. Statt die Kritiker zum Schweigen zu bringen, brachte sie die Hälfte der Internet-Benutzer gegen sich auf. «Kontroversen erzeugen Popularität» stellt Wendy M. Grossman in einer preisgekrönten Reportage über die Auseinandersetzung zwischen Scientology und den Netzbürgern fest, die sie für das amerikanische Magazin Wired 44 geschrieben hat. Dann zitiert sie den ehemaligen Scientologen Robert Vaughn Young, der das Internet als Vietnam für Scientology bezeichnet. Die Sekte habe keine Chance, das Netz zu regulieren. Endlich gebe es einen Ort, wo die Weltanschauung der Scientologen frei diskutiert werden könne.
Dieser Schluß dürfte verfrüht gewesen sein: Die Scientologen sind seither nämlich nach demselben Rezept weiter gegen kritische Informationen im Internet vorgegangen. So hat Compu-Serve im Februar 1998 auf Druck der Scientologen ein Angebot von seinem deutschen «Ourworld»-Bereich ausgesperrt, das sich kritisch mit Scientology befaßt hatte. Die Sekte ist nach bewährtem Muster gegen Compu-Serve vorgegangen - wegen Urheberrechtsverletzung. Die kritische Homepage, die von Tilman Hausherr betreut worden war, ist inzwischen auf das Internet ausgewichen und über einen Berliner Provider abrufbar. 45 Auch in diesem Fall erreichten die Scientologen ihr Ziel nicht: Die Site ist weiterhin verfügbar und durch Presseberichte in der ganzen Welt erst recht populär geworden.
Interessant ist die Rechtslage des Falls. Bei den inkriminierten Inhalten handelt es sich um Parodien von Scientology-Logos und anderen Bildern. Auf den Ulkbildern ist zum Beispiel das «S» von Scientology durch das Dollarzeichen ersetzt worden. Experten sind der Meinung, daß von einer Urheberrechtsverletzung oder Markenverletzung hier kaum die Rede sein kann. 46 Die Verwendung eines Werkes für eine Parodie bedarf im Interesse von Politik und Kunst keiner Erlaubnis des Urhebers. Compu-Serve hingegen dürfte die Vertragspflichten gegenüber ihrem Kunden Tilman Hausherr verletzt haben, weil die Site ohne Kündigung geschlossen wurde.
Heute hat Scientology sehr konsequent die Taktik der Überflutung gewählt. Das Internet, auch das World Wide Web, wird mit positiven Informationen über die Sekte überschwemmt. Scientology hat eine große Zahl von Websites aufgeschaltet, auch in Deutschland und in der Schweiz. In der Schweiz hat die Organisation vier aktive Webseiten, 14 weitere Adressen sind bereits reserviert, aber noch nicht in Betrieb, 47 in Deutschland sind sieben Adressen aktiv, im übrigen Europa werden in fast jedem Land offizielle Websites angeboten. 48
Am 19. April 1995 um 09:02 Uhr zerstörte eine Bombe das Alfred P Murrah Federal Building in Oklahoma City und tötete über 160 Menschen. Schon nach ersten Untersuchungen stellte sich heraus, daß es sich bei der Bombe um ein selbstgebasteltes Exemplar gehandelt hatte - und sofort hatten die Massenmedien eine These bereit. Das Rezept für die Bombe stamme aus dem Internet. Bestätigt hat sich die These nicht, doch gibt es andere Fälle vom Bombenexplosionen, die sich auf Informationen aus dem Internet zurückführen lassen. So wurden im Februar 1996 in Syracuse im amerikanischen Bundesstaat New York drei 13jährige Jugendliche festgenommen, weil sie mit selbstgebastelten Bomben ihre Schule in die Luft sprengen wollten. Sie hatten sich mit Hilfe von Diesel, Düngemitteln und einem Elektrokabel Sprengkörper gebaut; eine der Bomben war bereits auf einem Acker in die Luft geflogen.
Die Anleitung für ihr gefährliches Spielzeug hatten die drei zu Hause aus dem Internet geholt. Prompt machte der Vorfall weltweit Schlagzeilen à la «Schüler wollten mit Internet-Bombe Schulhaus sprengen». 1997 explodierten auch in Europa mehrere solche «Internet-Bomben». Die erste Detonation ereignete sich in Tampere, Finnland, als eine Bombe auf dem Rathausplatz explodierte und großen Sachschaden anrichtete. In Südschweden erlitt kurz darauf ein anderer Bastler schwere Verletzungen. Der bisher gravierendste Fall ereignete sich im finnischen Helsinki. Zwei Teenager im Alter von 14 und 16 Jahren hatten eine Bombe gebaut, die in einem Hochhaus explodierte. Nur durch großes Glück wurde niemand getötet, der 16jährige erlitt jedoch schwere Verletzungen an der Hand.
Die «Rezepte» für solche Waffen lassen sich in der Tat schnell und einfach im Internet abrufen. Eine der beliebtesten und umfangreichsten Adressen ist «The Anarchist's Cookbook», 49 das unter verschiedenen Adressen in immer neuen Versionen abrufbar ist. Es gibt eine Reihe weiterer solcher Anleitungen, darunter zum Beispiel das «The Terrorist's Handbook» 50 oder «Sweden Underground Files» 51. Die Texte erklären Schritt für Schritt, wie sich Bomben oder andere Waffen aus in der Regel frei erhältlichen Chemikalien wie Düngemitteln herstellen lassen, wie die Bomben am «besten» eingesetzt werden und auf welche Weise die «besten Effekte» erzielt werden.
Die Seiten wechseln zwar häufig die Adressen, weil sie immer neuen Verboten durch die Behörden ausweichen, sie lassen sich dank Internet-Suchdiensten aber immer wieder aufspüren. Ein eindeutiges Suchwort für die Bomben-Rezepte ist etwa die Eingabe von «Ammonium Nitrate-Fuel Oil», der Bezeichnung für das beliebteste Bombenrezept. Laut Medienberichten sollen sich inzwischen sogar «offizielle» Terrororganisationen an den Rezeptseiten beteiligen. So soll die Irisch-Republikanische Armee (IRA) im Februar 1997 von Amerika aus Anleitungen zum Bombenbasteln im Internet verbreitet haben. Laut der britischen Nachrichtenagentur Associated Press handelt es sich bei den Daten um Anleitungen zum Bau von Nagelbomben, Rohrbomben und Granaten. Das britische Nordirland-Ministerum in London erklärte, die Polizei werde den «bedauerlichen Vorfall» untersuchen. Britische und nordirische Politiker reagierten entrüstet auf die Nachricht und forderten juristische Schranken vor dem Mißbrauch des Internet.
Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang der «Unabomber» - der Codename des FBI (aus «Un» für «Universitäten» und «A» für «Airlines») für einen Bombenterroristen, der 18 Jahre lang mit handwerklich perfekt gefertigten Briefbomben amerikanische Wissenschaftler und Wirtschaftsführer bedrohte. Im April 1996 konnte der Unabomber dank Hinweisen seines eigenen Bruders festgenommen werden. Es handelte sich um Theodore Kaczynski, einen hochbegabten Mathematiker, der im Alter von zwanzig Jahren sein Mathematikstudium an der Harvard University abgeschlossen und mit 25 Jahren promoviert hatte. Später unterrichtete er an der University of Califorma in Berkeley Mathematik, kehrte der Gesellschaft jedoch 1969 den Rücken und zog sich in die Natur zurück. Jahrelang lebte er völlig abgeschieden, ernährte sich von wilden Hasen und aus seinem Garten - und bedrohte die Welt von 1975 an mit Paketbomben.
In einem Manifest, dessen Veröffentlichung er im September 1995 erzwang, warnte er vor der Diktatur durch die Wissenschaftler und vor der zunehmenden Distanz des Menschen zur Natur. Wegen dieses Manifestes wurde der Unabomber im Internet zu einer Berühmtheit - an dem Text erkannte David Kaczynski allerdings auch, wer dahinter steckte: Er erinnerte sich an einige Zitate seines Bruders.
Mit seinem Manifest traf der Unabomber bei vielen Internet-Benutzern einen empfindlichen Nerv. Die Mischung aus Philosophie, Technologiekritik und anarchistischen Forderungen kam weltweit gut an. Der Unabomber avancierte zur Kultfigur und wurde auf vielen Webseiten als Befreier von der Techno-Diktatur gefeiert. Auch das FBI wandte sich ans Internet: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundespolizei schrieb das Büro einen Verbrecher im Internet zur Fahndung aus und bat die Netzbenutzer um Hinweise. Auch während und nach der Gerichtsverhandlung ist der Unabomber ein großes Thema im Web. Der amerikanische Medienkonzern Time Warner hat die Bericht-erstattung seiner Medien über den Fall, vor allem von Time und CNN, auf einer Unabomber-Seite zusammengefaßt. 52 Natürlich berichtet das amerikanische CourtTV umfassend über den Fall 53 und der elektronische Nachrichtendienst «Nado.Net» richtet gar eine eigene Domäne für den Unabomber ein. 54 Wie zu erwarten war, beschäftigt die Sache zahlreiche Akademiker, einige von ihnen richten auf Universitätsrechnern umfangreiche Informationsangebote und Diskussionen über den Fall ein. 55 Und natürlich gibt es eine Fangruppe im Usenet. 56
Seit der Unabomber die Welt mit Bombendrohungen und echten Bomben erschüttert hat, nehmen die Behörden Drohungen auch aus dem Umfeld des Internets besonders ernst. Diese Erfahrung machten im Dezember 1997 zwei Jugendliche. Eigentlich sollte es nur ein Scherz sein, doch den beiden 13jährigen Jungen verging das Lachen, als plötzlich Bundesbeamte vor ihrer Wohnungstür standen. Sie hatten Hillary Clinton aus Jux eine E-Mail gesendet, in dem sie behaupteten, daß sich ein Scharfschütze um das Weiße Haus herumtreibe und eine Tasche mit einer Bombe sich auf dem Gelände befinde. Die beiden Jungen, deren Namen nicht bekanntgegeben wurden, hatten laut ihres Anwalts Kemper Durand mit einem Computergame gespielt, als ihnen die fatale Idee kam. Das Urteil des Jugendgerichtes fiel milde aus: Wenn die Jugendlichen ein Jahr lang den Behörden nicht mehr auffallen, werden die Anschuldigungen gegen sie ohne Eintrag ins Strafregister fallengelassen.
Wie ernst die Behörden das Internet als Propagandamedium für extremistische Organisationen nehmen, zeigt ein anderer Rechtsfall. Der Algerier Ahmed Zaoui (38) hat die Schweiz beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg verklagt, nachdem die Regierung gegen Zaoui ein Internet-Verbot erhob. Zaoui ist einer der Führer der «Front Islamique du Salut» (FIS), des islamistischen Widerstandes gegen das Regime in Algerien, und gilt damit als Terrorist. Er lebt seit November 1997 im Wallis - wohlbeobachtet von der Bundespolizei und der Schweizer Boulevardpresse. Er ist «unter Umgehung der Grenzkontrollen» trotz Einreisesperre von Belgien aus in die Schweiz gereist und hat Ende 1997 um Asyl gebeten. 1995 war er in Belgien als Leiter einer kriminellen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Um zu verhindern, daß Zaoui ständige Kontakte zu in der Schweiz lebenden Mitgliedern des FIS unterhält und extrempolitische Aktivitäten entwickelt, grenzten die Walliser Behörden die Bewegungsfreiheit von Zaoui ein.
Doch Zaoui politisierte trotz der verfügten Eingrenzung via Internet weiter. Er gründete ein provisorisches Büro des «Conseil de Coordination du Front Islamique du Salut à l'Etranger» (CCFIS) und ernannte sich selbst zum Präsidenten. Das Büro soll die nach Europa emigrierten FIS-Angehörigen führen und deren Aktivitäten koordinieren. Ziel ist es, die Mitglieder und Sympathisanten des FIS zu vereinigen und den Widerstand in Algerien zu unterstützen. Weil der Bundesrat die Schweiz nicht in die Auseinandersetzung in Algerien hineingezogen sehen möchte, hat er Zaoui daraufhin das Internet verboten. Jean Lob, der Anwalt von Zaoui, bezeichnet das Verbot als Kommunikations-Einschränkung, die der Europäischen Menschenrechtskonvention widerspreche.
Es scheint eine Art Muster für die Benutzung des Internets durch extreme Gruppierungen zu geben: Ähnlich, wie pornographische Inhalte dazu beigetragen haben, daß sich neue Technologien durchsetzen konnten, weil die obszönen Bilder jeweils auf neue Medien auswichen, entziehen sich problematische Inhalte extremer Gruppierungen durch das Ausweichen auf Neue Medien der staatlichen Zensur - oder die Gruppierungen versuchen, durch frühes Durchdringen dieser Medien Macht zu gewinnen.
Im Gegensatz zu sexuellen Inhalten machen politisch extreme Inhalte kaum Schlagzeilen, Experten bezeichnen gerade das als größte Gefahr. Michael Whine etwa, ein britischer Spezialist für Antisemitismus und Berater des Institute of Jewish Affairs, betrachtet die Ignoranz der Behörden als bedenklich und sieht eine Welle immer extremerer Publikationen auf uns zukommen. 57 Für Nazijäger Rick Eaton vom Simon Wiesenthal Center ist nicht nur die Existenz rechtsextremer Propaganda im Internet problematisch, sondern vor allem die Möglichkeit, seriöse und extremistische Informationen miteinander durch Links zu verbinden. «Teuflisch» nennt Eaton diese Möglichkeit der gezielten Desinformation.58 Wenn ein Schüler für einen Aufsatz etwa Informationen über den Holocaust im Internet sucht, stößt er nicht nur auf seriöse Angaben von Universitäten, historischen Instituten oder dem Simon Wiesenthal Center, sondern auch auf die Seiten derer, die den Holocaust verleugnen. Das Problem: Die volksverhetzenden Angebote unterscheiden sich optisch zum Teil kaum wahrnehmbar von seriösen Einträgen. Wer sich da nicht auskennt, nimmt die revisionistische Propaganda schnell für bare Münze.
Ähnliche Bedenken äußern Sektenfachleute bezüglich der Präsenz von Sekten im Internet. Dazu kommt, daß Internet-Benutzer offenbar eine gute Zielgruppe für elektronische Missionsbemühungen sind. «Einer Person, für die der Computer zum Partner geworden ist, fehlt ein wichtiger emotionaler Bereich. Das ist eine Lücke, in welche die Sekten eindringen können», erklärt etwa Susanne Schaaf von der Zürcher Sektenberatungsstelle Infosekta. 59
Wie das Beispiel Scientology zeigt, muß die Gefahr im Cyberspace nicht unbedingt in der Veröffentlichung von Inhalten bestehen, auch das Gegenteil ist möglich: das Verhindern einer Veröffentlichung oder die gezielte Manipulation ganzer Bereiche der elektronischen Welt.
Werden die politischen und religiösen Inhalte in ihrer Bedeutung von der Öffentlichkeit eher unterschätzt, so werden die terroristischen Inhalte wie etwa Anleitungen zum Bombenbau überschätzt. Eine Ursache liegt sicherlich darin, daß uns die Gefahr durch Bilder und Berichte greifbar vor Augen geführt wird. Die optischen Eindrücke der Bombenopfer von Oklahoma graben sich ähnlich tief ins Gedächtnis ein wie pornographische Bilder. Werden solche Bilder auch nur verdachtsweise in der Presse mit dem Internet assoziiert, ist das Urteil der Öffentlichkeit schnell gefällt: Im Internet sind gefährliche Informationen verfügbar. Rassistische, politisch und religiös extreme Inhalte lassen sich nicht so einfach auf ein Bild reduzieren. Gerade bei technisch komplizierten Sachverhalten reagiert die Öffentlichkeit aber stark auf bildhafte Kommunikation. Ein gutes Beispiel dafür ist der mißglückte «Elchtest». Die Konzernleitung von Mercedes Benz konnte noch so lange darauf hinweisen, daß die A-Klasse fünf Millionen Testkilometer fehlerfrei hinter sich gebracht habe und die Situation des Elchtests im Alltag reichlich unwahrscheinlich sei - die Öffentlichkeit hatte das Bild des gekippten Kleinwagens gesehen, der Beweis für die Unsicherheit der A-Klasse lag optisch vor. Damit will ich nicht sagen, daß Rezepte zum Bombenbasteln nicht gefährlich seien, aber gemessen an den übrigen Inhalten des Internets, vor allem solchen, die der politischen Agitation dienen, ist die Gefahr terroristischer Inhalte wohl nur am Rande relevant. Dazu kommt, daß das Wort «Internet-Bombe» ein recht unsinniges Produkt der Schlagzeilentexter in den Zeitungsredaktionen ist. Die Informationen, die für Bombenbastler, Einbrecher und Drogenpanscher im Internet publiziert werden, sind auch auf anderen Wegen erhältlich. Die Bezeichnung «Internet-Bombe» ist also etwa so sinnvoll, als würde man von einer «Bibliotheks-Bombe» sprechen, wenn die Informationen aus einer Bücherei stammen.
Insgesamt muß das Gefahrenpotential, das in Informationen extremistischer Herkunft liegt, als wesentlich größer beurteilt werden, als das von pornographischen Inhalten. Der Grund ist einfach: Pornographie zeichnet sich per definitionem durch Explizitheit in Bild und Text aus. Folglich ist Pornographie ganz automatisch als solche zu erkennen. Natürlich gibt es im Grenzbereich zwischen Erotik und Pornographie Inhalte, die vielleicht nicht klar zuzuordnen sind, oder es gibt Fälle, wo die pornographische Natur eines Textes sich erst nach Entschlüsseln einer sublimen Bildersprache erkennen läßt. Dennoch: Pornographie ist explizit, es ist ja gerade die schreiende Augenfälligkeit von pornographischen Bildern, die uns stört. Die Inhalte lassen sich gerade deshalb aber relativ leicht erkennen und als unerwünscht ausgrenzen. Politisch oder religiös extreme Informationen dagegen lassen sich formal nicht von seriösen Informationen unterscheiden. Extreme Gruppierungen wählen im Gegenteil oft gerade die Politik des «Wolfs im Schafspelz» und tarnen ihre fragwürdigen Aussagen als wissenschaftliche Studien oder neutrale Informationen oder treten gar, wie dies beim «Institute for Historical Review» (IHR) in Kalifornien der Fall ist, gleich selbst als wissenschaftliches Institut getarnt auf. Daß das Internet immer noch die Aura des Mediums von Wissenschaftlern und Universitäten hat, kommt solchen Angeboten nur gelegen.
Neu ist die Gefahr der Beeinflussung seriöser Informationen mit extremistischen Inhalten keineswegs. «Braune» Zeitschriften sind an jedem Kiosk verfügbar, religiöse Traktate oder Handzettel von Sekten werden einem in der Bahnhofsunterführung in die Hand gedrückt, einzelne Sekten missionieren immer noch von Tür zu Tür. Ähnlich wie bei der Pornographie verschärft das Internet jedoch die Gefahr, ungewollt mit solchen Inhalten in Berührung zu kommen. In einer Bibliothek existiert immer eine ordnende Instanz, die für ein bestimmtes Qualitätsniveau des Bestandes sorgt. Die Bücher und Zeitschriften sind nach einem Prinzip ausgewählt; wenn extremistische Inhalte vorhanden sind, sind sie als solche gekennzeichnet oder in einem «Giftschrank» verschlossen und nur auf Nachfrage verfügbar. Anders im Internet: Dort existiert keine ordnende Instanz, niemand trennt wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Texte voneinander. Alle Inhalte sind im Netz gleichermaßen präsent, die Seiten des Vatikans sind nur einen Mausklick vom Angebot Beate Uhses entfernt. Formal unterscheiden sich die Informationen eines Ernst Zündels kaum von denen eines gewissenhaften Geschichtsprofessors einer Universität. Wer eine Suchmaschine im Internet nach «Holocaust» suchen läßt, erhält vom Computer die Seiten jüdischer Organisationen ebenso gemeldet wie die Seiten der Revisionisten. Der Computer sucht nur nach dem Wort «Holocaust», eine inhaltliche Bewertung oder eine Wertung der Quelle kann er nicht vornehmen.
Die oft zitierte Gefahr aus dem Cyberspace hat verschiedene Gesichter. Neben der Veröffentlichung von illegalen Inhalten und der freien Verfügbarkeit von nicht jugendfreien Inhalten liegt sie auch in der Verhinderung kritischer Beiträge sowie in gezielter Manipulation.
Welche Rolle spielt die Tatsache, daß die inkriminierten Inhalte im Cyberspace verfügbar sind? Die elektronische Speicherung macht Inhalte körperlos. Unabhängig von Lagerort, Zeitpunkt der Erzeugung und Umfang ist die Verfügbarkeit der Inhalte identisch. Die elektronische Speicherung führt zu einer Virtualisierung des Wissens, ähnlich wie die elektronische Textverarbeitung zu einer Virtualisierung eines Textes führt. Das bedeutet, daß es zu einer Egalisierung der Inhalte kommt. Die Inhalte langer Dokumente sind ebenso verfügbar wie jene kurzer. Für den Konsumenten hat das zur Folge, daß er sich nicht mehr am Aussehen oder am Aufbewahrungsort eines Dokuments orientieren muß oder kann. Die Inhalte werden dank leistungsfähiger Suchmaschinen per se verfügbar. Auf den ersten Blick ist dieser Zustand äußerst angenehm, denn es kann ja nichts Besseres passieren, als daß grundsätzlich alle Menschen der Welt Zugriff auf alle Informationen haben. Doch gerade die Arbeit mit Suchmaschinen hat drei problematische Aspekte:
Manipulation: Suchmaschinen im Internet sind keineswegs unbestechliche Roboter, die akribisch nach einer Information suchen und intelligent das wichtigste Dokument zuerst präsentieren. Die Suchmaschinen basieren auf relativ einfachen Programmen (sogenannten «Spiders»), welche Seite um Seite aus dem Internet laden und die Inhalte, die sie darauf finden, indexieren. Weil sie sich dabei nicht nur auf die sichtbaren Inhalte stützen, sondern auch sogenannte «Meta-Tags» miteinbeziehen, also vom Urheber unsichtbar eingeführte Anmerkungen über die Art des Inhalts, lassen sich Suchmaschinen relativ einfach manipulieren. Wer mit Meta-Tags geschickt zu hantieren weiß, kann dafür sorgen, daß seine Seiten bei der Suche nach gewissen Stichworten immer sehr weit oben auf der Resultate-Liste auftauchen. Es liegt auf der Hand, daß gerade Angebote, die einer nicht ganz lauteren Absicht entspringen, von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Viele seriöse Informationsanbieter wissen gar nicht um diese Möglichkeiten, oder sie interessieren sich nicht dafür, wo ihre Site auf den Resultatseiten der Suchmaschinen erscheint, weil sie mit ihrer Publikation im Internet keine spezifische Absicht verfolgen, sondern, etwa an Universitäten, ihre Dokumente lediglich routinemäßig im Internet zur Verfügung stellen.
Unvollständigkeit: Hinzu kommt, daß Suchmaschinen nie das ganze Internet aufzeichnen, sondern immer nur Bruchteile davon. Laut einer Studie des NEC Research Institute in Princeton 60 indexieren die Suchmaschinen im besten Fall ein Drittel der derzeit etwa 320 Millionen Dokumentseiten im Internet. HotBot indexiert 34 Prozent, AltaVista 28 Prozent, Northern Light zwanzig Prozent, Excite 14 Prozent, Infoseek zehn Prozent und Lycos drei Prozent. Auch wenn die Resultate aller Suchmaschinen kombiniert werden, lassen sich nur etwa sechzig Prozent des Internets absuchen.
Egalisierung: Eine Suchmaschine präsentiert Verweise auf einzelne Seiten egalitär, das heißt, der Verweis auf das Standardwerk eines Wissenschaftlers zum Thema und der Verweis auf die hingeschmierte Epistel eines Paranoikers zum selben Thema sehen äußerlich genau gleich aus. Kann der Benutzer in einer richtigen Bibliothek aus Form, Größe, Umfang und Art eines Buches wertvolle Hinweise für die Wertung einer Information gewinnen, ist er im Internet viel stärker auf den bloßen Inhalt angewiesen. Natürlich weisen grafische Aufmachung und Speicherort auf die Herkunft und die Seriosität des Dokuments hin, doch ist es viel einfacher, jemanden über die wahre Herkunft eines Dokuments im unklaren zu lassen. Organisationen wie Scientology oder Gruppierungen wie etwa Rechtsradikale machen sich diese Tatsache bewußt zunutze.
Eine «Gefahr aus dem Cyberspace», wie sie von Boulevard-Medien immer wieder herbeibeschworen wird, gibt es im wörtlichen Sinne nicht, weil es diesen Cyberspace nicht gibt. Cyberspace bezeichnet - wir haben in der Einführung schon kurz davon gesprochen - eigentlich einen virtuellen, einen elektronischen Raum. Von einem solchen Cyberspace kann allenfalls bei Chaträumen gesprochen werden, weil sich da die Teilnehmer virtuell treffen und eine neuartige soziale (Plauder-)Gemeinschaft eingehen. Pornos werden nicht irgendwo im Cyberspace gezeigt, sondern ganz handfest über das Internet als Dateien übermittelt, auf Rechnern gespeichert und schließlich auf einem Bildschirm angezeigt. Rechtsextreme Propaganda wird in einem bestimmten Land auf einem Computer gespeichert und kann dann über Telefonleitung und Internet abgerufen werden.
Die Medien bedienen sich der Metapher Cyberspace wohl deshalb so gerne, weil sich mit einem (Schlag-)Wort ein kompliziertes technisches Gebilde auf ein hübsches Bild reduzieren läßt. Die Erfindung der «Datenautobahn» hat weiter dazu beigetragen, aus dem prosaischen, störungsanfälligen Computernetzwerk namens Internet einen geheimnisvollen Trend zu machen.
Bemerkenswert ist, daß Gesellschaft und Medien weitaus stärker auf Pornos im Cyberspace oder auf Bombenrezepte aus dem Internet reagieren, als sie dies gemeinhin tun, wenn in anderen Medien ähnliche Inhalte auftauchen. Über das barbusige Seite-Drei-Girl regt sich niemand auf, tauchen die selben Bilder aber im Internet auf, ist das Medium schmutzig und gefährlich. Wir haben schon festgestellt, daß der Unterschied offensichtlich nicht an den Inhalten liegt, sondern am Medium; die dritte Seite der Boulevardzeitung ist jedermann vertraut, ein nackter Busen auf einem Computerbildschirm dagegen ist ein neues Bild. Das Medium Internet ist für viele Menschen unbegreifbar und damit unheimlich, vielleicht stechen sexuell aufreizende Bilder auf einem neuen Medium damit stärker ins Auge als in der gewohnten Umgebung.
Wir sind im Alltag einer wahren Flut sexuell stimulierender Bilder in Werbung und Medien ausgesetzt, so daß wir die Reize wohl zu einem großen Teil gar nicht mehr wahrnehmen und die inkriminierten Bilder schlicht verdrängen. In neuer Umgebung, auf einem Computer, den wir bisher ausschließlich als «reines» Arbeitsinstrument begriffen haben, wirkt der Verdrängungsmechanismus nicht, die stimulierenden Bilder kommen voll zum Tragen. Dabei dürften (im Sinne Bornemanns) die Bilder gerade jene Leute besonders ansprechen, die sich am lautesten dagegen wehren.
Bei den Bombenrezepten ist es ähnlich, objektiv gesehen ist die Gefahr, daß sich jemand eine Schußwaffe ganz legal in einem Waffengeschäft kauft, wohl viel größer als die Gefahr, daß jemand sich nach einem Rezept aus dem Internet eine Bombe zusammenbastelt. Auf zwei oder drei solcher Bombenfälle pro Jahr kommen Tausende von Verbrechen, die mit ganz legal erworbenen Waffen begangen werden. Die Gefahr, die von einem Waffenkauf ausgeht, kann von der Gesellschaft verdrängt werden, weil es sich dabei um einen Vorgang handelt, dem an sich nichts Geheimnisvolles innewohnt. Ein Bombenrezept aus dem Internet dagegen ist etwas Unheimliches, Unbegreifbares. Entsprechend reagiert die Gesellschaft.
Fassen wir zusammen: Es gibt gefährliche Inhalte im Internet, problematisch sind dabei vor allem implizit gefährliche Inhalte etwa mit manipulierten Informationen, weil sie weit weniger auffällig sind als explizit gefährliche Inhalte wie Pornographie. Die Tatsache, daß diese Inhalte über das Internet abrufbar sind, ist insofern von Bedeutung, als die Digitalisierung die Inhalte egalisiert und sie sehr verfügbar macht. Daraus aber pauschal eine «Gefahr aus dem Cyberspace» abzuleiten, ist nicht sinnvoll. Alle als gefährlich empfundenen Inhalte existieren auch außerhalb des Cyberspace, Inhalte wie Pornographie sind sogar sehr alte «Bedrohungen». Daß die Gesellschaft diese Inhalte als Gefahr empfindet, wenn sie «aus dem Internet» kommen, liegt nicht an den Inhalten selbst, sondern am Medium. Ursache ist weniger das tatsächliche Gefahrenpotential des Mediums als vielmehr Fehleinschätzungen, die mit seiner Neuartigkeit zu tun haben.
Daß die Gefahr des Internets relativiert werden muß, mindert die Gefährlichkeit einzelner Inhalte für die Gesellschaft nicht. Im Internet müssen dieselben Regeln gelten, wie in der «richtigen Welt», sonst wird die Gesellschaft unterhöhlt.
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1 http://www.webcom.com/~ezundel/
2 http://www.webcom.com/~ezundel/german/chrc/zhaus1.html
3 Der Spiegel Nr.13/ 25.03.1996, 132-142.
4 alt.fan.ernst-zundel
5 http://www.Rudolf-Hess.org/
6 http://www.nationaljournal.org/
7 http://www.npd.net/
8http://www.yahoo.com/Arts/Humanities/History/20th_Century/Holocaust_The/Holocaust_Revisionists/
9 http://www.yahoo.co.uk
10 http://www.yahoo.de
11 http://www.altavista.digital.com
12 IHR Update, Februar 1995
13 vgl. Whine 1997: 210
14 http://www.kukluxklan.org
15 http://www.wiesenthal.com
16 vgl. Focus 23/1997, 197
17 http://www.xs4all.nl/~tank/radikal/
18 http://yi.com/home/MarquardtAngela/index.htm
19 vgl. Der Spiegel Nr. 11/ 11.03.1996, 66 - 99
20 http://www.whitehouse.gov
21 Der offizielle Informationsdienst der Schweizer Regierung ist unter http://www.admin.ch erreichbar, in Deutschland sind der Bundestag unter http://www.bundestag.de/ und der Bundesrat unter http://www.bundesrat.de erreichbar.
22 http://www.conservative-party.org.uk
23 http://www.kantei.go.jp/
24 http://www.genetics.ch
25 http://www.geocities.com/
26 http://196.27.0.22/iraq/
27 http://www.iraq.net
28 http://www.heavensgate.com
29 http://www.sunyerie.edu/mb/html/mb.html
30 http://www.scientology.org
31 http://hkw.iskcon.net
32 vgl. Rosenthal 1995
33 http://www.watchtower.org/
34 vgl. Der Spiegel 13/1996, 140
35 http://www.vatican.va
36 http://www.chief-rabbinate.org.il
37 http://www.virtual.co.il
38 http://www.katholische-kirche.de
39 http://www.pfarrer-pc.de
40 http://www.rkk-bs.ch
41 http://www.scientology.org/
42 vgl Grossman 1995 sowie Wallace/Mangan 1996: 101ff.
43 http://www.eff.org
44 vgl. Grossman 1995
45 http://www.snafu.de/~tilman
46 vgl. Rosenthal 1998
47 Folgende Domainnamen hat Scientology im Schweizer Internet offiziell registriert:
Domainname Status
appliedscholastics.ch p
bookone.ch p
criminon.ch p
dianetics.ch p
dianetik.ch a
dianetique.ch a
e-meter.ch p
febc.ch p
keytolife.ch p
Ironhubbard.ch p
nots.ch p
purification.ch p
sainthill.ch P
scientologi.ch P
scientologie.ch a
scientologist.ch a
scientology.ch p
wise.ch p
48 Die sieben Adressen in Deutschland lauten http://www.dianetics.de, http://www.dianetik.de, http://www.freedom.de, http://www.Ironhubbard.de, http://www.nots.de, http://www.scientology.de und http://www.keytolife.de
49 http://www.nlcomm.com/~lestat/Anarchy/
50 http://www.nlcomm.com/~lestat/Anarchy/Handbook.html
51 http://www.skurup.se/~lrimport/tbbom.htm
52 http://www.cnn.com/SPECIALS/1997/unabomb/index.html
53 http://www.courttv.com/casefiles/unabomber/documents/
54 http://www.unabombertrial.com
55 Zum Beispiel "The Definitive UNABOM Page" an der University of Massachusetts,
http://www.cs.umass.edu/PEehaugsja/unabom/
56 news:alt.fan.unabomber
57 vgl. Whine 1997: 209.
58 vgl. Focus 23/1997, 197.
59 vgl. Rosenthal 1995.
60 http://www.neci.nj.nec.com