![]()
http://www.mediaculture-online.de
Autor: Zindel, Udo.
Titel: Ein Hauch von Hörspiel. Szenische Dialoge.
Quelle: Udo Zindel/Wolfgang Rein (Hrsg.): Das Radiofeature. Ein Werkstattbuch. Konstanz 1997. S. 111-113.
Verlag: UVK Medien.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Udo Zindel
Ein Hauch von Hörspiel
Dialoge sind die wichtigsten Elemente des Erzählens auf dem Theater, im Film und im Hörspiel. Sie lassen Figuren lebendig werden, an ihrer Qualität wird oft die Qualität des ganzen Werkes gemessen. Auch im klassischen Rundfunk der fünfziger und sechziger Jahre waren oft komplette Sendungen als szenische Dialoge angelegt. Historische Ereignisse wurden vor dem Mikrofon nachgestellt, Inspizienten suchten nach metallenen Requisiten, um »mittelalterlichen Schlachtenlärm« zu erzeugen. Galileo Galilei trat in personam auf, auch Gaius Julius Cäsar oder J. Robert Oppenheimer. Als diese Radio-Form neu und ungewöhnlich war, galt sie noch als didaktisch raffinierter Trick, der Vergangenes scheinbar direkt nacherleben läßt. Heute wirken Dialog-Szenen in dokumentarischen Sendungen rasch peinlich, wenn sie nicht hervorragend geschrieben sind. Der berühmte BBC World Service hat für Nachwuchsautoren einige Regeln für gelungene szenische Dialoge veröffentlicht, von denen wir die wichtigsten zusammengefaßt und übersetzt haben:
1. Hören Sie sich in die Rhythmen der Alltagssprache ein und versuchen Sie, Dialoge so natürlich wie möglich zu halten. Vermeiden Sie es, Ihren Figuren Allgemeinplätze oder Allerweltsweisheiten in den Mund zu legen.
2. Führen Sie höchstens sechs Figuren ein - besser weniger. Lassen Sie nicht zuviele Personen in der gleichen Szene auftreten, sonst verwirren Sie die Hörer. Achten Sie auch darauf, keinen reinen »Männer- oder Frauenverein« zu konstruieren.
3. Schaffen Sie klare, unterscheidbare Charaktere. Stellen Sie Ihre Figuren aber gleichzeitig einfühlsam vor und zeichnen Sie deren Eigenschaften und Standpunkte in den Dialogen so subtil wie möglich.
4. Radio-Szenen setzen sich aus vier Elementen zusammen: Sprache, Geräuscheffekte, Musik und Stille. Entscheiden Sie sich genau, welches Klangbild Sie in jeder Szene malen wollen und wie sich die Mischung dieser vier Elemente anhören soll.
5. Die Hörer müssen spüren, wo sich Ihre Figuren bewegen. Das können Sie zu einem guten Teil auf akustische Weise vermitteln, über Geräuschkulissen und Musik. Vermerken Sie deshalb in Ihrem Manuskript Angaben wie diese:
Außenakustik, Straßenverkehr, heulende Polizeisirenen, Regenschauer, Schritte eines Mannes und einer Frau auf nassem Pflaster, Tanzmusik der 40er Jahre leise wie aus einem Radiogerät hörbar, als sie an einem Café vorbeikommen
6. Wenn Sie versteckte Hinweise in Dialoge einbauen, dann arbeiten Sie so vorsichtig wie möglich. Der folgende Satz mag zwar seine Botschaft vermitteln, wirkt aber plump und unecht, weil er nicht alltäglicher Unterhaltung entspricht: »Lieber Himmel, David, jetzt haben wir schon Januar 1949, und wir beide treiben uns immer noch auf den regennassen Straßen von New York herum ... «
7. Belasten Sie Ihre Geschichte nicht mit einer übermäßig komplizierten Handlung oder mit zuvielen Einzelszenen. Schlichtes und Direktes teilt sich oft am besten mit.
8. Bauen Sie keine zu komplizierten Klang- und Musikgebilde. Akustische Elemente sollten den Dialog untermalen, nicht übertünchen.
9. Denken Sie daran: Drama bedeutet, daß verschiedene Charaktere miteinander in Aktion treten. Lassen Sie deshalb nicht eine einzelne Figur den größten Teil Ihrer Geschichte »erzählen«.
10. Wenn Sie zum Ende einer Szene kommen oder wenn die Perspektive wechselt, dann setzen Sie ein hörbares »Zeichen« mit Geräuscheffekten, Musik oder im Dialog. Sonst bleibt der Übergang diffus oder geht gar unbemerkt an den HörerInnen vorbei.
11. Ihre szenischen Dialoge werden umso mehr überzeugen, je mehr Sie Länge und Tempo der einzelnen Szenen, die Schauplätze und ihre Hintergrundakustik variieren.
12. Gönnen Sie sich Spaß dabei, Ihre Geschichte zu erzählen, und locken Sie die Hörer in die Handlung hinein. Genießen Sie es, Ihre eigene Welt zu schaffen.
13. Hören Sie so oft Sie können gute Features und Hörspiele.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.