Offensive über Draht
Medienbildung im Alltag: z.B. beim Medi@Culture-Portal
Lisa Fitz schaufelt Krabbeltiere in sich hinein und, wer ein echter „Faniel” ist, hat sich nach der Kollision des „nervigsten Deutschen” mit dem Gurkenlaster eine Trophäe aus der abgestürzten Ladung besorgt. Fernsehen macht blöd, denn Fernsehen ist blöd. Das ist beileibe keine Neuigkeit und das Wehklagen über den schädlichen Einfluss „der Medien” ist so alt wie sie selbst.
Dabei hinkte die Medienpädagogik stets wie im Märchen vom Hasen und Igel der Entwicklung hinterher, denn sie entsteht im Kontext medientechnischer Entwicklungen und als Reflex auf diese. Sowohl bei der medientechnischen Entwicklung wie auch bei medienpolitischen Entscheidungen will sie mitbestimmen. So formulierte es der Hamburger Medienwissenschaftler Prof. Hans-Dieter Kübler in seinem Nachruf auf die medienpädagogische Zeitschrift „medien praktisch” (2003).
Die Veränderungen im Selbstverständnis der Medienpädagogik diskutierte Kübler auch in seinem eher wissenschaftstheoretisch ausgerichteten Gastvortrag mit dem Titel „Medienbildung zwischen Medienverwahrlosung und Informationsdidaktik” auf der Matinée in Stuttgart
Kompetenzvermittlung statt Norm-Attitüde
Inzwischen hat sich die Medienpädagogik von ihrer normativen und kulturpessimistischen Attitüde befreit und schreibt jetzt, im digitalen Zeitalter, die Vermittlung von Medienkompetenz für Kinder und Jugendliche ganz groß. Ziel ist es, den Heranwachsenden die Fähigkeit zu vermitteln, Medien zu durchschauen sowie sie und ihre Angebote zielgerichtet und angemessen zu nutzen. So formulierte es bereits 1998 der Medienwissenschaftler Stefan Aufenanger.
Das Landesmedienzentrum hat sich in diesem Sinne mit seiner „Medienoffensive Schule II” an die praktische Umsetzung derartiger pädagogischer Zielformulierungen gemacht und will damit seinem eigenen, ganz unbescheidenen Slogan „Wir bilden die Zukunft” gerecht werden.
Das neue Internetportal, das Projektleiter Dr. Christian Hörburger in einer „Medienpädagogischen Matinee” mit einigen durchaus überraschenden Programmpunkten dem Fachpublikum aus Schule und verschiedener Bildungseinrichtungen vorstellte, fungiert als zentrales Online-Portal: Es bietet Informationen zum Hörspiel, zum Film, zur Herstellung der eigenen Webseite, Links zum Thema Sprechen und Schreiben, eine umfangreiche Bibliothek, Beispiele aus Medienprojekten mit Schülern und vieles andere mehr.
Die Nutzer - gedacht ist hier vor allem an die Lehrenden - kann sich die Ergebnisse aus verschiedenen Medienprojekten ansehen, anhören, herunterladen und sich bei Interesse den technischen Support für den eigenen Unterricht über das LMZ besorgen. Das Portal soll die Verwendung elektronischer Medien im Unterricht erleichtern und so ein Mittel zur Förderung der Medienkompetenz der Schüler sein. Das ist eines der Ziele dieser Initiative des Stuttgarter Kultusministeriums.
Susanne Pacher, die Direktorin des LMZ Baden-Württemberg, betonte - wie später auch Hans-Dieter Kübler in seinem Vortrag - , dass aus medienpädagogischer Sicht die real existierende Medienwelt, in der die Heranwachsenden leben, als Teil unserer Kultur betrachtet werden müsse. Dies sei umso dringlicher, weil die Bedrohung durch die Masse an jugendgefährdenden Medien eine neue Qualität erreicht habe.
Die kürzlich entdeckten erschreckenden Dokumente aus einer Hildesheimer Berufschule und aus dem oberbayerischen Wolpertskirchen, wo Jugendliche die Folterungen ihrer Mitschüler auf Video festhielten, zeigten eine bisher nicht gekannte Dimension der Verrohung, so Pacher: „Die Jugendlichen ahmen nicht mehr die Gewalt aus den Medien nach, sie produzieren Gewalt für die Medien.”
Funktion der Handreichung
Weil Kinder und Jugendliche nach dem Vorbild der Medien ihre Wertvorstellungen ausrichten und ihr Styling kreieren, habe die Schule als Ort der Bildung und Erziehung bei der Vermittlung von Medienkompetenz eine wichtige Aufgabe: Das mediaculture - Portal sieht sich, so Pacher, nicht als kritische Instanz gegenüber der Mediennutzung durch Kinder und Jugendliche, sondern als Handreichung dafür.
Der erste Projektabschnitt „Medienoffensive Schule I” war sozusagen die Hardware: Die Schulen wurden mit der notwendigen Technik ausgestattet und die Mitarbeiter und Lehrer für die neue Aufgabe trainiert. Im jetzt gestarteten zweiten Projektteil der „Medienoffensive Schule II” ( Abschluss Ende 2005) steht nun sozusagen die geistig kulturelle Software, die kreative Nutzung von Medien im Vordergrund.
Die Medien sollten zunächst einmal als das begriffen werden, so die LMZ-Direktorin, was sie sind: kommunikative, informative und unterhaltsame Instrumentarien, nicht mehr und nicht weniger. Damit wurde dann dem Besucher auch einsichtig, weshalb das LMZ zur Vorstellung seines Internetportals mit einem Hamlet-Zitat eingeladen hatte: „There is nothing either good or bad, but thinking makes it so” (An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu).
Hans Dieter Kübler, der unter anderem Gründungsmitglied der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) war, plädierte in seiner Tour d´Horizon durch die Geschichte der Medienpädagogik dafür, sie heute zwingend in der Schule zu etablieren.
Verwahrlosung mit Medien
Die These von der wachsenden Gewaltbereitschaft vor dem Fernseher und PC vereinsamter Kids, illustrierte Kübler einleitend mit einem Essay des Direktors des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen”, Christian Pfeiffer, der unter dem Titel „Bunt flimmert das Verderben” nach dem Blutbad von Erfurt in der „Zeit” (39/2003) erschienen war. Danach gilt mindestens ein Fünftel der männlichen Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren als medienverwahrlost. Ihre Freizeit verbringen sie vor dem Fernseher, vor Gewalt - und Actionfilmen sowie am PC mit jugendgefährdenden Computerspielen.
Tatsächlich, so der Forschungsstand, trifft die Medienverwahrlosung nur männliche Jugendliche. Mädchen zeigen diese neue Form abweichenden Verhaltens nicht. Der ungebremste Konsum von Gewalt und Action habe, so zitiert Kübler den Kriminologen und ehemaligen niedersächsischen Justizminister, Auswirkungen auf die gesamte Persönlichkeit: Die Jugendlichen verarmen zusehends in ihrer sozialen Kompetenz, neigen zu Fettleibigkeit und ihre Lernfähigkeit schwindet. Zwischen fünf und zehn Prozent der (männlichen) Risikogruppe lassen sich durch Gewaltdarstellungen anstecken und beziehen darüber direkt ihre Identifikations - und Handlungsmuster.
Damit hat die stets beklagte Gefährdung durch die Medien ein bisher nicht gekanntes Level erreicht. Darauf weise schon, so Kübler, die Terminologie hin: „Verwahrlosung” ist ein Begriff aus der Psychiatrie und bedeutet, dass der Patient in einem Zustand ist, der es notwendig macht, die Öffentlichkeit vor ihm zu schützen. Hier jedoch setzt Küblers Kritik Küblers an den Forderungen Pfeiffers an. Der will mit mehr Schule (Ganztagesschule) und weniger Medienkonsum sowie über die Verbannung bestimmter Inhalte aus dem Fernsehen, so genannten medienverwahrloste Jugendliche wieder ins soziale Leben zurückholen.
Die Medienpädagogik, so argumentiert dagegen Kübler, könne sich heute nicht mehr solcher einfacher wirkungstheoretischer Ansätze bedienen. Die Medienpädagogik sei „seriöser und wissenschaftlicher” geworden und benötige deshalb zur Selbstlegitimation auch nicht mehr die Möglichkeit, dass die Medien schädlich sein können. „Die Medienpädagogik hat die Realitätsmacht der Medien anerkannt”. Sie wendet sich nicht mehr von ihnen ab, sondern setzt auf die Förderung und Qualifizierung der medienpädagogischer Ziele.
Übergeordnet: Medienbildung
Als übergeordneter Begriff rückte Kübler die Medienbildung ins Bewusstsein. Sie erschöpfe sich nicht in der Vermittlung von Medienkompetenz, sondern weise über die reine Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten hinaus. Medienbildung erfasst die mediale Gestaltung unseres Alltags und besitzt nach Küblers Definition eine Persönlichkeitsbildende und eine moralische Dimensionen.
Der Medienwissenschaftler Dieter Spanhel beschreibt Medienbildung entsprechend: "Medienbildung ist ein Prozess, in dem der Heranwachsende und der Erwachsene sein ganzes Leben hindurch eine kritische Distanz zu den Medien und ihren Weiterentwicklungen aufbaut und eine Verantwortungshaltung gegenüber den Medien und im Umgang mit ihnen einnimmt.”
Kübler illustriert den Begriff der Medienbildung mit dem englischen Terminus von der „information literarcy”.Sie beschreibt den ganzen Kanon dessen, was der Mensch in der Informationsgesellschaft beherrschen muss: Erkennen, wann Informationen benötigt werden; erkennen, wie die Informationen evaluiert werden können; erkennen und vermitteln, dass die verwendeten Informationen seriös sind; mit den gefundenen Informationen die gestellte Aufgaben lösen.
Grundvoraussetzung für Medienbildung und Medienkompetenz aber ist die Lesefähgikeit, und die ist - Pisa zeigte es - besonders hierzulande extrem von sozialen Faktoren abhängig. Bisher aber sei, so konstatiert Kübler, sei Medienkompetenz nie sozial zugeordnet worden.
Notwendig sei deshalb vor allem eine Bestandsaufnahme dessen, „was Kinder schon wissen.” Welche „Medienkulturen” sie kennen, und welche Medienkulturen ihre Denkmuster bestimmen: Etwa die Einteilung der Erfahrungswelt in a) Schule als Ort der Enttäuschung und b) Medien als Botschafter von Spaß, Party, Coolness und Konsum.
Auch die Medienpädagogik selbst, so Küblers Beobachtung, habe ambivalente Haltungen zu den verschiedenen Medienwelten. Einerseits werde die mangelnde Ausdauer und Konzentrationsarmut der Schüler beklagt, andererseits Konzepte für ein Edutainement entwickelt. Einerseits finde man es toll, wenn ein Jugendlicher clever mit dem PC umgeht und sein Referat von Google bezieht, anstatt lateinische Texte zu lesen.
Andererseits werde - mit Blick auf Pfeiffers Essay in der „Zeit” - männliche Sozialisation immer prekärer. Mädchen sind in der Schule heute erfolgreicher als Jungen. Eine Entwicklung, die sich statistisch seit zehn Jahren beobachten lässt. Dagegen flüchten sich Jungen in Männlichkeitswelten, die geprägt sind von Mut und Gewalt. Männlichkeitswelten, die den Gegenpool bilden zu den verpönten „Weichei-Kulturen” wie sie die Pädagogik propagiert.
Neue Dimensionen
Um diese Widersprüche produktiv zu überwinden, so Küblers Fazit, benötige die Medienpädagogik den weiten Kulturbegriff. Die Trennung aus den 70er Jahren in „echte Kultur” und „Medienkultur” sei glücklicherweise aufgehoben. „Wir haben heute eine lange Wegstrecke hinter uns gebracht.” Glücklicherweise, könnte man sagen, denn schon spricht die Wissenschaft davon, dass die Beschäftigung mit den Medienwelten durch die Globalisierung eine zusätzliche neue, „medienanthropologische” Dimension erhält: .
Entsprechend findet sich auch in den Projekten LMZ Baden-Württemberg ein Versuch Schüler über Länder und Sprachgrenzen hinweg online kommunizieren zu lassen. Partner sind gegenwärtig finnische, französische und deutsche Schüler aus Karlsruhe. Über ein Programm mit relativ einfacher Oberfläche, so Projektleiter Jörg Schumacher, publizieren die Klassen regelmäßig ihre Wettertagebücher zur gegenseitigen Verwendung im Unterricht.
Selbstredend werden hier nicht nur Fremdsprachen, sondern auch soziale, kreative und technische Fähigkeiten geschult.
Aber es gab neben der geballten Theorie auch unterhaltsame Programmpunkte: Zum Beispiel Jonathan Herbst. Er besucht die 12. Klasse eines Gymnasiums und demonstrierte wie er am PC aus einem Gedicht von Peter Rühmkorf über Goethe im Auto einen Trickfilm mit selbst gezeichneten Bildern, eigener Musik und selbst gesprochenem Text entstehen lässt. Medienbildung in Reinform.
Praktische Demonstrationen
Wie sich Schulen für Behinderte und Lernbehinderte in der Multimedia - Welt einbringen können, demonstrierten blinde und sehbehinderte Schüler der Stuttgarter Nikolauspflege mit ihrer szenischen Darstellung „Stadt der blinden Kinder.” Auch diese ist über mediaculture-online.de unter der Rubrik „Medienprojekte” zu sehen. Genauso wie der Exkurs über die Kunst verständlich zu sprechen - unter der Rubrik „Know how”.
Das übersichtlich gestaltete Portal mit seinen vielen Links lohnt auf alle Fälle einen Blick, nicht nur für Schüler und Lehrer: als Beispiel dafür, wie es aussehen kann, wenn aus Bestandsaufnahmen und theoretischen Befunden unter Rahmenbedingungen des Alltags ein praktisches Instrumentarium gebildet wird - das sich eben im Alltag bewähren muss.
Autorin: Sybille Neth.
Quelle: epd medien vom 24. April 2004, S. 7-9.






